FAZ plus ArtikelKunsthändler vor Gericht

Die Dynastie der Wildensteins findet keine Ruhe

Von Bettina Wohlfarth
07.02.2021
, 16:49
Der aufsehenerregende Prozess um Steuerbetrug endete 2017 für Guy Wildenstein mit einem Freispruch. Das höchste Gericht Frankreichs hat jetzt die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet.

Die „Wildenstein-Affäre“ wird noch einmal aufgerollt. Man kann das als Zeichen dafür sehen, dass die französische Justiz nicht auf ihrer Ohnmacht bei einem der größten Steuerdelikte der jüngeren Geschichte sitzenbleiben will. Anfang 2017 war der heute 75 Jahre alte Guy Wildenstein, in vierter Generation Familienvorstand einer der einflussreichsten und vermögendsten Kunsthändlerfamilien des 20. Jahrhunderts, in einem aufsehenerregenden Prozess in Paris um Erbschaftsbetrug und Steuerhinterziehung freigesprochen worden. Das Gerichtsurteil, bei dem die Staatsanwaltschaft gegen den Hauptangeklagten vier Jahre Gefängnis und ein Bußgeld von 250 Millionen Euro gefordert hatte, ließ die „spitzfindigste und längste Steuerhinterziehung“ der Nachkriegszeit in Frankreich, so die Staatsanwältin Monica d’Onofrio, straffrei ausgehen. Auch seitens des Gerichtspräsidenten Olivier Géron hieß es, dass das in komplexen Trusts mit Briefkastenfirmen in Steueroasen verschleierte Vermögen „über mehrere Generationen vorsätzlich und mit der klaren Absicht der Steuerflucht versteckt“ worden sei. Zum unterschlagenen Kapital sollen große Teile der Kunstsammlung der Wildensteins, außerdem Rennpferde, Luxusimmobilien, eine auf den Virgin Islands oder eine Ranch in Kenia gehören.

Die Saga der Wildensteins handelt vom Aufstieg und Fall einer Kunsthändlerdynastie. Der Begründer des Imperiums, Nathan Wildenstein (1851 bis 1934), stammt aus einer elsässischen Pferdehändlerfamilie; um 1870 lässt er sich mit einem Krawattengeschäft in Paris nieder. Eine seiner Kundinnen vertraut ihm ein paar Gemälde zum Verkauf an, angeblich soll ein Van Dyck darunter gewesen sein. Nathan Wildenstein nimmt die Sache ernst: Er geht erst in den Louvre, studiert dort die Alten Meister – und entdeckt seine Leidenschaft für Kunst. Die Bilder verkauft er zur Zufriedenheit seiner Kundin; er legt die Kommission sogleich im Erwerb seines ersten Gemäldes an. Mit den Jahren wird er zu einem gesuchten Spezialisten vor allem für das 18. Jahrhundert. Geschickt kauft er Werke von in Vergessenheit geratenen Künstlern und treibt dann ihren Marktwert in die Höhe. Seine Sammlung wächst. Jean Siméon Chardin, François Boucher und Jean-Baptiste Greuze, Jean Honoré Fragonard und Antoine Watteau sind seine Lieblinge. Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich Nathan Wildenstein in einem klassizistischen Pariser Stadtpalais in der Rue La Boétie nieder. Von seiner Galerie in New York aus bestückt er die Sammlungen amerikanischer Industriemagnaten.

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