Rilkes Kunstkritik

Wie er die Lampenluft gemacht hat

Von Rainer Stamm
13.03.2013
, 15:33
Mit Rilke in den Kunsthandlungen von Paris: Der Dichter durchstreifte Galerien und Auktionssäle. Seine Aufzeichnungen darüber sind fast ganz vergessen.
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Ich muß nach Weihnachten nach Paris, Bilder schauen, Rodin besuchen und unendlich vieles nachholen“, nahm sich Rilke im Herbst 1900 vor, nachdem er mit Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Clara Westhoff und Paula Becker von Worpswede nach Hamburg gefahren war, wo er die Gemälde der Kunsthalle und die Privatsammlung des Bankiers Eduard L. Behrens besichtigte: „Mir ist, ich lerne jetzt erst Bilder schauen“, notierte er in sein Tagebuch, „im Verkehr mit diesen gewissenhaften und guten Malermenschen, die so unglaublich nahe zu den Bildern kommen.“

Vor der Reise in die Hauptstadt der Künste standen jedoch noch die überstürzte Hochzeit mit Clara Westhoff und die Geburt der gemeinsamen Tochter Ruth. Ende August 1902 schließlich fuhr Rainer Maria Rilke nach Paris, um sich dort an die Arbeit des Sehens zu machen. Während die Besuche des Dichters im Jardin des Plantes und seine Studien in der Bibliothèque Nationale durch Gedichte wie „Der Panther“ oder den Großstadtroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ Weltliteratur werden sollten, sind Rilkes Streifzüge durch die Kunsthandlungen der Stadt weitgehend vergessen, obwohl manche seiner Aufzeichnungen und Bildbeschreibungen so präzise sind, dass sie selbst Provenienzlücken in Werkverzeichnissen schließen können.

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Der erste dieser konkret datier- und belegbaren Besuche galt am 15. Februar 1903 der Vorbesichtigung zur Versteigerung der Sammlung Hayashi im staatlichen Auktionshaus Drouot und fand als gemeinsamer Ausflug des Ehepaars Rilke mit Paula Modersohn-Becker statt: „Die Bilder waren keine Tafelbilder in unserem Sinne sondern Papier- und Seidene Rollen. Da herrschte eine Große Merkwürdigkeit von Form, Farbe und Geist. Die Sachen konnten eine kolossale Stimmung ausdrücken, etwas Nächtliches, etwas Düster Geheimnisvolles, oder auch wieder etwas Mondän-Kokettes“, berichtete die Malerin an ihren Mann nach Worpswede.

Cézanne ist „wunderbar“

Am ersten Juniwochenende desselben Jahres öffnete die Galerie Durand-Ruel in der Rue Le Peletier ihre Türen zur Vorbesichtigung der Fresken von Boscoreale: Am 8. Juni 1903 sollte der nahezu vollständige Zyklus der römischen Wandbilder aus der kurz zuvor unweit von Pompeji ausgegrabenen Villa P. Fannius Synistor versteigert werden. Die Erwartungen für das einzigartige Ensemble lagen bei 1,8 Millionen Franc und entpuppten sich als unrealistisch. Von den Wandbildern, „die noch einmal gezeigt wurden, in ihrem trümmerhaften, unterbrochenen Zusammenhang, ehe der Zufall der Versteigerung sie ganz auseinanderriß“, wie Rilke seiner Freundin und Muse Lou Andreas-Salomé berichtete, erstand der Louvre das Fragment eines geflügelten Genius. Der Großteil des Ensembles jedoch wurde nach der Auktion durch den Rogers Fund für das Metropolitan Museum New York erworben, wo er heute zu sehen ist.

Während ihn die pompejanischen Fresken und die Werke chinesischer und japanischer Kunst aus der Sammlung Hayashi in ferne Welten und Zeiten versetzten, begegnete Rilke in der Galerie von Gaston und Josse Bernheim-Jeune am Boulevard de la Madeleine der Kunst seiner Zeit. „Bei Bernheim jeune sah ich Van Goghs: ein Nachtcafé, spät, öde, wie als wenn man mit übernächtigten Augen sähe. Wie er da die Lampenluft gemacht hat (indem er Kreise konzentrisch um die Hängelampen herumgezogen hat, die so allmählich in den Raum sich auflösen), das ist lange nicht mehr Malerei, aber es ist mit Farben erzwungen, und es überwältigt“, schreibt er im Juni 1907 über das gelb, rot und grün gleißende Gemälde, das im Jahr darauf der russische Sammler Iwan Morosow erwerben sollte. Und: „Dort sind auch Maillols: sehr, sehr schöne. Ein Mädchentorso, noch im Ton (soll gebrannt werden), der unbeschreiblich ist. Und gleichzeitig wird auch wieder eine bekannte Japan-Sammlung dieser Tage versteigert, die man auch noch sehen müßte!“

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In der Galerie Bernheim-Jeune, einer der führenden Galerien für die Kunst der Moderne, sah Rilke im Juni 1907 auch die Ausstellungen „Les aquarelles de Cézanne“ und im Oktober desselben Jahres „Les dessins de Rodin“: „Ebenso sicher wie die Bilder und ebenso leicht, als jene massiv sind“, schwärmt er in einem Brief an Paula Modersohn-Becker von den wie fragmentarisch wirkenden Aquarellen des im Jahr zuvor gestorbenen Paul Cézanne, „Landschaften, ganz leichte Bleistiftumrisse, auf die nur da und dort als Nachdruck, als Bestätigung gleichsam, ein Zufall von Farbe fällt, eine Reihe von Flecken, wunderbar angeordnet und von einer Sicherheit im Anschlag: als spiegelte sich eine Melodie -“. Nach dem Tod Cézannes hatte sich dessen Kunsthändler Ambroise Vollard mit den Brüdern Bernheim den Nachlass geteilt, in dem sich 27 Gemälde und 187 Aquarelle befanden; 79 dieser Blätter zeigte die Galerie in ihrer Ausstellung, zu der ein kleiner, heute extrem seltener Katalog erschienen ist. Während sich die Reflexe der Cézanne-Ausstellung lediglich in Briefen an Paula Modersohn-Becker und seine Frau finden, berichtete Rilke für das Wochenblatt „Morgen“ sowie an Karl Scheffler, den Herausgeber der Zeitschrift „Kunst und Künstler“, über die Ausstellung von mehr als dreihundert Aquarellen Auguste Rodins: „Niemals, sind Linien, auch in den seltensten japanischen Blättern nicht, von solcher Ausdrucksfähigkeit gewesen und zugleich so absichtslos.“

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Kaufen konnte Rilke nichts

In der Galerie Bernheim-Jeune hatte Rilke die - wie es noch 1907 in der „Kunstchronik“ hieß - „ultra-modernen“ Werke von Van Gogh, Cézanne und Rodin gesehen. Als Anfang Oktober des Jahres die Cézanne-Retrospektive des Salon d’Automne eröffnete, war er somit bestens darauf vorbereitet. Die zarten Pastelltöne des Ancien Régime, die als nostalgisches Kolorit die „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ durchziehen, fand der Dichter indes wenige Häuser weiter, in der Galerie Georges Petit in der Rue de Sèze. Im Juni sah er dort die „Exposition Chardin et Fragonard“, im Jahr darauf eine Ausstellung mit Pastellen des 18. Jahrhunderts aus Privatbesitz. „Das Dix-huitième ist wieder einmal da in hundert Pastellen“, schrieb er an die befreundete Malerin Mathilde Vollmoeller über die entrückten Bildnisse aus vergangener Zeit, „mit allen diesen Rosa und Grau, die so momentan und hinfällig scheinen, und dem Blau in den Ordensbändern, das für alle anderen Farben Stärke und eine Art rührende Entschlossenheit hat.“

Im Jahr 1911 dann besuche Rilke bei Georges Petit die Vorbesichtigung zur Auktion mit Bildern, Plastiken und Möbeln des 18. Jahrhunderts aus der Sammlung des Schriftstellers Pierre Decourcelle: „Von Houdon war eine terre cuite da, eine Büste J. J. Rousseau’s und drei Köpfe der Töchter Houdon’s in ganz zeitigem Alter, Sabine, Anne-Ange und Claudine Houdon, Arbeiten voll naiver Coquetterie mit dem Raum, sozusagen, gemacht in der Annahme, daß die ganze Luft bis weit herum Dix-huitième sei, glücklich in ihr wie Knospen in einem leichten Wind.“ Mit seinen Museen und Kunsthandlungen war Paris für Rilke eine Schule des Sehens. Kaufen konnte er bei seinen Besuchen in Auktionshäusern und Galerien allerdings nichts: Über den Zuschlag von Augustin Pajous Büste der Madame Du Barry bei 192 000 Franc konnte Rilke nur vermerken, „es wird bald nichts mehr als Geld geben, und einige Menschen drunter und einige Menschen obenauf“.

Der Verfasser ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg und Herausgeber des Briefwechsels von Paula Modersohn-Becker mit Rainer Maria Rilke (Insel-Verlag).

Quelle: F.A.Z.
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