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Rundgang durch die Galerien

Exodus aus Berlin?

Von Kevin Hanschke
Aktualisiert am 18.05.2020
 - 16:09
Sophie Reinhold, „Portrait of the Ram“, 2020, Öl auf Marmormehl auf Jute, 110 mal 90 Zentimeter bei Contemporary Fine Arts, Berlin.zur Bildergalerie
Die Galerien in der Hauptstadt öffnen wieder. Aber die Zeitgenossen-Szene ist beunruhigt über die Kulturpolitik des Senats.

Die Sammlung Flick, der „Me Collectors Room“, die Julia Stoschek Collection. Innerhalb von wenigen Wochen haben drei Sammler ihren Abzug aus Berlin verkündet, und der Aderlass der deutschen Kunsthauptstadt, der schon mit der Absage der Messe Art Berlin einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, geht weiter. Auch Axel Haubrok erwägt den Weggang; das Kunst-Areal in Berlin-Lichtenberg, das er zur Förderung junger Künstler aufbaute, ist schon länger – wegen der angeblichen Gefahr von Gentrifizierung – bedroht.

Nach dem Lockdown eröffnen jetzt die ersten Galerien wieder. Doch die Krisenstimmung hat sich verstärkt. Wie wird die Situation den Kunstmarkt, zumal in Berlin, treffen? Viel wurde in dieser Zeit über Unterstützung durch den Bund diskutiert. Ein Rundgang durch die aktuellen Ausstellungen gibt Aufschluss über einen vor allem Zeitgenossen-Markt, der sich am Scheideweg befindet. Und über eine Stadt, die es vor wenigen Jahren mit Kunstzentren wie New York oder London aufnehmen wollte und nun dringend neue Strategien finden muss, um Galeristen, Sammler und Künstler an sich zu binden.

Bei Barbara Thumm hat das Tagesgeschäft wieder begonnen. Am Freitag hat die neue Schau „Rats and Horses“ eröffnet, die collagenartige Arbeiten von Jo Baer zeigt (bis zum 31. August). Thumm hat dafür großformatige Pergamentzeichnungen zusammengestellt, wie die Kohle-Serie „With Bruce Robins“, die unterschiedliche Körperausschnitte von Rennpferden in Bezug zu menschlichen Leibern setzt (je 12.000 Euro). In den Graphitzeichnungen „Brute Matter“ und „The River Thames“ von 1992 widmet sich Baer ihrer Leidenschaft für Kartographie und interpretiert Höhlenmalerei neu (je 180.000 Euro). Bisher ist Thumm mit der Resonanz zur Ausstellung zufrieden. Doch sie fürchtet, dass sich die Folgen von Corona über das ganze Jahr ziehen könnten. Besonders kritisch aber betrachtet sie die Leistung der Stadtpolitik: Es fehle an Visionen und Fingerspitzengefühl im Umgang mit der privaten Kunstszene, sagt sie.

Ähnlich sieht es Nicole Hackert von Contemporary Fine Arts (CFA). Sie unterstützt die aktuelle Petition für eine Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent bei Kunstkäufen: „Für die Bundespolitik wäre jetzt ein guter Anlass, diese Unterstützung für den Kunstmarkt elegant umzusetzen.“ Und sie spüre einen Exodus aus Berlin – Kollegen, die überlegen, ins Ausland zu gehen, oder Sammler, die der Stadt den Rücken kehren. Hackert versteht nicht, wie die deutsche Kulturpolitik es zulassen kann, dass deutsche Künstler weltweit mitmischen, aber der deutsche Käufermarkt in die Bedeutungslosigkeit falle. Für Hackert ist das Potential da, das zeige sich in der hohen Resonanz, die CFA von internationalen Sammlern für die aktuelle Konzentration auf Positionen aus Deutschland bekomme. Eine dieser Künstlerinnen ist die 1981 in Berlin geborene Sophie Reinhold, die CFA derzeit ausstellt. Reinhold schafft mit ihren Ölbildern balladenartige Situationen. Viele der Werke – die verträumte Gerichtsszene „Courtroom“ (30.000 Euro) oder das knallbunte „R U concerned? (Eiermann)“ (9000 Euro) mit einem melancholisch dreinschauenden Ei – erzählen Geschichten von Hoffnung und Isolation (bis zum 20. Juni).

Bei Sprüth Magers wird eine Kernkompetenz der Galerie, die Installation, zelebriert (bis Ende Juni). Präsentiert sind Kara Walker und Richard Artschwager. Die Amerikanerin Walker ist mit „The Sovereign Citizens Sesquicentennial Civil War Celebration“ von 2013 vertreten, einem riesigen Scherenschnitt, der sich kritisch mit der „White Supremacy“-Bewegung und dem Bürgerkriegsgedenken auseinandersetzt. Die Landschaftsbilder von Richard Artschwager vergegenwärtigen den Umgang mit Farbe und Textur in seiner letzten Schaffensperiode (22.500 bis 25.000 Dollar). Die Galeristin Philomene Magers hofft für Berlin auf Synergien durch das frühe Ende des Lockdowns: „Die globale Kunstwelt schaut im Moment auf die Stadt als einen der wenigen Orte, an dem Galerien wieder geöffnet sind.“

Auf Digitalität setzt Johann König, er sendet live Künstlergespräche über soziale Netzwerke. Derzeit beginnt die Ausstellung „Short Story“ von Elmgreen & Dragset (bis zum 2. August). Das Künstlerduo hat für seine Installation einen Tenniscourt entworfen. Eine Figur liegt am Boden, hat das Match verloren; die andere steht vom Verlierer abgewandt. Sie hält den Pokal in Händen und schaut verbissen in die Ferne: „Winner and Loser“ (Preis auf Anfrage), die Auseinandersetzung zwischen Sieg und Niederlage, steht auch sinnbildlich für die Krise auf dem Berliner Kunstmarkt.

Johann König ist schockiert über den Verlust der drei Sammlungen. Den Umgang mit Friedrich Christian Flick nennt er einen hausgemachten Skandal. Das Ende der Messe Art Berlin, die Mehrwertsteuer auf Kunst und die steigenden Mieten, so König, setzten katastrophale Signale in einen Umfeld, das schon immer fragil gewesen sei. Auch um nachfolgende Generationen macht er sich Sorgen: „Aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen sind solche Karrieren wie meine heute unmöglich in Berlin.“ König attestiert dem Senat eine Fehleinschätzung der Lage: Die freie Kunstszene, die massiv gefördert werde, wünsche sich Galeristen, die diese Künstler vertreten. Die Galerien bekämen aber keine Unterstützung – stattdessen würden die Lager gegeneinander ausgespielt.

Gegen das “Berlin-Bashing“

Anders Esther Schipper, sie wehrt sich gegen das „Berlin-Bashing“ und möchte sich zu den politischen Entwicklungen nicht äußern. Sie nehme dagegen viel Rückhalt bei Sammlern wahr. Noch bis Ende Mai zeigt sie die Architektur-Installation „Fog Dog“ des Künstlers Daniel Steegmann Mangrané, die das Verhältnis von Mensch und Hund analysiert (Preis auf Anfrage).

Insbesondere die kleineren Galerien seien von der Krise betroffen, heißt es oft. Philipp Haverkamp hat aus der Not heraus sein Ausstellungsprogramm verworfen und eine Schau organisiert, die das Corona-Tagebuch des in Barcelona arbeitenden Marcel Eichner zeigt. Eichner ist in Berlin gestrandet, kurz bevor der Lockdown begann, und kam bei einer Freundin unter. In zwei Monaten entstanden ausdrucksstarke Bilder aus der Quarantäne, mal düster schwarz, dann wieder farbig und voller Natur (1100 bis 13.000 Euro). Haverkamp ist zufrieden mit der Unterstützung für Kleinunternehmer in Berlin. Dennoch sorgt er sich wegen des Fernbleibens von Touristen und Flaneuren, die während des Gallery Weekends zuvor auch seine Galerie frequentierten.

Optimistisch für die Sommermonate ist Gerd Harry Lybke. Bei Eigen+Art ist kaum etwas von einer Krise zu spüren. Die Galerie öffnet erst am 28. Mai wieder mit der 1982 in Frankfurt (Oder) geborenen Künstlerin Ulrike Theusner. Sie war viele Jahre lang Model und lebte in den Metropolen, mit allen Verführungen und Schattenseiten. Dann kam der Bruch mit dieser Welt, und sie zog nach Weimar. Ihre mit fiebrigem Strich gefertigten Zeichnungen sind expressive Annäherungen an Urbanität und menschliche Abgründe (1200 bis 2800 Euro). Mit allen Künstlern probiere man momentan neue Formate aus. Der Hunger der Leute auf Kunst sei spürbar.

Auch Lybke kritisiert die Verfehlungen der Berliner Kulturpolitik. Galerien seien der kulturelle Wirtschaftsfaktor Nummer eins der Stadt – und würden die Politik nichts kosten. Er meint, dass der Mythos von Berlin als Metropole von Kunst und Kultur gerade enden könnte, weil die Politik die Kunst schlichtweg vergessen habe: „Der Senat dachte, die Kultur und ihr Erfolg seien gottgegeben, und merkt jetzt, dass es nicht so ist“, sagt Lybke. Dennoch hat er Hoffnung. Berlin sei für ihn stets eine Stadt des Anfangs gewesen, der ständigen Veränderung, deshalb werde es immer Goldgräber geben, die unabhängig von staatlicher Unterstützung Neues erschaffen.

Quelle: F.A.Z.
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