Saisonstart

In München mit voller Kraft voraus

Von Brita Sachs
Aktualisiert am 11.09.2020
 - 14:48
Rasmus Nilausen, „Self-portrait as a 36-year-old artist“, 2016, Öl auf Leinen, 81 mal 65 Zentimeter, 5.000,00 Euro bei der Galerie Jahn und Jahn, München.
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Die Münchner Galerien starten an diesem Wochenende mit „Open Art“ und „Various Others“ in die Saison.

Zum dritten Mal führt die Initiative „Various Others“ den Start in den Münchner Kunstherbst an. Eine größere Rolle denn je spielt in diesem Jahr das Ziehen am selben Strang, um nach Monaten weitgehender Abstinenz durch den Lockdown die Lust am analogen Umgang mit der Kunst wachzukitzeln. Dafür lädt die junge Galeristengeneration, die „Various Others“ ins Leben rief, internationale Galerien und Künstler ein und hat Museen, Kunstinstitutionen und Off-Spaces überzeugt, mitzumachen. Deren Sonderprogramme werden die Saison bis in die nächsten Wochen begleiten. Die Basis des Ganzen ist immer noch die „Open Art“, Münchens bewährtes Galeriewochenende, mit 32 Jahren das älteste in Deutschland. Wenn es zunächst die großen bekannten Galerien waren, denen die jüngeren etwas entgegensetzen wollten, so haben die sich inzwischen bestens mit Kollegen wie Bernd Klüser, Rüdiger Schöttle oder Walter Storms arrangiert, zumal die meisten beide Plattformen stützen.

In Zusammenarbeit mit Pace Prints, New York, widmet die Galerie Sabine Knust Shara Hughes ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. Ihre Aquarell-Monotypien stellen die 1981 geborene Malerin als eine Meisterin der Kunst des Unikatdrucks vor, dem sie prächtige, wie verzauberte Landschaften abgewinnt. Denn mit äußeren Realitäten stimmen die in Farbkontrasten schwelgenden Wälder, Seen, Flüsse weniger überein als mit Seelenlandschaften, was in Titeln wie „Not At Ease“ oder „Finding Balance“ anklingt (von 21.500 Euro an, Radierungen von 3000 Euro an; bis zum 10.Oktober).

Großen Aufwand betreibt die von Fred Jahns Sohn Matthias geleitete Abteilung von Jahn und Jahn: „Joker“, zusammengestellt vom Künstler Julius Heinemann, setzt Marcel Broodthaers mit seiner Diaserie „Ombres Chinoises“ von 1973 – einem Sammelsurium gefundener Abbildungen und Cartoons, das den surrealen Zug des Belgiers, seinen Witz und auch kluges Nachdenken übers Bildermachen reflektiert (20.880 Euro) – als eine Art Vaterfigur über die Künstler einer Schau, die von „Bild, Sprache und dem Raum dazwischen“ handelt. Die Auswahl zeigt mit Mitteln der Comic-Kunst operierende Werke des dänischen Künstlers Rasmus Nilausen (García Galería, Madrid), dazu gewebte übermalte Großformate, in denen Caragh Thuring den durchlässigen Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt nachgeht (von 36.000 Euro an, Thomas Dane Gallery, London), und Troels Wörsels Bebilderung von Sein und Schein, wenn auf einer Bildhälfte von „Orange & Scotch“ das Wort für die Farbe auf eben orangefarbenem Grund geschrieben steht und auf der anderen Hälfte eine Flaschensilhouette vor Schottenmuster liegt (45.000 Euro, Jahn und Jahn; bis zum 10. Oktober).

Vom Pferd erzählen Künstler, die Johannes Sperling gemeinsam mit dem Wiener Galeristen Emanuel Layr vorstellt. Daran, dass das Motiv so alt ist wie die Kunst, erinnert Dominique Knowles’ warmtoniges, Höhlenmalerei zitierendes Großformat „Meena“ (18.650 Euro). Dagegen überträgt Megan Francis Sullivan die Art, wie der Pferde-Maler Georges Stubbs rassige Lieblinge reicher Engländer im 18. Jahrhundert porträtierte, auf den Fotografien ihrer Stute Marie in unsere an Details wie Windrädern kenntliche Zeit. Perfide rückt Lena Henke dem Mythos Pferd zu Leibe, indem sie Bildzitate aus Pornoheften der Kategorie „Ponyplay“ in Leder brennt (von 10000 Euro an; bis zum 17.Oktober).

Max Goelitz, dessen Programm von der Vorgängergalerie Häusler übernommene Künstler wie Hamish Fulton oder Brigitte Kowanz neben jüngeren führt, präsentiert Niko Abramidis&NE. Es ist die erste Galerieausstellung des bereits mit Museumsschauen geehrten, 1987 geborenen Künstlers, der ein von Science-Fiction genährtes Feuerwerk an Ideen in diversen Medien entzündet. Seine Rauminstallation inszeniert eine „Future Archeology“ um einen „Alpha Conference Table“ mit integriertem Videoloop und Tablets, die wie Versteinerungen aussehen. Die Wände füllen futuristisch wirkende, scheinbar bedienbare „Cryptic Machine Prototypes“ mit Videos und Leinwände mit maschinell aufgestickten Pyramiden. Vieles dreht sich um Bezüge zur Wirtschaft als einer die Politik um einiges überragenden Größe und Tabuthema in der Kunst. Auf der Screen-Tischplatte des „Agenda Table (MUC-Manila)“ läuft ein Video, das um die Welt fliegend alle jene Orte heranzoomt, die ins System Wirecard gehörten (16.000 Euro). Abramidis&NE, der auch an einer eigenen Kryptowährung arbeitet, schuf für die Schau eine Edition von Plotterzeichnungen mit integriertem Microchip, der dem Eigentümer seine bereits erworbenen Arbeiten des Künstlers nebst Ranking aufzeigt; es fehlt nicht an Humor in diesem Werk (Auflage je 64, von 128 Euro an; bis zum 24. Oktober).

Karin Wimmer hat ihre Galerie im vorigen Jahr in das Non-Profit-Projekt „digital art space“ umgewandelt. Dieses betreut nun das jüngste Werk von Oleksiy Koval, das seine von Rhythmen geprägte Malerei digital umgesetzt, damit sie – ein schwarz-weißes Zahlenspiel – auf 250 in der ganzen Stadt stehenden Werbe-Screens zeigt, dass nicht nur Produktwerbung in digitaler Form weit verbreitet werden kann, sondern auch Kunst. Der neue Bürgermeister von Istanbul hat Koval sogar viertausend Screens für die Präsentation dieser Arbeit in der Stadt zugesichert (bis zum 31. Oktober).

Auch die Galerie Tanit zeigt Flagge zur „Open Art“. Das ist tapfer genug, nach dem, was Naila Kunigk mit ihrer Niederlassung in Beirut widerfuhr, als die verheerende Explosion am Hafen Anfang August die nah gelegenen Tanit-Räume mitsamt laufender Ausstellung zerstörte und Mitarbeiter verletzte. Während dort der Wiederaufbau beginnt, sind im Münchner Projektraum unter dem Zuruf „You will rise up again“ neue Bilder von Mojé Assefjah zu sehen, deren von kräftigen breiten Farbschlingen in lebhaften Tönen beherrschte Eitempera-Malereien in tiefe Bildräume führen, die für freies Assoziieren jede Menge Anregung bieten (von 1700 bis 13.900 Euro; bis zum 14. November).

Quelle: F.A.Z.
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