Saisonstart in Wien

Wir sind doch alle ein Freundeskreis

Von Nicole Scheyerer, Wien
04.09.2020
, 17:18
Wiener Weekend: Das Galerienfestival Curated by gibt richtig Gas.

In der Wiener Galerie Lisa Kandlhofer wird seit heute ein Denkmal der besonderen Art gezeigt. Nicht weniger als 101 mit Tusche gemalte Köpfe blicken dort auf das Publikum herab. In seiner Serie „Many Thousand Gone“ hat der nigerianische Künstler Olu Oguibe fiktive afrikanische Opfer der verheerenden Aids-Epidemie dargestellt. Kandlhofers Gastkurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der Oguibe auch für die Documenta 14 in Kassel und Athen ausgewählt hatte, widmet ihm nun im Rahmen des Galerienfestivals Curated by die Solo-Schau „The Sadness Descends Again“. Es ist wieder Zeit für den herbstlichen Wiener Ausstellungsreigen, bei dem die Galerien in ungewohntem Licht erscheinen. Seit 2009 werden jedes Jahr internationale Kuratoren dafür eingeladen. Bei dem öffentlich finanzierten Festival stehen mit 24 Stationen so viele Galerien wie noch nie am Start. Von einem Essay der britischen Kunstkritikerin Orit Gat stammt das diesjährige Oberthema „Hybrids“. Das theoretische Konzept der Hybridität kam schon in den neunziger Jahren in den Postcolonial Studies auf, um die Vermengung unterschiedlicher Kulturen zu analysieren. Seither hat der Begriff im Kunstjargon Karriere gemacht und bezeichnet Kreuzungen aller Art.

Eine der witzigsten Paarungen von Curated by ist in der Galerie Crone zu finden: Dorthin lud Gastkuratorin Jakob Lena Knebl die Baumarktfirma Hornbach ein. Der bei Künstlern beliebte Do-it-yourself-Spezialist verwandelte Crone mit Transparenten, Regalen und Bestellterminal in eine Art Filiale. Hornbachs Werbefilm mit Blixa Bargeld hätte sie an die avantgardistisch gestalteten TV-Spots von Humanic in ihrer Kindheit erinnert, erklärte die queere Künstler-Kuratorin dazu. In Knebls Werkauswahl spiegelt sich die Verortung jenseits von Männlein und Weiblein. Dort trifft etwa die surreale Buntstiftzeichnung „Anthrotrilogie“ des Outsiderkünstlers Friedrich Schröder-Sonnenstern von 1952 (64.000 Euro) auf eine Fotoinszenierung des kanadischen Transgender-Artist Cassils von 2011. Dazu lässt die Apparatur „Metronom“ der Wienerin Judith Fegerl einen echten Haarzopf mechanisch wackeln.

Künstlerinnen als Kuratorinnen hat auch die Galerie Meyer Kainer mit Sarah Lucas und Kris Lemsalu eingeladen. Unverhoffter Materialmix scheint bei dieser Schau von zehn weiblichen Positionen Pflicht zu sein. „Wir alle sind ein Freundeskreis“, betonte Lemsalu vor einer Wand mit plakatierten Porträts der Beteiligten ihrer Schau „Señora!“. Mit von der Damenpartie ist die 1985 geborene Michèle Pagel, die Wiener Ziegel als Werkstoff verwendet und daraus wilde Teile wie die Skulptur „Mehrzweckschlampe“ produziert: Dabei handelt es sich um einen tönernen Döner auf einer Pooldance-Stange, dem auch noch Reizwäsche übergezogen wurde. Lemsalu selbst präsentiert in Corona-Zeiten als neuere Arbeiten drei lebensgroße Figuren, die Keramikhände flehentlich gen Himmel strecken und aus vielen Augen weinen.

Zu den Überraschungen von Curated by 2020 zählt Hans Ulrich Obrists Entscheidung, die Galerie nächst St.Stephan mit Zeichnungen von Friederike Mayröcker zu bespielen. Obrist hat die 1924 geborene Wiener Dichterin über seine Freundin Maria Lassnig kennengelernt. Seit jeher fand Mayröcker Spaß daran, neben ihrer Textarbeit allerhand Figuren wie Engelchen und Selbstporträts aufs Papier zu bringen. Der Reiz liegt im kindlichen Humor dieser Bilder, die teilweise ihrem Lebensmenschen Ernst Jandl gewidmet sind. Ein Büchertisch, eine Audiostation mit Mayröckers Hörspielen und ein Dokumentarfilm über die Dichterin runden die Schau ab.

Einen Fokus auf Papierarbeiten legt auch der Kurator und Kunstberater Alistair Hicks bei Georg Kargl. Der Künstler Pavel Pepperstein hat eigens für die „Hybridish“ betitelte Schau eine neue Serie an Tuschezeichnungen geschaffen (Preise 6000 bis 8000 Euro). Dabei setzt er auf Fabelwesen, die an antike Mythen erinnern. Im Blatt „Politicians“ lässt der Russe die Köpfe von Wladimir Putin und Co. mit Flügelchen durch die Luft sausen; andere Komposit-Tierchen gleichen einem surrealen Cadavre Exquis. Und ein Pandämonium setzen auch Marcel Dzama und Raymond Pettibon bei ihren Gemeinschaftsarbeiten von 2015/16 frei: Pettibons Handschrift dominiert die Blätter, die die Künstler bei ihrer spielerischen Koproduktion hin- und hergeschickt haben (Preise 17.000 bis 25.500 Euro). Ein Highlight der Schau bilden Zeichnungen und Radierungen der Portugiesin Paula Rego, Jahrgang 1935. Die Grafiken entstanden Ende der Neunziger im Zuge von Regos Serie „The Children’s Crusade“.

Statt mit einem Vernissagenabend startet Curated by heuer mit einem Eröffnungswochenende. So wird versucht, Publikumsandrang und Covid-19-Sicherheitsabstand unter einen Hut zu bringen. Die drei Reihen Kinostühle in der Charim Galerie werden wohl trotzdem voll besetzt sein, denn dort läuft der, jetzt schon legendäre, Horrorfilm „Murderkino“ von Scott Clifford Evans, den die Kuratorin Brigitte Huck ausgewählt hat. Der in Wien lebende Amerikaner hat 2019 begonnen, mit Künstlerfreunden einen Splatterfilm zu drehen; die neueste Episode entstand auf einem Filmset in der Galerie. Dabei ergossen sich Blutfontänen über ein Jugendstil-Interieur, das nun ebenso besichtigt werden kann wie Requisiten und Film-Stills (200 bis 1500 Euro). Der Streifen selbst, der mit schauriger Musik von Philipp Quehenberger unterlegt ist, zitiert auch den Wiener Aktionismus oder Trash-Klassiker wie John Waters’ „Pink Flamingos“. Dank Curated by wurde aus dem Home-Movie ein öffentlich gefördertes Projekt, das mit seinem Übermaß an Eros und Thanatos nicht wienerischer sein könnte.

Die Ausstellungen laufen nach dem Wochenende in den Galerien weiter.

Quelle: F.A.Z.
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