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Schenkung Schröder

Parafamiliäre Bande

Von Georg Imdahl
 - 13:58

In die Annalen der rheinischen Kunstgeschichte schrieb sich im November 1993, durchaus überraschend, das „Lufthansa Express Magazin“ ein – mit einem gut informierten Feature über die Situation in Köln nach der tiefen Rezession im Kunsthandel: „Junge Galeristen suchen ihren Markt“. Das Titelblatt schmückte ein Gruppenporträt jener nachwachsenden Vermittler, die auf einem Foto von Gert Weigelt dichtgedrängt auf Schaukeln sitzen oder gar frei im Raum zu schweben scheinen, darunter Tanja Grunert, Daniel Buchholz, Christian Nagel und Nicolaus Schafhausen. Letzterer hatte 1992 in Berlin mit Markus Schneider die Galerie Lukas & Hoffmann, benannt nach den Mädchennamen ihrer Mütter, gegründet und dem Maler Kai Althoff seine erste Einzelausstellung gewidmet. Die beiden Galeristen „sorgten für Aufsehen“, schrieb der Kritiker Christoph Blase in dem vielzeiligen Aufmacher, „als sie vor wenigen Wochen von Berlin nach Köln umzogen“. Die Mieten in der neuen Hauptstadt seien ihnen – man höre und staune – zu hoch. Zudem, so referierte Blase die enttäuschten Hoffnungen der Junggaleristen, passiere in Berlin „sehr viel weniger“ als erwartet. Schließlich hatten sich Schafhausen und Schneider ein Ziel vorgenommen: „Wir wollen bekannt werden.“ Dafür schien ihnen das Rheinland vielversprechender. Die allgemeine Gefühlslage schildert die Reportage treffend als „nervös, produktiv, voller Engagement und Hoffnung, aber ohne jede Erfolgsgarantie“. Die Galerie Nagel Draxler erinnert anlässlich ihrer laufenden Ausstellung in Köln an die Lufthansa-Geschichte. Doch dazu später.

An der Berliner Hochschule der Künste studierte damals der 1968 in Berlin geborene, in Hamburg aufgewachsene Alexander Schröder freie Kunst, sollte aber noch während seines Studiums – gleichzeitig mit Judith Hopf, Manfred Pernice, Josephine Pryde und Klaus Weber – 1994 mit Thilo Wermke die „Galerie Neu“ gründen – und auf diesem Weg bekannt werden (wie Schafhausen als späterer Direktor des Frankfurter Kunstvereins und der Kunsthalle Wien). Allerdings sah Schröder die Energien von Künstlern und Markt auf die Hauptstadt zulaufen und richtete seinen Blick von hier aus nach Köln, aber auch nach New York. Dort war es vor allem der 2003 früh gestorbene Colin de Land, selbst Künstler und Begründer der Galerie American Fine Arts, dessen Programm und Denken eine Faszination auf den jungen Künstlergaleristen Schröder ausübten. Die „New York Times“ nannte de Lands Galerie „in gewisser Weise ein Stück Konzeptkunst“: Es wurden Werke von fiktiven oder anonymen Künstlern ausgestellt und die üblichen Marktmechanismen wie der Aufbau von prominenten Namen in Frage gestellt. De Land zählte 1994 auch zu den Begründern der „Gramercy International Art Fair“ in New York, einer Messe in Hotelräumen, die Vorbild für diverse Nachfolgerinnen wurde und an der 1996 auch die Galerie Neu teilnahm.

Damals begann Alexander Schröder, Werke aus Ausstellungen seiner Galeristenkollegen zu kaufen, womit er das Sammeln fortsetzte, das sein Vater Claus Schröder begonnen hatte. Nun, da er dem Kölner Museum Ludwig 29, teils umfangreiche, Arbeiten aus seiner Kollektion geschenkt hat, legt er Wert auf die Feststellung, nicht einfach sein eigenes Galerieprogramm, sozusagen sich selbst, zu günstigen Konditionen gesammelt zu haben. Es seien, so Schröder im Gespräch, „immer ganz bestimmte Arbeiten“ gewesen, die er erwerben wollte. Und mit seiner Schenkung, die das Museum jetzt unter dem Titel „Familienbande“ ausbreitet, wolle er die richtige Kunst am richtigen Ort plazieren. Tatsächlich spiegeln die Werke eine Phase des Übergangs, als Berlin sich gerade zum internationalen Hotspot entwickelt und Köln seine kommende Talsohle noch nicht wirklich auf dem Schirm hat.

Alternativen formierten sich seinerzeit zum egomanischen, machistischen Künstlertum der achtziger Jahre. Aufbegehren und Aufbruch verkörperte die „Unfair – The Real Fair“, eine Gegenmesse zur Art Cologne. Neue Themen gingen in die Agenda ein, die in der zeitgenössischen Kunst (in Deutschland) noch zu entfalten waren – wie die Kritik an den Institutionen oder die Folgen der Kolonialisierung –, mit Tiefenschärfe reflektiert im 1990 in Köln gegründeten Magazin „Texte zur Kunst“.

Die Künstler definierten sich neu. Als Cosima von Bonin 1993 in den New Yorker Galerien Andrea Rosen und eben American Fine Arts mit Soloauftritten angekündigt wird, bezieht sie befreundete Künstlerinnen mit ein und handelt ausdrücklich kooperativ. Ihre zusammengenähten Herrentaschentücher von 1998, ein Teil der Schenkung, vereinen sinnlich und schlüssig feministische Aspekte und kunsthistorische Einflüsse, die zu MinimalArt, Blinky Palermo und Sigmar Polke zurückreichen. Mit Kai Althoff bestückt Bonin 1996 im Museum Abteiberg in Mönchengladbach, beide unter Pseudonym, eine Vitrine mit erdachten Erinnerungsobjekten aus der Kindheit. In Althoffs Frühwerk konzentriert sich etwas Eigenbrötlerisches, macht sich eine provokative, anachronistisch anmutende Haltung gegenüber der eigenen Zeitgenossenschaft geltend. Besondere Sympathie äußert Schröder, kein Mann der Suada, für eine Wandarbeit Althoffs: Eine lange blaue Stoffbahn bildet den Sockel für eine Reihe junger Menschen im Profil, die – ausgeschnitten aus Stoff, Papier, Tuch – mit strenger Pagenfrisur und wie an der Schnur aufgereiht auf Stühlen sitzen. Eine Kindheit in der Waldorfschule (die er selbst nicht besucht hat) assoziiert der Schenker mit der seltsamen Szenerie. Ein „Stimmungsbild, in das man hineinlaufen kann“, nannte es einst Jutta Koether.

Die Ausstellung im Museum Ludwig entfaltet sich wie ein lebendiges Gedächtnis in die Tiefe des Souterrains: mit Fotos, Objekten und Installationen von Tom Burr und Lukas Duwenhögger über das Verhältnis von Intimität und Sichtbarkeit; mit einer Säule von Isa Genzken und einer wandfüllenden Mise en Scène von Renée Green über den erfolgreichen Aufstand in der französischen Kolonie Saint-Domingue und mit einer Trompe-l’Œil-Orgie mit gemalten Marmorsäulen von Lucy McKenzie. Sinnfällig mündet die Schau am Ende in ein Archiv.

Bei der Eröffnung staunte der aus New York angereiste Tom Burr über die enorme einstige Strahlkraft von Köln: „So eine Bedeutung von so einer kleinen Stadt!“ Für den Markt hat die aber nach wie vor eine gewisse Bedeutung, und ein Trendsetter aus den frühen Neunzigern möchte auf den Standort nicht verzichten: Die Galerie NagelDraxler hat im vorigen Jahr, neben ihrem Stammsitz am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz, wieder Räume in der Elisenstraße bezogen, die zuvor Daniel Buchholz bespielt hatte. Titel der jetzt anberaumten Accrochage bei Nagel Draxler ist – „Die buckelige Verwandtschaft“, ein diskreter Hinweis auf Allianzen zwischen Galerie und Künstlern, die nicht für die Ewigkeit gedacht waren und zeitweilig auch Wunden geschlagen haben. Das Abwerben sei in den Neunzigern in Köln zum Habitus geworden, bemerkt Nagel lakonisch. Derweil die Preise der Werke gestiegen sind.

Kai Althoffs „Die Einzelnen kommen zusammen“ von 2002 mit Papier, Lack und Bootslack auf Leinwand ist mit 200.000 Euro veranschlagt; das Bild mit den zahlreichen, winzigen Gewerkschaftern sei „was für Kenner“ (und wäre sonst teurer). In einem unbetitelten kleinen Format Martin Kippenbergers von 1981 ließe sich eine zerbombte Stadt ausmachen; das Bild sei schon einmal, sagt Nagel, durch seine Hände gegangen und kostet jetzt 200.000 Dollar. Im Understatement geriert sich eine gestische Malerei von Michael Krebber, um diese zugleich auszubremsen und zu entleeren; das Ölbild von 2001 kostet 250.000 Euro. Einen abstrakten Expressionismus der besonderen Art setzt Josephine Pryde in zwei Lambda Prints von 2004 in Szene: Zu sehen ist, wie ein blauer Farbschwall auf das Auto des Künstlers Stephan Dillemuth niedergeht, für 25.000 Euro.

Was die Kunst im Rheinland dringend benötige, sagt Nagel, sei ein Zuwachs an neuen, auch jüngeren Interessenten und Käufern. Mit der Schenkung Schröder ist unterdessen erst mal ein Rückblick in Kölner Zeiten geschärft, als noch ein schier unersättliches Publikum bei den so geheißenen Kölner „Premierentagen“ in die Galerien strömte.

Familienbande – Die Schenkung Schröder.
Im Museum Ludwig, Köln; bis zum 29.September.
Der materialreiche, empfehlenswerte Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther König) kostet 29 Euro.

Die buckelige Verwandtschaft.
In der Galerie Nagel Draxler, Köln; bis zum 31.August.

Quelle: F.A.Z.
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