Sommerauktion bei Grisebach

Begehrte Blüte

Von Kevin Hanschke
06.06.2021
, 09:55
Die Sommerauktionen bei Grisebach in Berlin verzeichnen 783 Lose in sechs Katalogen. Eine „Sonnenblume“ von Emil Nolde könnte eine Million Euro bringen.

Graue Wolken brauen sich über dem Feld zusammen. Und im Vordergrund ragt eine „Sonnenblume“ empor. Fernsicht und Nahsicht verschmelzen in Emil Noldes Bild mit diesem Titel aus dem Jahr 1928. Das aus der Sammlung von Salman Schocken stammende Ölgemälde wird bei den Sommerauktionen von Grisebach in Berlin angeboten, die vom 9. bis zum 11. Juni stattfinden. Mit einer Schätzung von 700.000 bis eine Million Euro ist es die Spitze unter den 45 Losen der „Ausgewählten Werke“ am 10. Juni. Ähnlich kontrastreich ist Gerhard Richters fotorealistisches Porträt „Heidi“ von 1965; Richter ist mit gleich zwei Arbeiten vertreten: Das Bild der jungen lachenden Frau ist eine seiner ersten Verwischungen, es wurde bei der Eröffnungsausstellung der Galerie René Block in Berlin präsentiert (Taxe 280.000/350.000 Euro). Viel kleiner ist Richters „Umgeschlagenes Blatt“ von 1966 (600.000/800.000); es ist das einzige Querformat in der fünfzehnteiligen Serie dieser „Umgeschlagenen Blätter“. Ein Hochformat ist die „Grüne Studie“ von Franz Marc, die einen Nadelwald im hellen Sonnenlicht zeigt (300.000/500.000). Im Schatten von Pappeln galoppiert Max Liebermanns „Reiter in der Allee bei Sakrow“ von 1924 durch den brandenburgischen Forst (500.000/700.000).

Weitere Highlights bilden Porträts der Neuen Sachlichkeit. Dazu gehören zwei Werke Rudolf Schlichters: Während „Speedy in roter Bluse“ von 1938 seine Geliebte Elfriede Elisabeth Koehler mit modischer Kurzhaarfrisur und knabenhafter Physis zeigt (90.000/120.000), ist der aus wuchernder Vegetation herausragende „Jüngling im Geflecht“ von 1954 ein androgynes Wesen, das ebenfalls an Speedy erinnert (30.000/40.000). Mit Maschinen im Hintergrund zeigt das „Selbstbildnis“ von 1928 den Künstler Carl Grossberg in starrer Pose im braunen Cordanzug (300.000/400.000). Fast feenhaft wirkt Heinrich Vogelers Freundin Martha in „Träume II“ als jugendstiliges Abbild des Frühlings (200.000/300.000). Die rubenshafte Dame „Walking Woman in Profile“ des Kolumbianers Fernando Botero ist eine humorvolle Annäherung; im Hintergrund türmen sich die Altstadthäuser von Medellín (350.000/450.000).

Die Auktion mit Kunst des 19. Jahrhunderts am 9. Juni umfasst neunzig Lose. Das Spitzenlos, Wilhelm Leibls zart schimmerndes Porträt seiner Haushälterin Marie Ebersberger, „Mädchenkopf“ von 1897, ist taxiert auf 100 000 bis 150 000 Euro. Bemerkenswert lebensfroh wirkt Carl Schuchs Stillleben „Totenschädel mit Rosen“ von 1878 (50.000/70.000). Max Pietschmanns „Fischzug des Polyphem“, der im vorigen Jahr bei einer eigenen Verkaufsschau gezeigt, aber nicht verkauft wurde, soll nun für 50.000 bis 70.000 Euro unter den Hammer kommen. Von Adolph Menzel sind drei Zeichnungen im Angebot: darunter die aus der Sammlung Martha und Max Liebermann stammende Skizze „Die Personen des Flötenkonzerts“ von 1852 (30.000/40.000) und „Tagebau in Königshütte“ von 1872 (25.000/35.000). Menzels intime Coupé-Szene „Morgens früh im Nachtschnellzug“ von 1877 ist ein weiterer Höhepunkt beim 19. Jahrhundert (80.000/ 120.000).

Der Katalog der „Modernen Kunst“ am 11. Juni umfasst 197 Lose. Zu den Spitzen gehören von Christian Schad das kantige Frauenbildnis „Chantal“ (40.000/60.000) und das Gruppenbild „Napoli“ (60.000/80.000) sowie Georg Tapperts „Zwei Mädchen auf blauem Sofa“ von 1923 (60.000/80.000). Tags zuvor wird in einer Sonderauktion, der ein eigener Katalog gilt, die Sammlung des Fotografen August Sander versteigert. Hauptstück ist das 1925 von Franz Wilhelm Seiwert geschaffene, konstruktivistische „Wandbild für einen Fotografen“, geschätzt auf 400.000 bis 600.000 Euro. Ebenfalls von Seiwert stammt die „Ländliche Familie (Familie Jatho)“ aus dem Jahr 1923 (100.000/150.000). Zu den wichtigen Werken der Vereinigung „Progressive Künstler Köln“, mit deren Mitgliedern August Sander in engem Austausch stand, zählt Heinrich Hoerles markantes „Selbstbildnis“ von 1931 (60.000/80.000).

Die düstere Gouache „Zwei Frauen“ aus der „melancholischen Phase“ im Schaffen von Joseph Beuys (80.000/120.000) führt die 146 Lose der Auktion „Zeitgenössische Kunst“ am 11. Juni an. Mit Günter Fruhtrunks „Rot aus Schwarz aus Gelb“ von 1970 (60.000/80.000) und Katharina Grosses „Ohne Titel“ (40.000/60.000) verzeichnet der Katalog zwei radikal abstrakte Positionen. Am Ende der Versteigerung kommen dreißig Lose zum Aufruf in einer Charity-Aktion für die Kunstwerke Berlin, die ihr dreißigjähriges Bestehen feiern können. Vertreten sind dort neben anderen Olafur Eliasson, Elmgreen & Dragset, Wolfgang Tillmans, David Wojnarowicz, Amelie von Wulffen oder Monica Bonvicini.

Die amerikanische Farb- und Konzeptfotografie mit ihren Vertretern wie William Eggleston oder Larry Sultan steht im Mittelpunkt der Fotografie-Auktion mit 113 Losen am 9. Juni. Eine Rarität sind die wiederentdeckten elf Porträts des Aktfotografen Ernest J. Bellocq, die Prostituierte des Rotlichtmilieus von New Orleans in den Jahre 1911 bis 1913 zeigen und die Lee Friedlander in den Siebzigerjahren vervielfältigte (40.000/60.000). Sebastião Salgados Südamerika-Bilder „Argentina. Southern Right Whale, Valdés Peninsula“ (20.000/30.000) und „Brasil. Gold Mine, Serra Pelada“ (15.000/20.000) sind weitere Spitzenlose wie auch die nächtliche „Piazza Pugliese #2“ aus der Serie „Generic Night Cities (and others)“ von Lewis Baltz (30.000/40.000 Euro). – An den drei Auktionstagen werden 783 Lose versteigert. Die Gesamtschätzung liegt bei fünfzehn bis 20,5 Millionen Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
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