F.A.Z. Exklusiv

Sotheby’s geht nach Köln

Von Rose-Maria Gropp
21.05.2021
, 20:08
Der ehemalige Investment Banker Charles Stewart wurde im Oktober 2019 zum CEO von Sotheby’s ernannt. Er setzt auf die Anziehungskraft zeitgenössischer, deutscher Künstler.
Eine Art von Rückkehr: Sotheby’s wird von Deutschland aus Auktionen abhalten. Warum? Und warum in Köln? Fragen an Charles Stewart, den CEO des Unternehmens.
ANZEIGE

Es ist eine bemerkenswerte Nachricht: Sotheby’s wird als erstes internationales Auktionshaus noch in diesem Jahr Versteigerungen von Deutschland aus durchführen. Angekündigt sind Onlineformate, wie sie sich seit dem Ausbruch der Pandemie in enormer Geschwindigkeit etabliert haben. Die Wahl dafür fiel auf Köln. Damit rückt Köln als fünfter Verkaufsstandort von Sotheby’s neben die europäischen Zweigstellen in London, Paris, Genf und Mailand. Über das künftige Quartier in Deutschlands traditionsreicher Kunstmarkt-Metropole gibt es noch keine Informationen. Fest steht allerdings, dass es um moderne und zeitgenössische Kunst, Design, Fotografie und Luxusartikel gehen wird. Das Material soll in Deutschland und den Nachbarländern akquiriert werden. Die Katalogisierung wird ein Team von Spezialisten vor Ort vornehmen. Die Auktionen werden von Köln aus online präsentiert.

ANZEIGE

Offen ist noch, ob und wie das Unternehmen dieses Engagement in Zukunft ausweiten wird, etwa auf „private sales“, also auf abseits der Öffentlichkeit getätigte Abschlüsse, meist im höheren Preissegment. Klar ist indessen, was diese Umwandlung Deutschlands vom bloßen Beschaffungsort hin zum „selling centre“ bedeutet: Der neue global agierende Mitbewerber möchte den reichen deutschen Markt abschöpfen, nicht nur was den Zufluss angeht, sondern auch was die steigende Aktivität deutscher Käufer in internationalen Auktionen betrifft – und ebenso die Präsenz einer internationalen Klientel im zuletzt ausschließlich von deutschen Auktionshäusern bespielten Feld.

Fragen an den CEO von Sotheby’s

Charles Stewart, der CEO von Sotheby’s, hat dazu der F.A.Z. exklusiv Fragen beantwortet. Stewart ist Amerikaner, Jahrgang 1969, und war ein führender Investment Banker bei Morgan Stanley, ehe er 2015 zu Altice USA wechselte. Altice ist ein weltweites Kommunikationsunternehmen, bei dem Patrick Drahi Mehrheitsaktionär ist. Der israelisch-französische Unternehmer und Milliardär Drahi hat vor knapp drei Jahren die Auktionsfirma Sotheby’s für genannte 2,7 Milliarden Dollar gekauft und von der Börse genommen. Im Oktober 2019 ernannte er Stewart zum CEO von Sotheby’s. Nur wenige Monate später sah sich Stewart mit dem Ausbruch der Pandemie und ihren massiven Auswirkungen auch auf den globalen Auktionsmarkt konfrontiert.

Daraus zieht er nun weitreichende Konsequenzen. Die Frage, was dabei Deutschland so attraktiv für ihn mache, beantwortet Stewart bündig: „Kurz gesagt, macht die Stärke, die Größe und die Resilienz des heutigen deutschen Markts, in der Kombination mit der Historie von Sotheby’s in Deutschland, unsere Expansion dorthin zum ganz natürlichen nächsten Schritt.“ Außerdem sei man als internationales Haus in der Lage, aufgrund der eigenen Expertise und Reichweite deutschen Sammlern, quasi vor deren Haustür, „etwas Besonderes“ anzubieten.

Warum Köln und nicht zum Beispiel Berlin? Die Wahl fiel auf Köln, sagt Stewart, „in seiner einzigartigen Position als eine Region mit höchster Dichte von Wirtschaft, Kapital und Sammlerschaft in Europa“, samt der Nähe zu den Benelux-Staaten. Er erwähnt auch die Anziehungskraft der Art Cologne, wohl in der Erwartung von Synergien mit Deutschlands ältester Kunstmesse. Vermuten lässt sich, dass sich zudem die nicht nur im Kölner Raum als hoch verdienstvolle Förderer und Vermittler zeitgenössischer Kunst agierenden Galerien angesprochen fühlen dürfen. Der Schritt nach Deutschland scheint sich zunächst vor allem auf ein „mid-market level“ zu konzentrieren. Was macht diesen deutschen Mittelmarkt so anziehend für Sotheby’s? Stewart erklärt, es handele sich „um einen Bereich, den wir Sammlern in Deutschland bisher nicht so oft bieten konnten, wie wir es gerne getan hätten. Das bedeutet, dass wir nun, was aufregend ist, eine Vielzahl neuer Künstler und Genres in diesen deutschen Auktionen anbieten können, die bisher selten bei Sotheby’s zu sehen waren.“

ANZEIGE

Ob er sich perspektivisch in Köln auch Live-Auktionen vorstellen könne? „Im Moment fokussieren wir uns auf online only“, sagt Stewart, „aber wir sind immer auf der Suche nach Innovationen und Vorstößen, und ich möchte für die Zukunft nichts ausschließen.“ Deutlich erkennbar ist die Anziehungskraft zeitgenössischer, zumal deutscher Künstler, auf die Stewart setzt. Er hebt hervor, dass junge Kunst in Deutschland seit Langem sehr gut gefördert werde. Das verschaffe qualitätvoller Kunst – aus dem Primärmarkt, lässt sich ergänzen – die Aufmerksamkeit der Sammler im internationalen Sekundärmarkt: „Deutschland war der Geburtsort vieler der einflussreichsten Künstler der Nachkriegszeit und setzt diese Tradition bis ins 21. Jahrhundert fort.“

ANZEIGE

Starker Wettbewerb

Was aber nun die Konkurrenz hierzulande, die deutschen Auktionshäuser in Berlin, Köln und München, angeht? Natürlich habe man sich die Stärke dieser Mitbewerber genau angeschaut, sagt Stewart, „starker Wettbewerb ist gut für das Geschäft von allen und treibt den Markt voran“. Dabei kommt er generell auf den massiven Wandel durch die digitalen Transformationen im Zuge der Pandemie zurück: „2020 war ein Jahr der Anpassung, 2021 ist ein Jahr der Veränderung, und der Start der Auktionen in Deutschland steht dabei im Vordergrund.“ Und sehr genau hat er bestimmt beobachtet, dass die deutschen Auktionshäuser diese Anpassungsfähigkeit unter dem Druck der rapiden Digitalisierung ebenfalls bewiesen haben und sich ihnen in der Pandemie verstärkt eine internationale Klientel zugewandt hat.

Ob denn Stewart selbst eine Botschaft für die Zukunft habe? „Kürzlich bin ich auf ein Zitat des griechischen Philosophen Heraklit gestoßen: ,Nichts ist so beständig wie der Wandel.‘“ Und er fügt, natürlich, hinzu, durch Wandel und Erneuerung habe Sotheby’s seit seiner Gründung im Jahr 1744 den Kunstmarkt anführen können. Das kann er, wegen der aktuellen Spitzenposition seines Hauses, mit einigem Recht so sagen. Und Sotheby’s kann tatsächlich auf eine Auktionshistorie in Deutschland aufbauen. Das erste Büro wurde 1969 in München eröffnet, dort fanden seit den Achtzigerjahren auch Versteigerungen statt. Zu Höhepunkten gerieten in der Folge die sogenannten Schlossauktionen, etwa der Bestände der Markgrafen von Baden 1995 in Baden-Baden oder des Hauses Hannover 2005 auf Schloss Marienburg. Danach hatte Sotheby’s seine Auktionstätigkeit hierzulande eingestellt. Bis eben jetzt, wie es aussieht.

Eröffnung mit Moderne und Zeitgenossen

Und es gibt bereits konkrete Pläne: Ein „inaugural sale“ als Eröffnungsveranstaltung von Köln aus mit moderner und zeitgenössischer Kunst ist für Mitte September angesetzt. Im November soll eine kuratierte Veranstaltung unter dem Motto „Now“ folgen, mit Arbeiten junger und jüngster Künstler – von denen viele bisher eben noch nicht in Auktionen vertreten waren – in den Kategorien bildende Kunst, Fotografie und Design. Später im Herbst werden dann Luxusartikel von Köln aus versteigert.

ANZEIGE

Es lässt sich eine Offensive nennen, was Charles Stewart da, unter der spürbar neuen Ägide von Patrick Drahi, in seinen Argumenten bündelt. Der offenbar gut vorbereitete Schritt eines der Weltmarktführer, der sich bislang hierzulande auf die übliche Akquise beschränkt hatte, könnte die Gewichtungen im von den deutschen Häusern, die ihrerseits in scharfer Konkurrenz zueinander stehen, bislang allein beherrschten Auktionsmarkt durchaus aufmischen. Denn das Terrain ist doch relativ übersichtlich. Außerdem tritt Sotheby’s mit den künftig von Köln aus lancierten Auktionen nicht nur in direkten Wettbewerb mit Lempertz oder Van Ham in Köln, Grisebach oder Bassenge in Berlin, Ketterer, Karl & Faber oder Neumeister in München. Sondern setzt sich auch vor die Nase anderer Mitbewerber, die hierzulande Filialen zwecks Beschaffung unterhalten, neben dem Erzrivalen Christie’s zum Beispiel das Dorotheum in Wien. In jedem Fall steht dahinter die Maschinerie eines Global Players, die nicht ohne Eindruck bleiben wird.

Anders gewendet: Dieses Engagement lässt sich als Beweis für das Vertrauen in den Standort Deutschland betrachten, der in Europa damit zu Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Italien aufschließt. Der deutsche Auktionsmarkt tritt noch ein Stück weiter aus dem immer wieder beklagten Schatten des internationalen Marktgeschehens heraus. Das ist eine gute Nachricht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE