<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
The Frankfurt Art Experience

Hinter diesen Werken wartet die Gegenwart

Von Kevin Hanschke
 - 16:17
Tobias Donat, „Trending Topics“ (Expansion & Growth), Merinowolle auf Keilrahmen
145 x 185 cm, 5800 Euro bei Galerie Philip Pflug Contemporary.zur Bildergalerie

An diesem Wochenende ist Frankfurt die Bühne der deutschen Kunstwelt. Noch in keinem Jahr zuvor haben die Organisatoren des traditionsreichen Saisonstarts der Frankfurter Galerien ein so großes Fest der zeitgenössischen Kunst auf die Beine gestellt. Unter dem Titel „The Frankfurt Art Experience“ beteiligen sich zur 25. Ausgabe nicht nur mehr als fünfzig Galerien, sondern auch verschiedenste Kunsteinrichtungen und Kulturinstitutionen. Zudem feiert die Kunstmesse „Paper Positions“ ihr Debüt und bringt damit zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder eine zeitgenössische Kunstmesse an den Main. Im „Flair of Frankfurt“, einem Neubauprojekt in Laufweite zur Hauptwache, kommen vierzig Galerien aus der Stadt und dem ganzen Land zusammen, um zeitgenössische Kunst zu zeigen, die auf dem Medium Papier basiert oder die Zeichnung in den Mittelpunkt stellt. Stattfinden wird die Messe, an der viele lokale Galerien wie Bernhard Knaus Fine Art, Barbara von Stechow oder Martin Mertens teilnehmen, noch bis zum 8. September und damit parallel zum Kunstwochenende.

Die Messe ist die vierte Ausgründung der „Positions Art Fair“, die in Berlin startete und mittlerweile auch in Basel und München veranstaltet wird. Anders als die klassischen Kunstmessen, orientieren sich die Frankfurter am „Salonkonzept“, was bedeutet, dass die Aussteller ihre Werke nicht in abgetrennten White-Cube Räumen präsentieren, sondern alle Zeichnungen offen gezeigt werden, um einen intensiven Dialog zwischen den unterschiedlichen Arbeiten zu ermöglichen. Doch auch die Galerien selbst präsentieren in ihren eigenen Ausstellungen zum Saisonstart interessante Newcomer, bekannte Gesichter und innovativ kuratierte Ausstellungen.

So werden in der Galerie „Rundgaenger“ erstmal die Künstlerin Marion Fink aus dem Allgäu und der rumänische Künstler Sebastian Hosu ausgestellt. Unter dem Titel „Body Forms“ treten die Werke der beiden in einen künstlerischen Austausch. Marion Fink, die 1987 geboren wurde, fertigt farbgewaltige Malereien und Zeichnungen, die sie stets mit poetischen Sätzen betitelt. Das wird im Gemälde „Due to the sweet feeling of stagnation the crime never happened“ ersichtlich. Dieses Bild ist eine reine Provokation, denn es zeigt im Stil der neuen Sachlichkeit eine Frau bei der Vorbereitung eines Verbrechens. Die Lederhandschuhe sind über die Beine eines Hockers gezogen, einer hält eine qualmende Zigarette.

Marion Fink malt gerne Frauen, die sie ins Realistische steigert. Sie schafft eine Traumwelt, inszeniert junge Menschen mit verzerrten Blicken, auch in der schwierigsten Lage, wie in „The Wave“, einer Monotypie aus dem Jahr 2018: Eine Frau umklammert eine Welle, sucht nach Halt. In ihren Augen ist Angst ebenso sichtbar wie Melancholie. Ihre Bilder sind Psychogramme einer suchenden, jungen Generation. Ebenso farbgewaltig, aber in Gegensatz zu Fink völlig verschwommen, sind die Gemälde und Zeichnungen von Hosu. Wie bei einem fotografischen Schnappschuss bannt er Momente der schnelllebigen Gegenwart auf die Leinwand. Er skizziert mithilfe von Kohlekreide Szenen auf Großformat. Die Verwackelungen in den Bildern transformieren zu zeichnerischen Schnappschüssen. Stets im Hintergrund stellt der Künstler die Natur dar, während im Vordergrund Menschen surfen, tanzen oder nachdenklich in die Welt blicken. Dadurch wirken die Bilder wie Fenster in das Gegenwartsdasein (bis 16. November, Preise 1000 bis 12600 Euro).

Bei Schiercke Seinecke verwandelt sich die Galerie in ein fotografisches Fenster nach Rheinland-Pfalz. In „Falten und Fugen“ zeigt die Fotografin Andrea Grützner die Bilder ihrer Serie „Das Eck“, welche 2015 entstanden ist. Damals war Grützner Stadtfotografin von Koblenz und fertigte fotografische Arbeiten an, die Einblick in das psychologische Innenleben der Deutschen bieten.

Ihr Thema sind die Elemente der oft brutalistisch daherkommenden Nachkriegsarchitektur. In „Das Eck“ wird deutlich, dass sie sich weniger für die ästhetischen Maßstäbe der Gebäude interessiert, als vielmehr für deren Ecken, Konturen und Kanten. Ihre Bilder sind collagenartig angeordnet und sehen aus, als wären sie mit Schere oder Computer zusammengesetzt. Das täuscht jedoch, denn all ihre Bilder sind fotografische Originale. Es gelingt Grützner, der Ödnis der deutschen Nachkriegsmoderne ein ästhetisches Antlitz zu geben und Gebäuden Seele einzuhauchen, auch deshalb können die Fotografien durchaus als soziologische Architekturstudien betrachtet werden (bis 2. November, Preise von 2100 bis 12000 Euro).

Ebenso wie bei Grützner, für die Technik eine essentielle Rolle spielt, ist auch für Michelle Benoit ihre künstlerische Methode der Schwerpunkt ihrer Arbeit. Die französische Künstlerin, die bei Punzmann Contemporary ausgestellt wird, nutzt die Technik der Lasur für ihre Bilder, die sie auf lichtdurchlässiges Plexiglas bannt. Dadurch entsteht – wie etwa in ihrem Werk „mixed media“ von 2017 – ein besonders farbiger und pastelliger Gesamteindruck, der die durchscheinende Wärme des Lichts auf die Betrachter projiziert (bis 31. Oktober, Preise auf Anfrage).

Die Weiten des Kosmos und das Gegenspiel von Sein und Vergänglichkeit

Außergewöhnliche Materialien und verwunschene Bildwelten füllen auch die Räumlichkeiten der Galerie von Kai Middendorff. Die Hallen im Bahnhofsviertel zeigen die erste deutsche Einzelausstellung, der 1941 geborenen Künstlerin Christine Gironcoli. Sie realisiert ihre Gemälde nicht auf konventionellen Leinwänden, sondern nutzt für ihre Malereien hundert Jahre alte Stützleinwände. Dadurch erhalten ihre Bilder eine besondere Patina, denn Färbespuren und mehrmalige Farbaufträge werden sichtbar. Themen, mit denen sich die österreichische Künstlerin auseinandersetzt, sind die Weiten des Kosmos und das Gegenspiel von Sein und Vergänglichkeit (bis 26. Oktober, Preise von 6800 bis 17000 Euro).

Den radikalen Bruch dazu stellen die Drucke von Tobias Donat da, die bei Philipp Pflug Contemporary in der Ausstellung „Trending Topics“ die Galerie am Rande der Altstadt in einen Newsroom verwandeln. Donat setzt sich in seinen Arbeiten kritisch mit den Problemen der modernen Zeit auseinander und arrangierte einprägsame Symbole unserer Nachrichtenwelt neu in Collagenform. Alle Arbeiten sind in einem dunklen Blauton gehalten und wirken dadurch besonders düster. In der zwölfteiligen Serie, die bei Pflug als raumfüllende Installation zu sehen ist, werden diese Medienbilder zu einer sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Auseinandersetzung mit der Realität verwoben (bis 12. Oktober, Preis jeweils 5800 Euro).

Der männlichen Realität in der Kunst widmen sich gleich mehrere Galerien, die im Schatten des Kaiserdoms angesiedelt sind. „Maskulin“ ist der Name der Ausstellung, bei Jörg Schumacher. Sie versammelt Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Zeichnungen, die Formen von Männlichkeit darstellen. Mit Werken von Christian Boltanski, Lucian Freud oder Jean Cocteau zeigt die Schau, wie sich das Bild von Männern in den unterschiedlichen Epochen der Kunstgeschichte verändert hat und versucht eine Annäherung an die moderne Vorstellung von Männlichkeit. Ein gewagtes Konzept, das dank der hier kuratierten Bilder ebenso aufgeht wie die Ouvertüre des Frankfurter Kunstherbstes in diesem Jahr (bis 30. November, Preise von 2400 bis 72000 Euro).

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite