Auktionen in Zürich

Maler in der Hängematte

Von Felicitas Rhan
27.09.2021
, 10:57
Bernardo Bellotto, „Blick auf München von Osten“, Um 1762-1767, Öl auf Leinwand, 69 mal 119,5 Zentimeter, Taxe 800.000 Franken.
Eine wiederentdeckte Ansicht Münchens von Bernardo Bellotto krönt bei Koller in Zürich das herbstliche Angebot von „Fine Art“.

Die höchste Aufmerksamkeit während Kollers Auktion mit Gemälden Alter Kunst, die am 1. Oktober in Zürich stattfindet, wird auf der kürzlich in einer Privatsammlung entdeckten Vedute von Bernardo Bellotto liegen. „Der Blick auf München von Osten“ entstand zwischen 1762 und 1767, nachdem sich Bellotto – der wie sein berühmter Onkel Giovanni Antonio Canal auch „Canaletto“ genannt wurde – am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. aufgehalten hatte. Das 69 mal 119 Zentimeter große Ölgemälde ist eine von drei bekannten Versionen. Die anderen befinden sich in der kurfürstlichen Residenz in München und der National Gallery in Washington. Nun kommt die dritte zum ersten Mal seit fast hundert Jahren unter den Hammer: mit einer Erwartung auf Nachfrage von 800.000 Franken.

Etwa zur selben Zeit wie Bellotto malte Francesco Guardi das großformatige „Venezianische Capriccio mit einem Turm, Hirten und Schafen“. Es gehört zu einer Serie von vier Capricci, die zuletzt 1958 in München ausgestellt waren (Taxe 400.000/500.000 Franken). Von Govaert Flinck, einem Schüler Rembrandts, liegt die 1650 entstandene „Tronie eines bärtigen Mannes“ vor: eine für das 17. Jahrhundert typische Darstellung eines Charaktertyps oder Ausdrucks (700.000/900.000).

Carl Spitzweg, „Auf der Bastei (Militärposten im Frieden)“, 1856, Öl auf Leinwand, 22,8 mal 40 Zentimeter, Taxe 150.000/250.000 Franken.
Carl Spitzweg, „Auf der Bastei (Militärposten im Frieden)“, 1856, Öl auf Leinwand, 22,8 mal 40 Zentimeter, Taxe 150.000/250.000 Franken. Bild: Koller

Unter den 71 Losen der Offerte ist auch die Brueghel-Familie vertreten: Auf einem marktfrischen, 95 mal 162 Zentimeter großen Bild wimmelt es nur so von zahlreichen Figuren, die der „Predigt des heiligen Johannes des Täufers“ lauschen. Pieter Brueghel d. J. malte das Gemälde nach einer Version von der Hand seines Vaters Pieter Brueghel d. Ä. (380.000/500.000). Der Bruder von Pieter d. J., Jan Brueghel d. Ä., liefert die marktfrische „Weite Berglandschaft mit Reisenden“ – eine Gemeinschaftsarbeit mit Joos de Momper d. J. – sowie eine kleine atmosphärische „Dorfgracht mit Figuren, Booten und Anlegestelle“ von 1608 (je 70.000/120.000). Von Jan Brueghel d. J. kommen zwei Allegorien zum Aufruf: Die 59 mal 91 Zentimeter messende „Allegorie des Gehörs“ auf Kupfer für 200.000 bis 300.000 Franken ist eine fantasievolle Komposition aus Musikinstrumenten und exotischen Tieren; die etwas kleinere „Allegorie der Luft“ entstand in Zusammenarbeit mit Ambrosius Francken d. J. (60.000/80.000).

Aus der Reifezeit von Jan van Goyen, den Vierzigerjahren des 17. Jahrhunderts, die der Künstler mit seiner Familie in Den Haag verbrachte, stammen zwei Landschaften in typisch braun monochromer Farbgebung. Die kleinere „Flusslandschaft“ entstand 1642, die größere malte Goyen 1640, und sie kommt marktfrisch aus Schweizer Privatbesitz (je 60.000/80.000). Auf Jacob Saverys d. J. Bild „Adam und Eva in einer Paradieslandschaft“ versammeln sich allerlei kuriose Tiergestalten, das eigentliche Bildthema der Erschaffung des ersten Menschenpaars findet tief im Hintergrund Raum (50.000/70.000).

Gustav Courbet, „Selbstporträt in einer Hängematte, umgeben von einer Frauengruppe“, Um 1843-1855, Schwarze, rote und weiße Kreide, 43,5 mal 42 Zentimeter, Taxe 30.000/40.000 Franken.
Gustav Courbet, „Selbstporträt in einer Hängematte, umgeben von einer Frauengruppe“, Um 1843-1855, Schwarze, rote und weiße Kreide, 43,5 mal 42 Zentimeter, Taxe 30.000/40.000 Franken. Bild: Koller

Unter den 52 Losen des 19. Jahrhunderts, die ebenfalls am 1. Oktober auktioniert werden, überzeugt besonders die amüsante Darstellung von Carl Spitzweg „Auf der Bastei (Militärposten im Frieden)“ von 1856: Herzhaft gähnend steht ein Kanonier neben der Kanone, in die sich ein Spatz eingenistet hat, während die Wäsche im Wind flattert: auf Krieg ist hier niemand eingestellt. Das 22 mal 40 Zentimeter kleine Bild befand sich einst im Besitz des Wiener Kunstvereins, der es direkt beim Künstler erworben hat, und soll nun 150.000 bis 250.000 Franken erlösen. Jean-Baptiste Corots „Le Chevrier (Souvenir d’Italie)“ aus dem Jahr 1872 dient ganz der Erfassung von Licht und atmosphärischen Erscheinungen in der Natur (80.000/120.000); während sich Corots Künstlerfreund Eugène Boudin, den der Künstler als „König des Himmels“ bezeichnete, der naturgetreuen Wiedergabe des Wassers und Himmels verschrieben hatte: Sein Ölgemälde vom Hafen von Trouville ist auf 60.000 bis 80.000 Franken taxiert.

Bei den 88 angebotenen Zeichnungen sticht Gustav Courbets marktfrische Kreidearbeit heraus, die den Künstler in einer Hängematte porträtiert, umgeben von einer leicht bekleideten Frauengruppe (30.000/40.000). Albrecht Dürers Holzschnitt der Heiligen Familie mit Joachim und Anna unter dem Baum von 1511 führt mit einer Erwartung von 8000 bis 12.000 Franken die Offerte mit 36 Losen Alter Grafik an. Zusammen sollen Kollers „Fine Art“-Auktionen etwa vier Millionen Franken umsetzen.

Quelle: F.A.Z.
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