Bücher und Autographen

Die tschechische Stimme des rasenden Reporters

Von Camilla Blechen
08.10.2021
, 18:16
Egon Erwin Kischs langjährige Vertraute und Übersetzerin Jarmila Haasová. Versteigert werden 23 Originalfotografien aus ihrem Nachlass aus den Jahren 1925-1935, Taxe 200 Euro.
Else Lasker-Schüler kolorierte, Egon Erwin Kisch tippte und Gottfried Wilhelm Leibniz griff zur Feder: Vorschau auf die Auktion von Büchern und Autographen bei Bassenge in Berlin.

Immer wieder tauchen im Gebirge der Korrespondenzen des barocken Enzyklopädisten Gottfried Wilhelm Leibniz unbekannte Schriftstücke auf, zur Freude der Forschung, die in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam voranschreitet. Im Rahmen der Versteigerung von Büchern und Autographen bei Bassenge vom 12. bis 14. Oktober kann auf sechs in französischer Sprache verfasste Leibniz-Briefe geboten werden. Der Gelehrte ließ sie zwischen 1689 und 1695 dem hannoverschen Minister Albrecht Philipp von dem Bussche zukommen. Dessen Nachkommen haben die wertvollen Erkenntnisse zur Geschichte des Welfenhauses nie aus der Hand gegeben. Von Herzog Georg Ludwig zu genealogischen Studien angehalten, bereiste Leibniz halb Europa mit Stationen in Wien, Modena und Venedig, wo sich auch Erkundungen über die Anfänge politische Veränderungen einziehen ließen. Die marktfrischen Archivalien haben mit 120.000 Euro einen stolzen, aber berechtigten Schätzpreis.

Über die Schwierigkeit, exotische Pflanzen aus Japan nach Europa zu transferieren, berichtet Philipp Franz von Siebold, der Direktor des Botanischen Gartens in Wien, dessen 1844 verfasster Report 12.000 Euro einspielen soll. Despektierliches über Goethes Doktorarbeit verbreiten zu können, freut den Frankfurter Theologen Johann Jakob Griesbach (16 Briefe, drei Manuskripte, 3000 Euro). Ein schwer entzifferbares Handschreiben aus Alexander von Humboldts letzten Lebenstagen stellt die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in Aussicht (600 Euro).

Verfasst auf Europareise: Gottfried Wilhelm Leibniz, sechs eigenhändige Briefe, verfasst zwischen 1689 und 1695, Schätzung 120.000 Euro.
Verfasst auf Europareise: Gottfried Wilhelm Leibniz, sechs eigenhändige Briefe, verfasst zwischen 1689 und 1695, Schätzung 120.000 Euro. Bild: Bassenge

Unter den mehr als tausend „Wertvollen Büchern“, mit denen Bassenge in die Herbstsaison startet, fällt Georg Simon Ohms mit 10.000 Euro bezifferte „Galvanische Kette“ auf, eine 1727 in Berlin erschienene Anleitung zur Messung von Elektrizität. Auf 9500 Euro geschätzt, soll Matthäus Seutters prachtvoller„Neuer Atlas Mayer“ Kartographen-Liebhaber begehrlich stimmen. Als Hauptlos in der Sektion „Moderne Literatur und Kunstdokumentation“ erscheint Else Lasker-Schülers Gedichtsammlung „Theben“ in der Vorzugsausgabe mit zehn handkolorierten Lithographien: geschätzt ist sie auf 12.000 Euro. Der Kaufhauskrösus Salman Schocken erwarb 1927 die Buch- und Mappenausgabe des von Max Slevogt illustrierten „Faust II“ (8000 Euro). Kommerzielle Riesenerfolge erzielen sollten 4765 Exemplare von Dantes „Göttlicher Komödie“ mit den Anfang der sechziger Jahre immens gefragten Farbholzstichen nach Aquarellen von Salvador Dalí (sechs Bände, 28.000 Euro). Als eines der schönsten Kinderbücher des 20. Jahrhunderts gepriesen, weckt das von Sigmund Freuds Nichte Gertrud – unter dem Pseudonym Tom Seidmann – illustrierte Hasenbuch von 1924 die Erwartung von 2500 Euro.

Prinz Jussuf und seine Mutter, handkoloriert von der Dichterin: Else Lasker-Schüler, „Theben. Gedichte und Lithographien“, Frankfurt und Berlin, Querschnitt, 1923. 32 mal 24,5 Zentimeter. Schätzung 12.000 Euro.
Prinz Jussuf und seine Mutter, handkoloriert von der Dichterin: Else Lasker-Schüler, „Theben. Gedichte und Lithographien“, Frankfurt und Berlin, Querschnitt, 1923. 32 mal 24,5 Zentimeter. Schätzung 12.000 Euro. Bild: Bassenge

Den kulturhistorischen Hintergrund der pointiernten Notate des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch erhellt ein Teilnachlass des 1948 in Prag gestorbenen Autors, den dessen langjährige Vertraute Jarmila Haasová bis zu ihrem Tod vor dreißig Jahren verwahrte. Die Einzelpreise für Briefe, Postkarten, Fotos, Bücher mit Widmungen, Totenmaske und Totenhand des Schriftstellers bewegen sich zwischen 160 und 3500 Euro. Kennengelernt hatte Kisch die mit dem deutsche Publizisten Willy Haas veheiratete Lenin-Übersetzerin im als Literaten-Treffpunkt legendären Romanischen Café. Aus Berlin nach Prag zurückgekehrt, übernahm Jarmila Haasová die Übersetzung der überwiegend im Berliner Erich Reiss Verlag erschienenen, ungemein erfolgreichen Reportageromane ihres Freundes. Kisch kämpfte als überzeugter Kommunist im Spanischen Bürgerkrieg, ehe er nach einer Hetzjagd durch die Kontinente in den Vereinigen Staaten und Mexiko Asyl fand. Stets in Kontakt mit ihrem Landsmann, kümmerte sich Jarmila Haasová nicht nur um die politisierenden Schriften, sondern auch die Kurzprosa ihres „goldenen Egonek“, dessen Manuskripte von der Behutsamkeit ihrer Bearbeitung profitierten.

Quelle: FAZ.net
Autorenporträt / Blechen, Camilla (C.B.)
Camilla Blechen
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