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Vincent Van Gogh

Heute hängen sie in Museen

Von Stefan Koldehoff
 - 16:00

So dankbar sie für die Solidarität auch war, mit dem Ergebnis der Auktion konnte Renée Julienne Tanguy nicht zufrieden sein. Nur 14.261 Francs seien am Nachmittag des 2. Juni 1894 im Hôtel Drouot zusammengekommen, ließ die Analphabetin zehn Tage nach der Auktion ihre Tochter in einem Brief schreiben: weit weniger, als die Witwe für ihre 98 Kunstwerke erwartet hatte. Dabei wurde das Geld dringend benötigt. Vier Monate zuvor war ihr Mann, Julien-François Tanguy, gestorben. In seinem Ladengeschäft in der Rue Clauzel am Montmartre hatte er den Künstlern der Pariser Impressionisten-Szene Farben und Leinwände verkauft – und als Bezahlung oft genug ihre Werke statt Geld akzeptiert. Als einzige Altersabsicherung für seine Witwe stapelten sich deshalb nun in den Hinterzimmern Gemälde von Cézanne und Gauguin, Alfred Sisley und Camille Pissarro, Émile Bernard und Mary Cassatt. Heute wäre jedes von ihnen ein kleines Vermögen wert. Damals aber wussten nur wenige Sammler diese Kunst so zu schätzen, dass sie dafür auch Geld riskieren wollten. So wurden die Cézanne-Gemälde schließlich zwischen 95 und 215 Francs, Gauguins frühe Bilder für um die hundert Francs, die zwei angebotenen Sisley-Werke für je 185 und das Renoir-Pastel „Le Bain“ für 190 Francs abgegeben. Zu den höchsten Zuschlägen zählten die 3000 Francs für eine signierte Bordighera-Ansicht von Claude Monet.

Organisiert hatte die Versteigerung der Schriftsteller und Kunstsammler Octave Mirbeau – ein Freund der Familie, von dem auch der Nachruf auf „Père Tanguy“ in „L’Écho de Paris“ stammte. Er bat dafür verschiedene Künstler um zusätzliche Arbeiten, unter ihnen Auguste Rodin. Dessen Kleinbronze „Hippocrate“ erlöste 220Francs. Wahrscheinlich, so mutmaßte die enttäuschte Witwe Tanguy in ihrem Brief, hätten sich verschiedene anwesende Kunsthändler vor der Auktion abgesprochen, keine zu hohen Gebote abzugeben.

Dass die Versteigerung „au profit de Mme Vve Tanguy“ – wie auf dem Titel des kleinen, seltenen Katalogs stand – trotzdem Kunsthandelsgeschichte schreiben sollte, konnte damals niemand ahnen: An diesem Tag Anfang Juni 1894 wurden zum ersten Mal auch Bilder von Vincent van Gogh auf einer Auktion angeboten – und verkauft. Zwar ist die hartnäckige Legende, der Maler habe zu Lebzeiten nur ein einziges Werk verkaufen können, längst widerlegt; es gab vor seinem Tod im Juli 1890 verschiedene private Verkäufe. Renée Julienne Tanguy allerdings war die Erste, die Bilder zu einer öffentlichen Auktion einlieferte, knapp vier Jahre nach seinem Tod.

Ihre Korrespondenz mit der Familie Van Goghs zeigt, dass sie dabei offenbar genau zwischen eigenem Besitz und solchen Werken unterschied, die Vincent van Gogh ihrem Mann nur zur Einlagerung oder als mögliche Kommissionsware zurückgelassen hatte, als er im Frühjahr 1887 von Paris nach Arles in der Provence umgezogen war. Verschiedene Künstler – unter ihnen Gauguin – hatten Julien Tanguy gebeten, wenn möglich, Bilder von ihnen zu verkaufen.

Tanguys Ladengeschäft diente auch als Galerie: im Juni 1891 zum Beispiel, so ist einer kleinen Notiz im „Mercure de France“ zu entnehmen, für „eine wunderbare Sammlung von Werken Vincent van Goghs“. Über das, was er nur treuhänderisch besaß, führte der Händler genau Buch. So konnte sich auch seine Witwe gegenüber den Van-Gogh-Erben auf ein Inventar von dessen Bildern beziehen, das heute der Provenienzforschung eine wichtige frühe Quelle ist. Van Goghs Schwägerin und Nachlassverwalterin Johanna van Gogh, deren Ehemann Theo ein Jahr nach seinem Bruder Vincent gestorben war, wusste, dass vor allem in Paris die Möglichkeit bestand, Bilder zu verkaufen: Dort war Van Gogh – anders als in Holland oder Deutschland – kein Unbekannter. „Bis Oktober“, bat Madame Tanguy, sollten die Werke nun aber abgeholt werden, „wir haben keine Gemälde verkauft“.

Zeitzeugen der Industrialisierung

Finanziell waren auch die beiden Van-Gogh-Gemälde in der Drouot-Auktion von 1894 kein großer Erfolg. Die Zuschläge, die sie erzielten, belegen heute, wie grundlegend sich der Kunstmarkt seither verändert hat. Als Losnummer 61 kam eine 54 mal 73 Zentimeter große Ansicht zum Aufruf, die Van Goghs Auseinandersetzung mit dem Impressionismus und vor allem mit Pointillisten wie Signac und Seurat nach seiner Ankunft in Paris 1886 dokumentiert. Das Bild, das sich heute im Saint Louis Art Museum befindet, zeigt ihn zugleich als Zeitzeugen der Industrialisierung, die auch Maler wie Sisley, Pissarro und Monet regelmäßig zum Bildthema machten. Van Goghs „Fabriken bei Clichy“ kaufte für gerade einmal hundert Francs der Galerist Eugène Blot. Vor 1914 befand sich das Gemälde im Besitz des Hamburger Kaufmanns Paul Melchior Robinow, der seine Sammlung im Oktober 1928 bei Cassirer versteigern ließ.

Das zweite Bild – eine von mehreren Darstellungen zweier Schuhe, heute im Baltimore Museum of Art – ist sogar selbstbewusst in hellroter Farbe mit „Vincent“ signiert und mit „87“ datiert. So verfuhr Van Gogh nur bei Bildern, die er für gelungen hielt, oder bei solchen, die er an Freunde verschenkte. Der fehlende Nachname sorgte allerdings für Irritationen: Anders als das Fabrikbild wurde dieses nicht unter „Van Gogh“, sondern mit der Losnummer 64 separat unter „Vincent“ katalogisiert. Trotzdem erwarb das 34 mal 41,5 Zentimeter messende Gemälde damals – für nur dreißig Francs – ein junger Mann, der noch so unbekannt war, dass ihn das Auktionsprotokoll als „Volat“ ausweist. Heute gilt Ambroise Vollard, der sich als einer der ersten Kunsthändler für Van Gogh engagierte und aktiv in der Provence nach seinen Werken suchte, als Legende der Kunsthandelshistorie. Das Gemälde mit den Schuhen verkaufte er drei Wochen nach der Tanguy-Auktion ebenfalls an Eugène Blot weiter, mit einem bescheidenen Gewinn von zwanzig Francs. – Hier zum Vergleich: Ein Kilogramm Kaffee kostete damals vier Francs, ein Kilo Brot 35 Centimes.

Zwei der drei Porträts, die Van Gogh von Julien Tanguy malte, blieben, wie einige andere seiner Gemälde, noch länger im Besitz der Familie Tanguy. Das früheste, mit Malerschürze, heute in Kopenhagen, erwarb vor 1901 ebenfalls Ambroise Vollard. Das andere, vor einer Wand mit japanischen Farbholzschnitten, verkaufte die Tochter Marie Chenue-Tanguy an Auguste Rodin. Es hängt bis heute im Museum in Rodins Wohnhaus in Paris.

Quelle: F.A.Z.
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