Virtuelle Kunst und Kryptogeld

Im digitalen Tulpenfieber

Von Rose-Maria Gropp
27.03.2021
, 18:42
Die Online-Auktion eines NFT war für Christie’s ein geschickter Coup. Aber müssen solche Token deshalb Kunst sein?

Zum ersten Mal hat eines der großen internationalen Auktionshäuser eine rein digitale Kreation aus einer Blockchain versteigert. In einer Online-only-Auktion, die vom 25. Februar bis zum 11. März dauerte, wurde „Everydays: The First 5000 Days“, eine von Mike Winkelmann alias Beeple eigens für Christie’s konzipierte Collage, in den letzten Sekunden für umgerechnet 60,25 Millionen Dollar zugeschlagen; mit dem fälligen Aufgeld bezahlt der inzwischen bekannte Käufer, der indische Kryptounternehmer Vignesh Sundaresan, der unter dem Pseudonym Metakovan für seine Firma Metapurse agierte, 69,35 Millionen Dollar. Das Format aus 21.069 mal 21.069 Pixeln ist ein NFT (non-fungible token) und gilt deshalb gemeinhin als unkopierbar in der Blockchain. Gehandelt werden solche Token in Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether als Spekulationsobjekte, ähnlich physischen Originalen von Kunstwerken.

Vor ein paar Jahren war die befremdliche Bezeichnung „Post Internet Art“ schnell kaputtgeritten gewesen – nicht zuletzt, weil die Künstler, die damit gemeint waren, doch keine Lust hatten, sich quasi in den Dienst eines Medienunternehmens gestellt zu sehen. Sie produzierten Werke für das Internet und soziale Medien wie Twitter oder Instagram, um dort, abseits des klassischen Kunstmarkts, Popularität und ein Publikum zu finden. Ganz anders ist das jetzt bei den NFTs: Bisher wurden solche im Netz gehandelt und versteigert und in einer der dort kursierenden Kryptowährungen bezahlt. Die Entscheidung, mit Beeples Elaborat in eine herkömmliche Online-Auktion zu gehen, war deshalb ein Novum im klassischen Auktionsmarkt.

Besonders bemerkenswert ist, dass Christie’s vorher ankündigte, als Bezahlung des vollen Betrags die Kryptowährung Ether zu akzeptieren; was dann auch geschah. Noch erstaunlicher ist, dass offenbar niemand bisher nachgefragt hat, wie das denn habe gehen können. Denn schwer vorstellbar ist doch, dass einer der beiden Auktions-Weltmarktführer im Bereich der Kunst sich auf eine Krypto-Zockerei mit unbekanntem Ausgang einlassen würde.

Auf beiden Seiten hoher Einsatz

Im Gespräch mit Dirk Boll, dem Präsidenten von Christie’s für EMEA (Europa und Großbritannien, Mittlerer Osten und Afrika), ließ sich das Vorgehen des Hauses in diesem Fall klären: Boll bestätigt, dass Beeple selbst seine Schöpfung eingeliefert hat; er hat auch die für Einlieferer übliche Kommission in Ether (ETH) bezahlt. Richtig interessant wird es bei dem fälligen Käuferaufgeld, das sich angesichts des extremen Zuschlagspreises auf immerhin – jedenfalls zu diesem Zeitpunkt – umgerechnet 9,1 Millionen Dollar belief. Auch diese Summe wurde von Metakovan in Ether beglichen – allerdings: Die Kryptowährung wurde dann von Christie’s, so sagt Boll, „im Hoch des volatilen Wechselkurses in Dollar umgetauscht, und das mit Erfolg“. Das Ganze geschah in einem „kontrollierten Umfeld“ in Zusammenarbeit mit „Makersplace“, einem Marktplatz für digitale Kunst. Überdies hatte, so Boll, das von 22 Millionen Menschen verfolgte bisher größte Online-Auktions-Event überhaupt einen „positiven Einfluss auf die Preisentwicklung“ – entsprechend auf den aktuellen Umrechnungskurs beim Wechseln von Ether in Dollar. Man könnte das einen Coup nennen.

Selbstverständlich hat, nach den Spielregeln des Kunstmarkts, Christie’s nichts damit zu tun, was für den neuen Besitzer von „Everydays: The First 5000 Days“ aus den – ebenfalls zu diesem Zeitpunkt vermuteten – 42,329 Millionen ETH am Ende bleiben wird. Metakovan hat optimistisch verkündet, seine Erwerbung werde eines Tages eine Milliarde Dollar wert sein; das wird sich zeigen oder auch nicht. Dirk Boll stellt jedenfalls klar, dass die „monetäre Kontrolle“ für Christie’s eine entscheidende Komponente war. Zur weiteren Strategie in diesem Feld sagt er, die Firma wolle sich „offen zeigen für den künstlerischen Ausdruck in diesem Medium“. Die Konkurrenz Sotheby’s hat inzwischen ähnliche Aktivitäten angekündigt.

Der Wert ist wie das Geld – kryptisch

Bleibt noch anzumerken, weil Superlative doch so reizvoll sind: Immer wieder war zu lesen, Beeples Pixel-Kompilation wäre nun das drittteuerste Werk eines zeitgenössischen Künstlers, nach Jeff Koons und David Hockney (Gerhard Richter wäre dann auf Rang vier). Aber das ist, vorsichtig formuliert, Unsinn. Nicht bloß deshalb, weil der Umrechnungskurs von Kryptowährung in harte Währung extremen Schwankungen unterliegt, so dass der Dollar-Preis nicht als konsistent gelten kann, sondern auch, weil da zwei grundverschiedene Medien miteinander verglichen werden: auf der einen Seite physisch existierende Malerei und Bildhauerei (Koons’ teuerste Arbeit ist der stählerne „Rabbit“); auf der anderen Seite eine nur virtuell vorhandene digitale Formation. Dass diese niemals den mittels Ether erzeugten Betrag in Dollar eingebracht hätte, ist keine gewagte Behauptung. Weil die NFTs mit der hehren Idee des Originals kokettieren, ist es obendrein wenig vertrauensstiftend, dass inzwischen Hacker angeblich unkopierbare „non-fungible tokens“ geknackt haben (ebenso angeblich sollen die aber wieder in Sicherheit gebracht worden sein).

Notwendig kommt die Frage auf, ob es sich bei einem NFT um Kunst im emphatischen Sinn handeln kann. Das wird sich erst noch entscheiden müssen; Parameter dafür wird die Bereitschaft zur Akzeptanz solcher Produktionen auf der Basis einer Sammlerschaft sein. Was konkret „Everydays: The First 5000 Days“ angeht, sind Zweifel angebracht. Zumal sich inzwischen der amerikanische Kunstkritiker Ben Davis für „Art Net News“ an die Sichtungsarbeit der einzelnen Bilder gemacht und diese dokumentiert hat, mit eher unerquicklichem Ergebnis. Keine Seltenheit sind nach seiner Analyse offenbar Rassismus, Sexismus, Misogynie, kurz Obszönität; Davis findet dafür deutliche Worte. Man erinnert sich, dass nach der Auktion der Sprecher von Metapurse den Plan bekanntgab, für Beeples Collage ein prächtiges Museum in der virtuellen Welt zu errichten – damit alle im Netz die „Grandeur dieses Werks“ erleben können. Warum muss es immer gleich Kunst sein, sogar in dieser Parallelwelt?

Die Auktion war im Ganzen der publikumsträchtige Versuch von Christie’s, eine neue, dringend erwünschte Käufergruppe zu generieren, basierend auf der Überlegung, dass sich vermögende Jüngere am ehesten für NFTs begeistern könnten. Doch selbst wenn diese wohlhabende Klientel demnächst mit den Kryptowährungen zu tun hat, weil digitale Zahlungsmittel zweifellos an Bedeutung gewinnen werden, ist noch nicht ausgemacht, dass sie sich entsprechend an virtuellen Kunstwerken delektiert (womöglich: im Gegenteil). Auch deshalb muss die Kunstgeschichte vorerst nicht neu geschrieben werden. Nüchtern betrachtet, hat man es mit geschickt bedienten, im Kern gängigen Mechanismen des traditionellen Kunstmarkts zu tun. Neu ist nicht einmal die infantile Komponente, die auf der Käuferseite das Spiel mit den Ether-Millionen hinzufügt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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