Auktionen in Bern

Angelus in der Bretagne

Von Felicitas Rhan
14.09.2021
, 09:38
Paul Cézanne, „Pot à gingembre avec fruits et nappe“, 1888/90, Aquarell über Vorzeichnung in Bleistift, 31,6 mal 48,5 Zentimeter: Taxe 1,25 Millionen Franken
Die Herbstauktionen bei Kornfeld in Bern fahren mit Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts und mit Druckgraphik Alter Meister auf. Die Gesamterwartung liegt bei mehr als 54 Millionen Franken.

Bedingt durch Corona wurden die Auktionen bei Kornfeld auch in diesem Jahr auf den Herbst verschoben: Am 16. und 17. September finden nun in Bern die Veranstaltungen mit Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts und mit Druckgrafik Alter Meister statt: Das imposante Angebot – zugleich das am höchsten dotierte in der Geschichte des Schweizer Hauses – wird preislich von Robert Delaunays monumentalen Stillleben „Nature morte portugaise“ angeführt. Die farbintensive Symbiose aus gegenständlichen Elementen und abstrakten Motiven auf 171 mal 211 Zentimetern entstand 1916, als das Ehepaar Delaunay für zwei Jahre in Vila do Conde im Norden Portugals lebte; die Erwartung liegt bei 2,5 Millionen Franken. Georges Braques Collage „Verre et Bouteille (Fourrures)“ von 1913/14 befand sich einst im Besitz des bedeutenden Kunsthändlers Daniel-Henry Kahnweiler und später in der Sammlung von Raoul La Roche, einem großen Förderer der Kubisten in Paris. Nach fast hundert Jahren in Familienbesitz kommt das Werk jetzt mit einer Schätzung von 1,6 Millionen Franken erstmals auf den Markt.

Im Jahr 1914 entstand auch die Gouache „Personnages dans un escalier“ von Fernand Léger, die ehemals dem französischen Premierminister Albert Saurrant gehörte (Taxe 800.000 Franken). Alexej von Jawlenski malte 1908 ein „Stilleben mit gelber und weißer Kanne“, das eine imposante Ausstellungshistorie sowie Marktfrische auszeichnet (eine Million). Emil Noldes umwerfendes Ölgemälde „Mohn und Rosen“ gehört zu einer Gruppe von sieben Blumen- und Seerosenbildern, die der Künstler im Sommer 1917, von der Pracht in Ada Noldes Garten inspiriert, schuf. Es soll – frei von weiteren Ansprüchen nach einer einvernehmlichen Lösung mit den Erben der jüdischen Vorbesitzer – ebenfalls eine Million Franken einspielen. Zu den Highlights der Moderne zählen des Weiteren zwei Spätwerke von Ernst Ludwig Kirchner: die fast violett monochrome „Zügenstraße“ von 1922/24 und die 1935 entstandene „Bündner Landschaft mit Sonnenstrahlen“ (Taxe je 750.000 Franken). Etwa drei Jahre vor seinem Tod 1985 arrangierte Marc Chagall auf „La fête au village“ seine charakteristischen Elemente wie das Liebespaar, den Blumenstrauß und den Hahn zu einer komplexen Bildergeschichte (800.000). Zusätzlich präsentiert Kornfeld in einem Sonderkatalog weitere vierzig Arbeiten auf Papier aus dem Nachlass der Familie Chagall.

Paul Gauguin: „L'Angelus en Bretagne“, 1894, Monotypie in Farben auf Velin, Zeichnung 27,5 mal 30 Zentimeter, Taxe 900.000 Franken.
Paul Gauguin: „L'Angelus en Bretagne“, 1894, Monotypie in Farben auf Velin, Zeichnung 27,5 mal 30 Zentimeter, Taxe 900.000 Franken. Bild: Kornfeld, Bern

Unter den insgesamt 736 Losen mit Moderner Kunst gibt es auch einige Impressionisten, angeführt von einem zarten Aquarell mit Obst-Stillleben, „Pot à gingembre avec fruits et nappe“ von Paul Cézanne, das sich seit 1950 in Familienbesitz befindet (1,25 Millionen). Alfred Sisley hielt 1880 auf 65 mal 92 Zentimetern das pittoreske Landleben im kleinen Städtchen Saint-Mammès fest (800.000). Paul Gauguin fertigte 1894 die farbige Monotypie auf Velin „L’Angelus en Bretagne“, die er seinem irischen Malerfreund Roderick O’Conor dedizierte, wie die Widmung „for my dear friend O’Conor, one man of Samoa“ belegt (900.000). Und von Edgar Degas werden sechzehn Arbeiten auf Papier angeboten, darunter sein berühmtes Selbstporträt als Radierung von 1857 (Auflage 7; 475.000).

Auch die Sektion mit Schweizer Kunst hat hervorragende Vertreter: Allein 36 Lose kommen marktfrisch aus der Sammlung des Zürcher Kaufmanns Richard Kisling, der Vorstands- und Kommissionsmitglied der Zürcher Kunstgesellschaft war und von 1904 an eine außerordentliche Sammlung zeitgenössischer Schweizer Kunst aufbaute; die Werke werden von Kornfeld in einem separaten Katalog präsentiert: Dazu gehören die um 1890 entstandene „Gemmi-Landschaft“ von Ferdinand Hodler, die vor Kraft strotzt und für 750 000 Franken angeboten wird, und einige Gemälde von Cuno Amiet, mit dem Kisling eine enge Freundschaft verband. Besonders schön sind Amiets monochrome Winterlandschaft von 1903 (500.000) und eine 76 mal 111 Zentimeter messende Schafswiese von Giovanni Giacometti aus dem Jahr 1900 (600.000). Dessen Sohn, Alberto Giacometti, schuf 1965, im Jahr vor seinem Tod, mit der 46 Zentimeter hohen Männerbüste „New York II“ sein letztes Bildnis seines Bruders Diego (Auflage 10; 1,5 Millionen). Von Albert Anker gelangt ein 42 mal 55 Zentimeter großes Stillleben mit Heringen von 1899 für 400.000 Franken unter den Hammer.

Bildnis seines Bruders Diego: Alberto Giacometti, „Buste d’Homme (New York II)“, 1965, Bronze, Guss 1972, 46 Zentimeter hoch, Taxe 1,5 Millionen Franken.
Bildnis seines Bruders Diego: Alberto Giacometti, „Buste d’Homme (New York II)“, 1965, Bronze, Guss 1972, 46 Zentimeter hoch, Taxe 1,5 Millionen Franken. Bild: Kornfeld, Bern

Bei den Zeitgenossen überzeugt besonders Sam Francis’ großformatiges Ölbild „Green“, das der Künstler 1952 in Paris malte und das sich seit 1958 in Schweizer Familienbesitz befindet, mit einer Erwartung von zwei Millionen Franken. Ebenfalls der Farbe Grün verschrieben hat sich Lucio Fontana in seinem 1964/65 entstandenen Schnitt-Werk „Concetto spaziale, Attese“ (700.000). Und Serge Poliakoff firmiert mit einer farbintensiven und monumentalen „Composition abstraite“ von 1959 für 750.000 Franken.

Die beiden Spitzenlose bei der Druckgrafik Alter Meister, die ebenfalls am 17. September offeriert wird, stammen von Albrecht Dürer: Der berühmte Kupferstich „Adam und Eva“ von 1504 ist das erste der großen Hauptblätter des gestochenen Werks, er wird in einem der frühesten Zustände angeboten (II. Zustand; 400.000). Die vollständige Holzschnitt-Serie „Marienleben“ mit Titel und neunzehnseitiger Blattfolge von 1502 bis 1511 ist auf 380.000 Franken taxiert. Zusammen sollen alle Auktionen mehr als 54 Millionen Franken einspielen.

Quelle: F.A.Z.
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