Zweite Klage gegen Knoedler

Skandal! Was für ein Skandal?

Von Lisa Bingenheimer
25.04.2012
, 15:03
Deutschland hat den Fälscher Wolfgang Beltracchi. Amerika hat jetzt falsche Rothkos, Motherwells und Pollocks - vielleicht. Aber keinen Täter.

Anfang Dezember 2011 schloss die alteingesessene New Yorker Galerie Knoedler plötzlich ihre Pforten. Kurz darauf reichte ein Kunde Klage gegen die Galerie und Ann Freedman, ihre ehemalige Präsidentin, ein: Der belgische Hedgefonds-Manager Pierre Lagrange behauptet, dass es sich bei einem Bild von Jackson Pollock, dass er 2007 für siebzehn Millionen Dollar bei Knoedler kaufte, um eine Fälschung handle. Er stützt sich auf ein naturwissenschaftliches Gutachten, dem zufolge die verwendete Farbe erst nach dem Tod Pollocks auf den Markt gebracht worden sein soll.

Das streitige Kunstwerk wurde Knoedler von der wenig bekannten mexikanischen Kunsthändlerin Glafira R. und deren Partner José Carlos B. vermittelt. Glafira R. gab vor, in engem Kontakt mit dem Sohn eines Sammlers von amerikanischer Nachkriegskunst zu stehen, der anonym bleiben wolle. Bekannt war schon zuvor, dass die „Dedalus Foundation“, welche die Echtheitsbestätigungen für Werke Robert Motherwells ausstellt, aus der Glafira-R.-Quelle stammende Bilder als Fälschungen bewertete. Wie die „New York Times“ berichtet, bezeichnete Glafira R. den anonymen Sammler zwischenzeitlich als „John Gerzso“. Der vom FBI daraufhin vernommene John Gerzso, Sohn des mexikanischen Malers Gunther Gerzso, hat seine Beteiligung allerdings bestritten. Da die Ermittlungen des FBI zu Provenienz und Echtheit der rund zwei Dutzend Arbeiten aus der mysteriösen Sammlung noch andauern, wollte die Behörde sich auf Anfrage dieser Zeitung nicht äußern.

Inzwischen erging im Lagrange-Verfahren eine erste Entscheidung: Das zuständige Gericht schmetterte den Antrag der Lagrange-Anwälte ab, zur Sicherheit Knoedler-Vermögen in Höhe der Klageforderung einzufrieren. In der Begründung musste das Gericht freilich noch nicht zu Fragen der Authentizität des angeblichen Pollocks und zu den an Galerien zu stellende Sorgfaltsanforderungen Farbe bekennen. Die begeisterte Reaktion des Knoedler-Anwalts Charles D. Schmerler, damit sei „diese Charade ein für alle mal beendet“, erscheint daher verfrüht. Außerdem sind am 28. März in New York weitere Kunden von Knoedler und Ann Freedman vor Gericht gezogen, der Jurist Domenico DeSole, Vorstand in Tom Fords Modeunternehmen, und seine Frau Eleanore. Sie klagen Schadensersatz in Höhe von mindestens 25 Millionen Dollar ein: Streitgegenstand ist ein 2004 für 8,3 Millionen Dollar gekauftes Gemälde, vorgeblich von der Hand Mark Rothkos.

Eine Rothko-Fälschung in der Fondation Beyeler?

In der Klageschrift steht, dass die De Soles Zweifel an der Urheberschaft bekamen, als sie von der plötzlichen Schließung der Galerie und dem Lagrange-Prozess erfuhren. Sie beauftragten den forensischen Restaurator James Martin von „Orion Analytical“ mit der Begutachtung; er war bereits für Lagrange tätig. Martin kam - wie zuvor bei dem Pollock - zum Ergebnis, dass es sich um eine Fälschung handle. Dazu äußerte ein Sprecher der Knoedler-Galerie auf Anfrage, dass dieses Gutachten auf den ungesicherten Theorien einer einzigen Person basiere, die im Widerspruch zu den Meinungen zahlreicher Experten stünden. Denn angeblich hat Knoedler zuvor das Werk einer ganzen Reihe namhafter Kenner gezeigt. Keiner davon hätte die Authentizität in Frage gestellt, so sagt Nicholas Gravante, der Anwalt von Ann Freedman.

Zu diesen Experten gehörte auch der vor zwei Jahren gestorbene Basler Kunsthändler Ernst Beyeler. Er lieh den Rothko für eine Ausstellung 2005 in der Fondation Beyeler in Riehen aus, wie aus einem Brief hervorgeht, der dieser Zeitung vorliegt. Die Anwälte der De Soles werfen Knoedler jedoch vor, sich lediglich auf spontane Einschätzungen zu stützen, anstatt ein wissenschaftlich fundiertes Gutachten einzuholen. Gravante argumentiert dagegen auf Anfrage, dass „eine Authentifizierung niemals zu hundert Prozent verlässlich“ sei. Sogar die Dedalus Foundation, von manchen für die weltweit führende Instanz zur Beurteilung von Motherwell-Werken gehalten, habe zunächst eine der von Glafira R. in Umlauf gebrachten Arbeiten uneingeschränkt für echt befunden, bevor sie ihre Meinung dann geändert habe: „Hatte Dedalus beim ersten oder beim zweiten Mal recht - und wird das je jemand mit Gewissheit beantworten können“, so Gravante weiter.

Derweil hat die „New York Times“ seine Mandantin Ann Freedman zitiert, die im Lagrange-Verfahren aussagte, dass es für Hersteller üblich gewesen sei, Künstlern Farben noch vor deren offiziellem Verkauf zur Verfügung zu stellen. Die Gerichte haben noch eine Menge Arbeit vor sich.

Quelle: F.A.Z.
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