Zwist im Online-Kunsthandel

Tanker und Schnellboot

Von Kevin Hanschke
Aktualisiert am 12.01.2021
 - 11:39
Artnet und Weng Fine Art könnten im Internetgeschäft Synergien bilden, stattdessen liegen sie im Clinch.

Mit der Corona-Pandemie wurde im internationalen Kunstmarkt eine Transformation ausgelöst, die diesen krisenerprobten Handel in solcher Rasanz noch nie zuvor erfasst hatte. Galerien, Auktionshäuser und Messen verlagerten ihr Geschäft ins Internet. Teilweise überstürzt, manchmal auch erfolgreich wurden digitale Showrooms, Versteigerungen und Kunstkaufportale aus dem Boden gestampft.

Der deutsche Kunstmarkt mit seinen kleinteiligen Akteuren war nicht an vorderster Front bei dieser Revolution. Nur wenige Unternehmen – unter ihnen das Nachrichten-, Datenbanken-, und Online-Auktionsportal „Artnet“ aus Berlin und die „Weng Fine Art“, ein Kunstgroßhandel aus dem Rheinland, profitierten wirtschaftlich von der Schubkraft der Digitalisierung. Artnet steigerte seinen Umsatz an Provisionen um 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Seitenaufrufe des Nachrichtenportals „Artnet News“ sind seit Beginn des Jahrs 2020 um 67 Prozent gestiegen. Die Weng Fine Art hat ihre Gesamteinnahmen um 62 Prozent auf 7,13 Millionen Euro erhöhen können.

Übernahmespekulationen

Eigentlich könnte die Zusammenarbeit der Unternehmen ein erster Schritt sein, die Fragmentierung im deutschen Kunstmarkt zu durchbrechen und Netzwerke zu schaffen, die im globalen Wettbewerb um die Käufer schlagkräftig sind. Doch wie es momentan aussieht, sind die beiden einzigen börsennotierten deutschen Kunsthandelsunternehmen, Artnet und Weng Fine Art, im Zwist. Der Grund dafür sind die Spekulationen über eine geplante feindliche Übernahme des traditionsreichen Datenbank-Unternehmens Artnet durch die kleinere, aber finanzstarke Weng Fine Art AG.

Dabei prallen nicht nur zwei Geschäftsmodelle aufeinander, sondern mit dem Artnet-Gründer Hans Neuendorf und dem Weng-Fine-Art-Besitzer Rüdiger Weng zwei Führungspersönlichkeiten, die divergierende Visionen vom Geschäft mit Kunst durchsetzen wollen. Hans Neuendorf, Jahrgang 1937, ist seit Jahrzehnten mit eigenen Galerien und Unternehmen am Markt aktiv und gründete 1989 den Online-Branchenriesen mit einer Datenbank für Auktionen. Im Jahr 1999 ging das Unternehmen an die Börse und wuchs durch mehrere Kapitalausweitungen. Neuendorf ist in der Branche gut vernetzt und ein anerkannter Galerist. Rüdiger Weng dagegen ist ein Newcomer in der Kunstwelt und war als Banker tätig, bevor er 1994 die Weng Fine Art AG als Kunstgroßhandel gründete.

Besonders zu Beginn seines Geschäfts seien die fehlenden Kontakte in die Szene ein Problem gewesen, sagt er dieser Zeitung. Die Weng Fine Art ist neu im Online-Geschäft und spezialisiert auf Editionen und den Großhandel mit Auflagen etwa von Pop-Art-Künstlern wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol. Weng will Gewinne maximieren, fordert straff kaufmännisches Wirtschaften und die Orientierung an der Steigerung des Shareholder-Value. Er hat deshalb Neuendorf öffentlichkeitswirksam für angeblich nicht ausgezahlte Dividenden und fehlende Gewinne kritisiert.

Neuendorf setzt solchen Vorwürfen seine Prioritäten auf einer nachhaltigen Investitionsstrategie, sozialem Unternehmertum und einem guten Image in der auf Vertrauen basierenden Branche entgegen. Das Wohlbefinden seiner Kunden und Mitarbeiter sei für ihn wichtiger als die Ausrichtung an der Gewinnmaximierung, sagt Neuendorf im Gespräch. Artnet gilt mit seinen Büros in New York, Berlin und London als einer der angesehensten Arbeitgeber im Kunstsektor und ist das reichweitenstärkste Nachrichtenportal für Kunst weltweit. Dennoch macht gerade dieser Geschäftsbereich jährlich einen Verlust von mehr als einer Million Euro, was Weng missfällt. Neuendorf entgegnet jedoch, dass es das Nachrichtenportal sei, das die Marke Artnet auch für die anderen Geschäftsbereiche attraktiv mache. Er wirft Weng vor, das Unternehmen in den Medien schlechtzureden, obwohl er ein Geschäftsinteresse an der Plattform habe.

Denn Weng ist seit dem Börsengang von Artnet an der Aktiengesellschaft beteiligt und hat seine Anteile von zu Beginn wenigen Prozenten zu einem Aktienpaket mit Sperrminorität erweitert. Schon in der Vergangenheit hatte Weng mehrmals versucht, Artnet zu übernehmen, scheiterte aber stets an den Partnerinvestoren oder den Machtstrukturen im Aufsichtsrat. So wollte er sich 2012 erstmals vergeblich mit dem russischen Oligarchen Sergey Skaterschikov die Aktienmehrheit sichern und kooperierte seit 2016 mit dem Wagniskapitalgeber Andreas Tielebier-Langenscheidt. Als dann zudem Großteilhaber Robert de Rothschild weitere Aktienpaket anbot, führte das zu einem abermaligen Disput zwischen Weng und Neuendorf, weil Weng seine Aktienanteile auf mehr als 25 Prozent ausweitete.

In der jüngsten Auseinandersetzung ging es auch um die Anzahl der Aufsichtsratsmitglieder, die bei der Hauptversammlung am 20. September 2020 beschlossen werden sollte. Während Weng zwei Sitze im Aufsichtsrat forderte, bot Neuendorf ihm einen Sitz an. Weng lehnte dies mit der Begründung ab, dass seine Anteile mittlerweile zu umfassend seien, und forderte mehr Mitsprache ein, was wiederum Neuendorf missfiel. Beide gingen im Streit auseinander, weswegen Weng mit einer Kampfkandidatur seine zwei Aufsichtsratssitze erobern und zudem Neundorf gänzlich aus dem Aufsichtsrat von Artnet drängen wollte. Wenige Tage vor dem Coup wurde jedoch diese Hauptversammlung abgesagt, und eine Medienschlammschlacht setzte ein.

Bis kurz vor der neu angesetzten Hauptversammlung am 15. Dezember wurde die Gegenkandidatur von Weng und dem Unternehmer Christian Röhl, der ebenfalls von der Weng AG vorgeschlagen worden war, weiter aufrechterhalten. Doch dann zog Weng seinen Kandidatenvorschlag zurück. Wie er dieser Zeitung gegenüber sagt, rieten ihm die Geschäftspartner seines eigenen Unternehmens von der Kandidatur ab und wünschten sich, dass er sich hundertprozentig auf die gewinnträchtigen Geschäfte der Weng Fine Art konzentriere. Die Verblüffung bei Neuendorf und seinen Investoren ist groß. „Unser Investment in die Artnet AG ist ohnehin eher strategischer und damit langfristiger Natur“, heißt es in einer Pressemitteilung des Weng-Unternehmens. Bei der Hauptversammlung selbst dann spricht sich die Mehrheit der Artnet-Aktionäre für die Kandidatenvorschläge von Neuendorf aus: Der neue Aufsichtsrat bleibt damit der alte.

Die aufgeflammten Streitigkeiten kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Denn für das Jahr 2021 plant Jacob Pabst, der CEO der Artnet AG, Neuerungen für die Website. Es soll eine Layout-Überarbeitung geben, das Online-Auktionsgeschäft soll ausgeweitet werden, und auch die Monetarisierung der Nachrichtendienstleistungen soll voranschreiten. Dafür notwendig ist die Zustimmung der Aktionäre und des Aufsichtsrats zu einer Kapitalerhöhung. Es ist unklar, wie es mit dem Kunst-Tanker Artnet und der Weng Fine Art weitergehen kann. Durch die Streitigkeiten sind die Parteien in einem Patt angekommen. Aber den Namen Rüdiger Weng kennt durch das Hin und Her der Auseinandersetzungen inzwischen fast jeder.

Quelle: F.A.Z.
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