Kurstädte als Weltkulturerbe

Das deutsche Badespaßtriumvirat

Von Andreas Platthaus
23.07.2021
, 10:36
Große Welt am Rand des Schwarzwalds: Baden-Baden ist bis heute ein Epizentrum des Mondänen.
Hauptsache, gesund: Gemeinsam mit acht Städten aus weiteren sechs Staaten streben Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen die Aufnahme ins UNESCO-Welterbe an.

Der Zauber einer Bäderstadt erschließt sich nicht ebenso zwingend wie der Zauber eine Küstenstadt. Es fehlt der seit Kant als Inbegriff der Erhabenheit geltende Blick aufs Meer. Zumal Baden und Baden je nachdem, ob man im Kurort ist oder am Strand, zweierlei ist. Ganz zu schweigen von der Wasserqualität. So verfügt beispielsweise die im Binnenland gelegene Heimatstadt des Verfassers über heiße Quellen, deren Existenz er als Kind nur über den Schwefelgeruch wahr- und entsprechend übelnahm. Seinen Großvater, der wochenendlich in der innerstädtischen Brunnenhalle ein Glas dieses stinkenden Wassers einzunehmen pflegte, begleitete und bedauerte er fassungslos. Und dass der Entwurf jener Brunnenhalle sich niemand Geringerem als Karl Friedrich Schinkel verdankte, wurde ihm erst in einigermaßen reflektiertem Alter klar. Die klassische Bad­architektur – paradoxerweise nicht „Bäderarchitektur“, denn dieser Begriff ist für Bauten in Küstenorten reserviert – ist heute meist eingebunden in städtische Kontexte, die die oft antikisierenden, zumindest aber historistischen Gebäude nicht (mehr) zur Geltung kommen lassen. Und die Kurgärten sind mittlerweile zu schlechteren Stadtparks degradiert, weil als Zielpublikum ihrer Gestaltung unverändert ältere Generationen gelten und deshalb dort kaum etwas modernisiert wird.

Dennoch – oder auch gerade deshalb, denn es besteht Handlungsbedarf! – gibt es seit 2014 einen Antrag auf Aufnahme von elf europäischen Bäderstädten ins Weltkulturerbe der UNESCO. „Great Spas of Europe“ heißt der eigens zu ­diesem Zweck gegründete Zusammenschluss, in dem sich mit der belgischen Stadt Spa nicht nur jenes Heilbad findet, dem sich im Französischen und Englischen die ganze Benennung dieses Heilbadtyps verdankt, sondern auch gleich ein ganzes Trio deutscher Orte: Bad Ems, Bad Kissingen und Baden-Baden. Das sind, anders als die Heimatstadt des Verfassers, kleinere Gemeinden, die vor allem als Bäder berühmt geworden sind: vor allem im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als die Heilbadkultur blühte wie seit der Römerzeit nicht mehr. Rund um die deutsche Reichseinigung von 1871 wurde dann der Höhepunkt der internationalen Ausstrahlung der drei Bäder erreicht.

Grandezza an der unteren Lahn: das Kurhaus von Bad Ems.
Grandezza an der unteren Lahn: das Kurhaus von Bad Ems. Bild: dpa

Kulturtouristische Anziehungskraft

Entsprechend sehen Bad Ems, Bad Kissingen und Baden-Baden auch aus: Architektonische Träume aus dem zweiten deutschen Kaiserreich dominieren jeweils die dortige Badarchitektur. Und dadurch die gesamten erfreulicherweise unzerstört durch den Krieg gekommenen Zentren dieser Kleinstädte, in denen sich weiland allerlei große Herrschaften einfanden, um sich zu kurieren und/oder auch zu ruinieren, denn Spielbanken waren und sind fester Begleiter ihres Heilbadbetriebs – was hätte Dostojewski sonst schon über Baden-Baden zu schreiben gehabt? In Bad Ems fühlte sich der russische Schriftsteller zwar auch wohl, und dort wurde sogar schon seit 1720 gespielt, aber der Ruhm des Casinos von Baden-Baden – und vor allem der konstante Zustrom russischer Besucher bis heute – verdankt sich Dostojewskis Roman „Der Spieler“, für dessen fiktiven Handlungsort Roulettenburg eben die Kurstadt an der Oos und nicht die an der Lahn Modell stand. Apropos Russen: Während sein Herrscher Zar Alexander II. gleich in allen drei deutschen Great-Spa-Städten zu Gast war, trieb es Dostojewski nie ins unterfränkische Bad Kissingen, denn dort war der Glücksspielbetrieb 1849 verboten worden.

Mittlerweile läuft der wieder an allen drei Orten, in jeweils prachtvollen Bauten unter staatlicher Regie, und sorgt für zuverlässigere Einnahmen als der in Deutschland stark von Krankenkassen-Gesetzgebungen abhängige Kurbetrieb. Mit dessen schwindender Bedeutung ist auch die kulturtouristische Anziehungskraft der drei Gemeinden wichtiger geworden als ihr sanitärer Ruhm, und da käme die Erhebung zu drei Elfteln Welterbestätte gerade recht. Die Chancen gelten als gut, denn grenzüberschreitende Anträge waren zuletzt bei der UNESCO gern gesehen. Mit deutscher Beteiligung waren davon bislang schon sieben erfolgreich: Chronologisch seit 2004 geordnet, sind das der Muskauer Park (zusammen mit Polen), der Limes (mit Großbritannien), das Nordsee-Wattenmeer (mit den Niederlanden), die alten Buchenwälder (mit gleich elf weiteren Staaten), die alpinen prähistorischen Pfahlbauten (mit der Schweiz, Frankreich, Österreich, Italien und Slowenien), die Bauten Le Corbusiers (mit Belgien, Frankreich, Indien, Japan und der Schweiz) und die Montan­region Erzgebirge (mit der Tschechischen Republik).

Über die Auswahl kann man streiten

Die elf nominierten europäischen Bäderstädte liegen in insgesamt sieben Staaten. Außer den deutschen Kandidaten sind es das bereits erwähnte belgische Spa, die ebenso einfallslos wie Baden-B­aden benannten Bäder Bath in Großbritannien und Baden in Österreich, das französische Vichy, das italienische Montecatini und die mit drei Mitgliedern im Verbund ebenso zahlreich wie Deutschland vertretene Tschechische Republik mit Franzensbad, Karlsbad und Marienbad. Über die Auswahl dieser „Great Spas“ kann man streiten: Wo etwa sind Bad Ischl, Abano Terme, Évian-les-Bains oder Bad Nauheim? Aber eine im Bewerbungsprozess durchgeführte Studie hat festgestellt, dass der Schwerpunkt von der Bedeutung als Weltbad im gesellschaftlichen Sinn besser auf die Bedeutung als Heilbad im medizischen Sinne zu verschieben sei, um die Erfolgschancen noch zu erhöhen. So reduzierte sich die Zahl von ursprünglich sechzehn beteiligten Städten auf die nun verbliebenen elf. Von ehedem sechs deutschen Mitgliedern der Great Spas of Europe blieben Wiesbaden, Bad Pyrmont und Bad Homburg auf der Strecke. Was zählt, ist die Aufnahme in die Erbeliste, nicht die Tradition.

Basilika als Vorbild: die Wandelhalle im Kurpark von Bad Kissingen.
Basilika als Vorbild: die Wandelhalle im Kurpark von Bad Kissingen. Bild: dpa

Und Schönheit, denn die kann man Baden-Baden, Bad Kissingen und Bad Ems nicht absprechen. Zwar ist das rheinland-pfälzische Heilbad wohl noch bekannter als Ursprungsort der Emser Depesche, die Auslöser des Deutsch-Französischen Kriegs war, aber hätte der preußische König Wilhelm nicht im Sommer 1870 in dem erst kurz zuvor seinem Staat einverleibten Städtchen gekurt, wäre Bad Ems auch nicht vom Uniformmantel der Geschichte gestreift worden. Gleiches widerfuhr mit deutlich glück­licherem Ausgang Baden-Baden, das 1945 zum Sitz von Regierung und Armeehauptquartier der französischen Besatzungszone gemacht wurde – die Stadt blühte dadurch auf wie kein anderes deutsches Bad in der Nachkriegszeit. In Bad Kissingen dagegen nutzte die US-Armee zwar bis 1993 eine frühere Wehrmachtskaserne, wirkte aber kulturell nicht annähernd so prägend wie die Franzosen in Baden-Baden, denen sich unter anderem auch die Gründung des dortigen Südwestfunks verdankte.

Wenn Wasser im Spiel ist, sind die Dinge im Fluss

Eines aber muss auch gesagt werden: Das deutsche Bäderstädtedreieck versucht sich an der Quadratur des Kreises, nämlich mit der Aufnahme in die bewahrungsorientierte UNESCO-Welterbeliste fit für die Zukunft zu werden, für die man vom hergebrachten Kurbetrieb immer weniger erwartet. Es dürfte spannend zu sehen sein, wie Badeeinrichtungen, die nicht umsonst auch hierzulande längst auf den Modebegriff „Spa“ gebracht werden, im dann auf Dauer gestellten historischen Rahmen geführt werden sollen.

Das Wellness-Verständnis der Kundschaft umfasst Schönheit vor allem als Kriterium der eigenen Person, weniger als Charakteristikum der Bäderstädte selbst. Am Konflikt zwischen Infrastruktur-Modernisierung und Weltkultur-Konservierung ist mit dem Dresdner Elbtal bekanntlich schon eine deutsche Erbestätte gescheitert, und jüngst hat es auch die Hafenstadt Liverpool getroffen. Immer wenn Wasser im Spiel ist, sind die Dinge im Fluss. Sie festzuschreiben widerspricht der Lebendigkeit der Sache, um die es geht. Und Heilkraft will ja lebendig erhalten.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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