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„Peer Gynt“ in Berlin

Irrewerden an der Wirklichkeit

Von Simon Strauss
 - 11:15
Zwischen die Zeiten gefallener Engel: Lars Eidinger zur Bildergalerie

So viel Text! So, so viel Text, der gelesen werden will. Um uns herum: Eine ständige Sendung, Gier nach Wahrnehmung, eine Bedeutungsschicht nach der nächsten wird abgetragen, zerrieben und wieder neu zusammengesetzt. Dichtes Geflecht von Ableitungen und Zitaten, ständig in nervöser Bewegung, ein einziges Zittern, das ist unsere Welt. Nur Phlegma bleibt übrig, wenn sich der Nebel lichtet. Vor und zurück, der Weg ist gleich weit, wir sind angekommen am Scheideweg, an dem der Krumme uns zuruft: „Mach einen Umweg, geh außen rum.“

Die Gegenwart, so wie sie der traurige Spieler sieht, ist verblühte Assemblage, reines Medley aus Tontropfen und Bildfetzen, ein Drehkarussell von Fake-Figuren, auf das man hier und da aufspringen und eine Achtelsekunde lang mitfahren kann im trügerischen Gefühl, die Hand doch noch am Lenkrad zu haben. Dabei kreist das Karussell nur immer weiter, in ewiger Schleife, bis kein Blick es mehr hält. Was soll da noch kommen? Wozu die Frage nach dem echten Ich? Der Wahrheit? Dem Kern?

Einen Finger hätte er sich heute früh bei der Probe abgeschnitten, so kündigt die flunkernde Regieassistentin den Peer des Abends an, aber er spiele trotzdem, mit Bandage und Schmerzmitteln. Die Schiene, mit der Lars Eidinger dann auftritt, ist gemacht aus einer alten Armbanduhr – die Zeit heilt alle Wunden. Weißgeschminkt wie Gründgens’ Mephisto, mit eckigen nackten Schultern und goldenen Grills über den Zähnen, einem umgedrehten Stuhl auf dem Kopf und hilflosen Strapsen, mit offenen Stiefeletten und lackierten Fingernägeln steht er da und bietet sich an: Schaut her, hier bin ich, ein Gesamtkunstwerk, ein zersplittertes Etwas, das Schutz sucht und gleichzeitig Freiheit will, Brechung und Ganzheit, Ironie und Pathos, alles zusammen voneinander getrennt, die Gegensätze hetz ich aufeinander wie Kampfhunde um Mitternacht – „fuck being cool“. Peer lügt. Er erzählt das Graue vom Himmel herunter und ersetzt es durch leuchtendes Pinkblau, erträumt eine wilde Bocksjagd (und singt dazu „Hunting High and Low“ von a-ha), spielt Pornoprinz und Weltenkönig.

Um ihn herum hat der bildende Performance-Künstler John Bock ein retrofuturistisches Agrar-Environment geschaffen, mit rostigen Drehwinden, einer Leinwand aus Feinripp-Slips und Heuballen, aber auch mit blubbernden Glaskolben, Transportleitungen und einem überdimensionalen Stoffgolem aus losen Schwänzen und Chaosmustern. Wie durch einen begehbaren Chemiebaukasten stolpert Peer über die Bühne und experimentiert wild mit verschiedenen Elementen herum, mischt, schüttelt und zündelt, bis es knallt. Auch er selbst ist nichts anderes als eine chemische Reaktion, zusammengesetzt aus immer neuen, immer abartigeren Stoffen, er füllt sein Ich wie ein leeres Reagenzglas mit lauter Giften, stülpt sich riesige Stoffkissen über, frisst Ekelhaftes in sich hinein, bis es ihn zerfetzt. Ein Ei von einer Stiefelspitze zertreten, ein Ei ins linke Auge gedrückt, ein Ei im Saftmixer zusammen mit Milch, Wiener Würstchen und Bier – und das dann trinken, mit zugehaltener Nase, bis zum Erbrechen. Warum? Damit es eine Reaktion gibt, damit das sinnlose Selbst spürt, dass doch irgendwo ein Bewusstsein ist.

Es ist nicht nur Aktion, nicht nur Performance, was man an diesem Abend sieht, Eidinger schafft es auf geniale Weise, seinen knallköpfigen Selbstversuchen immer wieder auch Versatzstücke des Ibsenschen Stücks unterzumischen. Der Traum von Freiheit, der Peer plötzlich überkommt, als er am Himmel die Wildgänse gen Süden ziehen sieht, wird voll ernster Sehnsucht geträumt, die Hoffnung darauf, irgendwo „reingewaschen“ zu werden von all dem Schmutz, all der Lüge. Im nächsten Moment dann gleich wieder ein drastischer Schock (vor dem schon in der Programmankündigung gewarnt wird): Als zeitgemäße Entsprechung zu Peers Weiberheldentum findet Eidinger sich in einer expliziten Pornophantasie wieder, die in Großformat auf die Leinwand projiziert wird.

Matsch und Goldregen

Mit heruntergezogenem Slip lässt er sich rammelnd von einer Kamera filmen und virtuell über einen Greenscreen in den Porno hinzuprojizieren, damit er später allen erzählen kann, er wäre bei der großen Orgie dabei gewesen. Das Irrewerden an der Wirklichkeit – ein Scheinsexproblem? Aber so ekelhaft, stumpf und verquer es auch wird, nie verliert uns Eidinger ganz an diesem Soloabend, immer fängt er einen in letzter Sekunde wieder ein mit einem klaren Satz, einer artistischen Bewegung, einem Witz wie aus dem Moment heraus. Lars Eidinger ist der Cristiano Ronaldo des deutschen Theaters. Bis in die letzte Pofalte selbstverliebt, egoman, unkontrolliert, erfolgsversessen, aber eben auch ausgestattet mit einem genauen Gefühl fürs Timing, immer im richtigen Augenblick zur richtigen Stelle, nie berechenbar, ständig aufs Neue erfinderisch.

Von Kopf bis Fuß ein Poser, der es liebt, Versteck zu spielen, sich über alle Erwartungen hinwegzusetzen, hier, in der Rolle des Peer hat Eidinger seinen besten Prototypen gefunden. Was ihn schon so erfolgreich zum Hamlet und Richard III. machte, der irrlichternde, den eigenen Körper leichtsinnig verspielende Gestus des zwischen die Zeiten gefallenen Engels, bringt er hier noch einmal mit neuer Kraft zum Ausdruck. Eidingers zersplittertes Spiel, fern vom psychologischen Realismus, aber eben auch nicht gegen das Dramatische gewandt, gewinnt besondere Anziehungskraft: Man sieht einen Mann, der spielen muss, um zu bestehen. Getrieben von Angst, jemand könnte seinen eigentlichen Kern erkennen, in ihm den unscheinbaren Jungen aus Marienfelde wiederfinden, legt er sich eine Zwiebelschale nach der nächsten um.

Mixt sich neu, entwirft teure Modetaschen und sucht jeden Morgen als Erstes nach seinem eigenen Namen im Netz. Man fürchtet sich vor diesem Schauspieler, nicht, weil er sich in nachäffender Kinski-Manier unberechenbar gibt, sondern, weil er so sehr unsere Epoche verkörpert – den unersättlichen Hunger nach Bedeutung, den kein Gott und kein weltlicher Herrscher mehr stillen kann. Und der sich deshalb im unendlichen Netz verliert und dort mit jedem Bild, jedem Ton, jeder Nachricht scheinbar immer größer wird. Dieses Epochengefühl verkörpert Eidingers Peer. In ihm wirken die unterschiedlichsten Kräfte und Bekenntnisse, sammeln sich alle losen Enden unserer Zeit zu einem chaotischen Rollenknäuel, dem zu folgen spielbestimmend wird: Eugen Drewermann spricht in einer Videobotschaft über Symbolismus, eine Trolltochter tanzt im grünen Morphsuit und Eidinger haucht Zeilen von Drake, The Cure und DAF ins Mikrofon.

Ibsens „Peer Gynt“ wird an diesem Abend gnadenlos verpoppt, groß aufgemöbelt von John Bocks unüberschaubar verrücktem Bühnenbild und immer abstruseren Phantasiekostümen. Aber zersetzt wird er nicht. Bock und Eidinger, die sich von Filmen und Performances kennen, haben aus Ibsens Theaterstück ein spekulativ-spektakuläres „Taten-Drang-Drama“ gemacht. Sie tischen dem staunenden Publikum mal Matschepampe und mal Goldregen auf, nie weiß es, was als Nächstes kommt, aber immer darf es sich gespiegelt fühlen im Wust der nervösen Kampfansagen.

Ob als reicher Sklavenhändler im Nadelstreifen-Fat-Suit, der mit „Profiterektion“ ein Orchester dirigiert, oder als Schmerzensmann im Tonstudio, in dem musikalische Zitatfetzen in Dauerschleife laufen, immer geht man mit verloren im Gedränge, unter in den „Kaskaden von Träumen“ (Drewermann), in die dieser Peer stürzt. Die berühmte Zwiebel am Schluss ist hier eine scharfe Peperoni, die Eidinger sich mit den Tränen kämpfend Stück für Stück in den Mund schiebt. Aber auch hier: kein Kern, nur immer schärfere Schichten.

Als der Applaus abflacht, nimmt Eidinger das Mikrofon wieder in die Hand und spielt weiter, begrüßt Freunde im Publikum, singt, posiert. Er hört nicht auf. Möchte wohl für immer allein auf der Bühne bleiben. Das ist der Monat der großen Egonummern in Berlin. Am Deutschen Theater fährt Sophie Rois schon nach dem Roman von Marlen Haushofer „gegen die Wand“, nächste Woche präsentiert Ben Becker im Admiralspalast sein neues Solo „Affe“ – und denkt dabei angeblich an Kafka und Engels –, und an der Schaubühne performt Eidinger als Peer. Das Theater will seine Helden zurück, so scheint es. Aber statt dort wie gewohnt zu zerbrechen, kommen sie schon völlig zersplittert auf die Bühne.

Quelle: F.A.Z.
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