Größter Bausatz der Geschichte

Legoistisch

EIN KOMMENTAR Von Stefan Trinks
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 14:46
Kolossal: Legos Steineset des Bauwerks in Rom ist mit 9036 Steinen das größte der Unternehmensgeschichte.
Zum „Schwarzen Freitag“ dieses Jahres bringt das Unternehmen mit einem Bausatz des Kolosseums in Rom das größte Steineset in der Firmengeschichte auf den Markt. Man darf sich fragen, für wen.

Der Star-Wars-Todesstern aus Lego mit seinen über viertausend Teilen war gestern, der bisherige Rekordhalter, Han Solos Raumschiff Millennium Falcon aus der Sternensaga mit seinen siebeneinhalbtausend Teilen, auch. Vom diesjährigen, vermutlich wieder verkaufsintensiven „Schwarzen Freitag“ an gibt es das 9036-teilige Set des Kolosseums in Rom, inklusive kitschiger Olivenbäumchen und grauer Travertinpflaster für pseudoitalienisches Flair um das fälschlich sandsteinfarbene Amphitheater herum. Kleinteiliger Bastelspaß an Weltgeschichte also. Während sich aber bei dem Rasenden Falken und dem davor langjährigen Teile-Rekordhalter, dem Taj Mahal, in der Frage eines konkreten Spieleinsatzes das Nachspielen der Sternensaga respektive mehr oder weniger romantischer Bollywood-Komödien problemlos vorstellen ließ, bleibt die Bespielung und der erwartete Verkaufsanreiz (bei knapp 500 Euro Anschaffungskosten keine ganz nebensächliche Frage) im Dunkeln: Sollen die Kinder die – historisch verbürgten – blutigen Tierjagden oder gar die – nur von Theologen und Kirchenlehrern behaupteten – Hinrichtungen früher Christen nachspielen?

Kinder geschichtlich interessierter Eltern könnten sicher sehr zur Freude dieser ihr Kolosseum (und den Kinderzimmerboden) fluten, wie es dies Kaiser Nero für seine aufwendig nachinszenierten Schiffsschlachten vorgemacht hat. Althistoriker-Nachwuchs könnte gar korrekt das einstige Aufziehen des gigantischen Sonnensegels über dem Zirkus, das als Schwundstufe über Jahrhunderte und insbesondere in der Goethezeit ein beliebtes Ornament an nordhessischen Eichentüren und Weimarer Deckenstuck war, nachempfinden: ein Heer speziell im kräftezehrenden Takeln von Riesensegeln trainierter Seeleute aus Roms Hafen Ostia wurde weiland für die antike Hauptstadt der Welt eigens dazu abgestellt.

Oder ist das Weltwunder in Plaste ganz legoistisch nur für Erwachsene im Homeoffice gedacht, die viel Zeit für ein solches Mega-Puzzle haben? Was in den Köpfen dänischer Marketingstrategen vorgegangen sein mag, in der Lego-Baureihe „Creator“ nicht ein lieblicheres Monument der Architekturgeschichte ausgewählt zu haben, ist unbekannt. Besonders „hyggelig“ jedenfalls erscheint das Kolosseum mit seiner blutrünstigen Geschichte nicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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