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Glosse zu Lügen

Wen kümmert schon die Wahrheit?

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
 - 11:23

Dass die öffentliche Lüge als Geschäftsmodell funktioniert, muss nicht mehr nachgewiesen werden. Wer freimütig und dreist lügt, und das immer wieder, beweist nur, dass er Aufrichtigkeit nicht nötig hat. Wer hat sich nicht gefragt, seitdem die ersten 133 Lügen des amerikanischen Präsidenten nicht mal drei Monate nach dessen Amtsantritt sorgfältig aufgelistet worden waren, was Verantwortungsträger dieses Kalibers zu notorischen Lügnern macht. Längst ist allen klar: Lüge ist Politik. Den gemeinen Lügner kümmert es nicht, ob er Fakten verdreht und Vertrauen aufs Spiel setzt. Das tun guten Gewissens und ganz privat, wie wir aus einer frisch publizierten Metastudie des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nach der Zusammenschau von 565 Alltagslügenstudien erfahren, mindestens 42 Prozent aller Männer und 38 Prozent der Frauen.

Der plumpe Lügenpolitiker geht weiter. Er schert sich außerdem nicht darum, ob er abgewählt werden kann, denn er vertraut darauf, dass nur eins zählt: Seine Lügenstrategie muss aufgehen, sie muss seine Klientel überzeugen. Mehr nicht. Sollen sich die frommen Lügner doch hinterm Küchentisch verstecken, wer das Lügengeschäft seriös und transparent betreibt wie Trump, baut auf stramme Komplizenschaft und das System. An so viel Einfältigkeit wollten australische und amerikanische Psychologen freilich nicht glauben. Wahre Freunde der Demokratie sollten doch wenigstens so viel Anstand besitzen, einen überführten Lügenpolitiker abzustrafen. Ein paar hundert Australier haben sie deshalb mit einem Online-Test auf die Probe gestellt: Der einen Hälfte wurde ein Mix aus wahren und unwahren Aussagen der beiden führenden Politiker des Landes vorgesetzt, der anderen Hälfte wurden fast ausschließlich Falschbehauptungen präsentiert. Die Testteilnehmer sollten dann die Politiker bewerten und mitteilen, ob sie die Politiker wählen würden. Anschließend wurden ihnen dieselben Politikeraussagen jeweils mit einem Faktencheck noch einmal vorgelegt und ihre Reaktion abgefragt. Fazit: Lügen rächt sich. Der Lügenpolitiker war nach der Richtigstellung für die meisten Teilnehmer nicht mehr wählbar.

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So weit so gut für die Demokratie. Das böse Erwachen kam allerdings später, wie wir aus dem „New Scientist“ erfahren, denn nach der Wiederholung des Tests in den Vereinigten Staaten, in denen die Aussagen von Donald Trump und Bernie Sanders als Vorlage genutzt wurden, brach die Wirkung des Faktenchecks in sich zusammen. Amerikanische Wähler lassen sich durch Fakten nicht belehren. Verglichen mit Australien sind zehnmal mehr Testteilnehmer bereit, Unwahrheiten zu akzeptieren und den Lügenbaron wiederzuwählen. Möglicherweise, so die Psychologen, ist das auf die extreme Polarisierung im amerikanischen System zurückzuführen. Merke: Extremismus ist, wenn Gefolgschaft mehr zählt als Wahrhaftigkeit. Der Lügenpolitiker muss lediglich noch dafür sorgen, dass seine Komplizen an die Wahlurne gehen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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