„Lulu“ in Dresden

Neuer Akt mit altem Flittchen

Von Julia Spinola
06.02.2012
, 17:10
Direkt am Herzen vorbei: An der Semperoper fährt Stefan Herheim mit Alban Bergs „Lulu“ Geisterbahn. Eberhard Kloke verpasst ihr eine neue Komplettierung des dritten Aktes.

Gibt es etwas Lächerlicheres als einen Komponisten? Für einen Regisseur wie Stefan Herheim offenbar nicht. Da kann es in der Menagerie-Kulisse, die Heike Scheele für Alban Bergs "Lulu" als nachgebildete Semperopernbühne auf die Semperopernbühne gebaut hat, noch so schmierenkomödiantisch und grell-mörderisch zugehen, da mag ringsum die ganze, grotesk beschworene Zirkus-Roncalli-Welt einstürzen - diesen wild mit seiner altmodischen Schreibfeder herumfuchtelnden Musikus namens Alwa kratzt das nicht im mindesten.

Unbeirrt malt er seine klischeehaften Dirigierkurven mit übertrieben karajaneskem Schwung in die Luft, hämmert als Lang-Lang-Karikatur auf die Tasten seines Flügels, schmiert mit wütendem Eifer auf seinen Notenblättern herum und singt seine "Hymne" nicht an Lulu, sondern einem Geisterbahn-Skelett ins Gesicht. Später wird diese Witzfigur gar noch die Chuzpe haben, die Loseblatt-Sammlung ihrer kompositorischen Geniestreiche hoffnungsvoll zur Börse zu tragen, um sie als "Jungfrauenaktie" zu verscherbeln.

Charakterliche Verschmelzung

Die bilderstürmerische Grusel-Revue, die der phantasiebegabte Herheim sich für Bergs unvollendete Wedekind-Oper ausgedacht hat, zeugt - wie stets bei diesem Regisseur - von einer braven Kenntnis der Werk- und Rezeptionsgeschichte, von einem virtuosen Regiehandwerk, einem effektsicheren Theaterinstinkt und vielen frei herumflatternden szenischen Einfällen. Am Herzen der "Lulu" aber geht das anspielungsreiche Spektakel, das nach Premieren in Kopenhagen und Oslo nun an der Dresdner Semperoper zu sehen war, vollständig ungerührt vorbei.

Natürlich ist es richtig, dass in der Figur des Komponisten Alwa ein Stückchen Alban Berg steckt; ebenso wie Berg in die Figur des Gewaltmenschen Dr. Schön etwas von seinem Lehrer Arnold Schönberg hineingeheimnist hat und in jene der lesbischen Gräfin Geschwitz Züge seiner Schwester Smaragda. Doch jene musikalische Chiffre einer überfließenden und sich beständig neu erfindenden Schönheit, die hier den Namen Lulu trägt und in der man das eigentliche Selbstporträt des Komponisten erkennen mag: dieses verführerisch glitzernde, prismatisch funkelnde Bild vom Glück, das so schamlos direkt und doch ganz arglos an unsere tiefsten Sehnsüchte rührt, wie eben nur Musik es kann - das bleibt in Herheims Inszenierung einfach nur ein blinder Fleck.

Dem Klangspektrum angemessen

Dabei verfügt Gisela Stille mit ihrem farbenprächtigen, in jeder Tonlage balsamisch strahlenden und wohlklingend irisierenden Koloratursopran über die idealen stimmlichen und auch darstellerischen Voraussetzungen für die heikle Titelpartie. Die Regie reduziert die Figur jedoch mitleidlos auf das Klischee des nackt über Leichen gehenden Flittchens von nebenan. Nicht nur die im Libretto genannten drei Ehemänner, deren Wiedergänger sich später im Londoner Nuttenviertel an ihr rächen werden, nein, ganze Rotten von Männern hat dieses Abziehbild der "Urgestalt des Weibes" hier schon dahingerafft. Als lemurenhafte Clowns mit Irrenhaus-Appeal bevölkern sie die Varietébühne einer großen "Lulu"-Show und kommentieren die Handlung mit infantil zuckenden Gogo-Tänzen. Lulu als Zirkusnummer, das Leben als Geisterbahn, die schließlich entgleist, Schigolch als Teufel und Tänze mit dem Tod: Ach, platter und näher hergeholt hätten die Regieeinfälle zu diesem Stück wahrhaftig kaum sein können.

Neugierig machte die Premiere durch die von Eberhard Kloke erstellte Neufassung des von Berg nur fragmentarisch hinterlassenen dritten Aktes der Oper. Anders als Friedrich Cerhas gewissenhafte Fassung von 1978, die raffiniert eine nicht erfolgte Vollendung suggeriert, zielt Klokes Bearbeitung der Quellen (neben den wenigen als Partiturreinschrift überlieferten Passagen sind dies vor allem das 1300 Takte umfassenden Particell, die 1935 von Berg komponierten "Symphonischen Stücke aus Lulu" und der von Erwin Stein erstellte Klavierauszug des dritten Aktes) auf ein bewusstes Hervorkehren des fragmentarischen Charakters.

So schneidet er etwa im Paris-Bild gesprochene Dialoge und Musik hart gegeneinander oder reduziert die Instrumentation streckenweise auf Klavier und Sologeige. Im London-Bild wurde das Quartett, in dem über große Strecken nur die Vokalpartie des Alwa ausnotiert ist, ganz gestrichen. Auf der anderen Seite aber erhebt Kloke den Fragment-Charakter zu einem ästhetischen Ziel und nimmt sich auch die Freiheit, diesen noch weiterzuspinnen und zu steigern. So sieht seine Fassung Ossia-Passagen vor, die in jeder neuen Inszenierung variabel zu verwenden seien. Als von Berg nicht vorgesehenes Instrument führt er in prominenter Rolle das Akkordeon ein, was ihm "in Hinsicht auf Bergs Klangspektrum und das Bänkelsängerlied Wedekinds angemessen erschien". Auf diese Weise rückt Kloke den Komponisten Berg idiomatisch in die Nähe zu Weill und Krenek. Eine wirkliche Alternative zu Cerhas Fassung kann man darin schwerlich erkennen. Reizvoll in der Dresdner Aufführung erschien allenfalls die parallel zu Lulus Niedergang sich vollziehende klangliche Ausdünnung: Wenn Lulus Lebensfluidum die Musik ist, so vollzieht sich ihre Zerstörung als ein vorübergehendes Verstummen des Orchesters.

Musikalisch hatte der am Pult der Sächsischen Staatskapelle debütierende Cornelius Meister seine Schwierigkeiten mit Bergs Zwölftonoper. Von der klanglichen Subtilität, der präzisen Gestik, dem überbordende Formenreichtum der Bergschen Partitur war im opulenten Ton der "Wunderharfe" bei recht monochromer Dynamik wenig zu vernehmen. Der Spannungsbogen der "Monoritmica" im Dialog zwischen dem Maler und Dr. Schön zerplatzte zu einer bloßen Begleitmusik. Im dritten Akt erhielt das Ganze ein wenig mehr Prägnanz. Sängerisch aber gelang die Premiere, neben der fulminanten Gisela Stille, mit Christa Mayer als wandlungsfähiger Gräfin Geschwitz, Jürgen Müller als ansprechendem Alwa und Markus Marquardt als imposantem Dr. Schön, mehr als nur ordentlich.

Quelle: F.A.Z.
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