Mädchenkultur

Rosa Rollback

Von Carolin Wiedemann
26.11.2012
, 12:49
Alles Rosa: Aus der Serie „The Pink Project“ der koreanischen Künstlerin JeongMee Yoon.
Wenn man so tut, als gäbe es keinen Sexismus mehr, werden Mädchen wieder zu Puppen. Über die Pinkifizierung der kindlichen Lebenswelt.

Als ich klein war, musste ich kein Rosa tragen. Die Kinderabteilung von H&M war noch nicht nach Geschlechtern getrennt, und im Freibad konnte ich selbstverständlich nur mit einer Badehose bekleidet ins Becken springen. Ich trug die Haare kurz, hin und wieder zum Igelkopf gegelt. Unsere Eltern schenkten meiner Schwester und mir Bauklötze und Barbies. Am liebsten spielte ich mit Johannes, meinem Nachbarn, der meine dreizehn identischen Blondinen unterscheiden konnte und immer die Schaumbarbie sein wollte.

2012 kann ich in einer Boutique für Babygeschenke zwischen rosa und hellblauen Spieluhren wählen, und als ich für das einen Monat alte Kind meiner Freundin blau aussuche, ruft die Verkäuferin: „Aber es ist doch ein Mädchen!“, und wickelt den Plüschstern gleich zweimal in fliederfarbenes Geschenkpapier.

Pink steigert den Absatz

Der Zwang zur Binarität ist zurück. In den achtziger und neunziger Jahren sahen Kinder wie Kinder aus, heute ist klar, wer die Mädchen sind: Sie tragen Rosa und Pink, langes Haar und besitzen wenigstens ein Accessoire aus der Prinzessin-Lillifee-Serie. „Pinkifizierung“ nennen Wissenschaftler den neuen alten Trend, mit dem Mädchen immer mehr zu Mädchen gemacht werden - und liefern eine einfache Erklärung: die Spielzeugindustrie. Schafft man die Zielgruppe „Kinder“ ab und führt Jungen und Mädchen ein, kann man doppelt so viele Trends setzen, doppelt so viel herstellen. So haben auch Lego und Ferrero plötzlich pinke „Mädchen“-Produktserien entwickelt, während sie zuvor lange nur für „Kinder“ waren.

Ist allein die Industrie schuld? Die Globalisierung hat Spielzeugmonopole erzeugt, die stärker als früher überall die gleichen Moden schaffen. So führt Disney mittlerweile 26000 Produkte in den eigenen Prinzessinnen-Serien, die Pippi Langstrumpf und Pumuckl weltweit aus den Mädchenregalen der Spielzeugabteilung verdrängen. Und selbst wenn Eltern die Klamotten selber nähen und in der Spielzeugkiste aus der eigenen Kindheit kramen - gegen die Pinkifizierung sind sie fast machtlos: Kaum im Kindergarten, wünschen sich auch ihre Töchter sehnlichst das rosa Armband, das alle haben. Wünsche, die durch Werbung auf allen Kanälen angereizt werden. Mit wachsendem Tempo zirkulieren die Bilder neuer Produkte auf Facebook-Seiten und Fernsehbildschirmen: Mädchen zwischen elf und 14 Jahren sind täglich mit schätzungsweise 500 Anzeigen konfrontiert.

Lillifee statt Cindarella

Aber es gibt eine Erklärung für den Trend zur Pinkifizierung, die tiefer greift. Spielzeug- und Klamottenhersteller haben die Zweigeschlechtlichkeit nicht erfunden. So manipulativ sie mit ihrer Werbung auch sein mögen - die Herstellung von taillierten T-Shirts für Dreijährige stößt auf fruchtbaren Boden. Auf Eltern, die das süß finden oder zumindest akzeptieren, auf die Launen der Prominenz. Die Pinkifizierung sagt viel über die Gesellschaft aus: Über einen neuen Konservatismus, der kleine Mädchen zu einem Stereotyp erzieht, das längst überholt schien. Lillifee, die prominenteste Vertreterin der Pinkifizierung hierzulande, lässt sich auf dieses Stereotyp reduzieren. Sie ist niedlich, hat einen roten Kussmund, eine Wespentaille, sie pudert sich gern die Nase und backt Kuchen. Doch dieser Konservatismus hat nichts mit Prüderie zu tun.

Die Amerikanerin Peggy Orenstein beschreibt in dem Buch „Cinderella Ate My Daughter“ den Wandel Aschenputtels. Die alte Cinderella sei eine Erwachsene gewesen, die neue ein Teenager. Der Teenager aber wiederum hat ein tieferes Dekolleté, eine schmalere Taille, pinkere Lippen, blondere Haare und flirtet das Gegenüber keck an - Aschenputtel ist jetzt Paris Hilton, dumm, narzisstisch und ganz schön heiß.

Mädchen auf und vor dem Bildschirm

Dass Produkte für Mädchen immer pinker sind, ist ein Teil des Trends - dass sie sexualisierender sind, auch. Und das Bild, das dabei entsteht, das Leitbild des neuen Mädchens, findet sich längst nicht nur in der Spielzeugabteilung.

Die „Vogue“ fotografierte letztes Jahr das Model Thylane Loubry Blondeau auf einem Tigerfell: Ihre perfekt geschminkten Augen blicken lasziv in die Kamera, die langen Haare in einer aufwendigen Hochsteckfrisur, die glattrasierten Beine in die Luft gestreckt, an den Füßen Stilettos - sie ist zehn Jahre alt. Im April erzählte die achtjährige Daisey Mae aus Camden, Indiana, in der amerikanischen Fernsehsendung „Toddlers & Tiaras“, die wichtigste Sache im Leben sei ein attraktives Gesicht.

Wie viel Cremes und Make-up sie dafür investiert, dokumentiert die erfolgreiche Reality-Show, die kleine Mädchen seit 2009 zu Schönheitswettbewerben begleitet. Vergangenen April trug die dreijährige Lexci aus Heanor, Derbyshire bei den ersten Mini-Miss-Wahlen in Großbritannien Highheels und einen bikiniartigen Zweiteiler. Bei „Germany’s Next Topmodel“ heißen die teils minderjährigen, oft halbnackten Kandidatinnen „die Mädchen“, und knapp 40 Prozent der Zuschauer daheim sind zwischen drei und 13 Jahre alt und selbst hauptsächlich „Mädchen“.

Kinder mit XX-Chromosomen

Ich frage mich, ob ich sehe, was ich sehen will, und blättere die Produktseiten der Zeitschrift „Nido“ durch. Alles hochwertig, nichts ist aus Plastik, und nichts ist pink. Auf den Modeseiten ist trotzdem immer klar, ob hier ein kleiner Junge oder ein Mädchen abgebildet ist. Ein Foto zeigt eine vielleicht Sechsjährige, deren Haare lang und die Wimpern sanft geschminkt sind. Sie trägt nur eine kurze Hose. Obwohl ihr Oberkörper der eines Kindes ist, hält sie sich die Hände so vor die Brust, als müsste sie einen Busen verbergen. Als müsste sie ihre Sexualität verstecken, als hätte sie eine.

Prinzessin Lillifee, Cinderella, Daisey Mae und das Mädchen in der „Nido“ sind alle Teil desselben Phänomens. Süß und sexy - das sind die neuen Kinder mit XX-Chromosomen. Die britische Autorin Natasha Walter beschreibt in ihrem Buch „Living Dolls“, wie Disney-Prinzessinnen, Kinder-Kosmetiksets und Castingshows den Kleinen allesamt vermitteln, Frauen müssten sich über ihr Äußeres definieren - und daran arbeiten, ihre Schönheit und Sexyness zu optimieren. Du kannst aufsteigen, wirst geliebt, wenn du deinen Körper trimmst. Walter spricht von der Rückkehr des Sexismus.

Das alte neue Mädchenbild

Dem neuen alten Mädchenbild liegt eine zeitgemäße Form des Sexismus zugrunde. Eine, die sich entfaltet, wenn Neoliberalismus auf postfeministische Gesellschaften trifft. Beide Logiken hängen zusammen und verstärken einander. Dann heißt es, Frauen hätten doch die Wahl und seien vielleicht einfach gern ein bisschen Sexobjekt, und: „Es gab doch die Frauenbewegung.“ Letztere hat zwar gleiche Rechte und formal gleiche Chancen für beide Geschlechter erreicht.

Doch wer damit die Gleichberechtigung der Geschlechter für verwirklicht hielt, ignorierte, dass ein Bild der Frau als Objekt, das dem Mann gefallen müsse, bestehen blieb und somit stärker wurde. Dadurch sei die Sexualisierung der Gesellschaft als Zeichen der weiblichen Emanzipation und Macht missverstanden worden, kritisiert Walter. So entsprang aus der sexuellen Befreiung eine Form der Sexualisierung, die noch mehr Ungleichheit produziert.

In Deutschland regte sich darüber lange Zeit kaum jemand öffentlich auf. Erst in den letzten Jahren kamen Debatten über einen neuen Feminismus auf. Dass der so viel Zuspruch fand, lag jedoch gerade daran, dass die neuen Feministinnen cool und sexy sind, weniger an ihren eigentlichen Argumenten.

Wird das Ziel Geschlechtergerechtigkeit schon mit der Frauenquote abgehakt, breitet sich das von Walter beschriebene Bild aus. Dann wollen, sollen, dürfen Frauen und Mädchen schön, süß und sexy sein, dem Chef gefallen und dafür Diäten, Pilates und Gesichtsmasken machen. In Gesellschaften, die so tun, als gäbe es keinen Sexismus mehr, als hätten alle die gleichen Chancen, nehmen Fünfjährige Pole-Dance-Stunden und lassen ihre Beinhärchen per Laser dauerhaft entfernen.

Ein Bild, das Burn-out und Magersucht erzeugt, aber ganze Industrien belebt - von Kosmetikkonzernen über Fernsehshows bis zu Spielzeugfirmen. Die Garderobe der dreijährigen Schönheitskönigin Lexci kostet monatlich 400Pfund. Um sexy zu sein, geben acht- bis zwölfjährige Amerikanerinnen monatlich mehr als 40 Millionen Dollar für Schönheitsprodukte aus. Und laut der amerikanischen Gesellschaft für ästhetische Chirurgie haben sich Schönheitsoperationen bei Minderjährigen im letzten Jahrzehnt fast verdoppelt. Hierzulande sind laut der „Bravo“-Studie 2009 nur noch 56 Prozent der befragten Mädchen zwischen elf und 17 Jahren mit ihrem Aussehen zufrieden und nur 54 Prozent mit ihrem Gewicht.

Wie sollen all die kleinen Mädchen, die ihre Zeit und ihr erstes Taschengeld in rosa Glitzer investieren oder unter Essstörungen leiden, je die Jobs in den Vorstandsetagen übernehmen, für die ihre Mütter gerade kämpfen?

Im Internet gibt es eine Protestseite gegen die Pinkifizierung, zu finden unter http://pinkstinks.de/.

Quelle: F.A.S.
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