Söder und Instagram

Seid umschlungen, Mond und Schafe

Von Andrea Diener
06.10.2018
, 11:29
Lammauftrieb im Altmühltal: Dieser Herr ist Bayerns Hirte. Alles weitere zeigt die Landtagswahl.
Markus Söder ist im Weltall genauso präsent wie auf der hintersten Alm in Bayern. Damit das jeder mitbekommt, pflegt er einen Instagram-Kanal, auf dem er jeden Besuch verewigt.

Markus Söder pflegt seinen Instagram-Kanal mit Hingabe. Er hält Bierkrüge, Hunde und Laserschwerter in die Kamera und vor allen Dingen sein Gesicht. Dabei inszeniert der Franke ein ideales Oberbayern, das es so nie gegeben hat. Und würde es nicht über den offiziellen Instagram-Kanal von Dr. Markus Söder verbreitet, man könnte auch das für eine Parodie halten: „Bavaria One – Mission Zukunft“ steht auf dem Logo, ganz in Weißblau gehalten, geziert von einem stilisierten Konterfei des Landesvaters in einer Jacke mit Rautenmuster. Wie beim Nasa-Logo glänzen auch noch ein paar Sternchen am bajuwarischen Himmelszelt, das es demnächst mit einem 700 Millionen Euro schweren Raumfahrtprogramm zu erforschen gilt. „So sieht Zukunft aus“, steht darunter, Hashtag Söder, Hashtag Bavaria, Hashtag Technik.

Es ist nicht das erste Mal, dass man als Abonnent dieses Instagram-Kanals seinen Augen nicht traut, aber eines der schöneren Beispiele für Söders Hang zur Selbstinszenierung, der die Grenzen des guten Geschmacks fröhlich pfeifend übertritt. Söder mit Weinkönigin, mit Jugendtrachtengruppe Atzing, mit Gattin und Reiterstaffel („unsere bayerische Kavallerie“), mit Hund, und man fragt sich, ob es in Bayern eine Kuh gibt, die den Ministerpräsidenten noch nicht persönlich traf.

Auf Instagram postet der Chef noch selbst, kein Presseteam optimiert die Kommunikation. Er hat es gern persönlich, nicht einmal vor Kinder- und Jugendbildern schreckt er zurück. Vor 25 Jahren berichtete er für den Bayerischen Rundfunk, das muss die Welt erfahren: „So sah ich mal als junger Journalist aus. 25 Jahre her.“ Lach-Smiley, Hashtag Söder, Hashtag Jugend, Hashtag cool. Dorothee Bär gefällt das, sie kommentiert: „Crazy Jäckchen“, Zwinker-Smiley. Söders Account ist persönlich, das tut mitunter etwas weh, mitunter auch etwas mehr, ist aber konsequent. Es geht hier schließlich um die Person Söder in all ihren Facetten, um den 1. FC-Nürnberg-Fan, um den Star-Wars-Fan, um den Papst-Fan, um den Faschings-Fan. All das betreibt er nicht halbherzig, sondern mit einer geradezu kindlichen Begeisterung. Außerdem mag er Hunde, Berge, Natur und Brezen. Und natürlich seine Gattin, die ab und zu neben ihm in der Kutsche sitzen und winken darf.

Das ist „Bayern pur“!

Dann ist Söder wieder Ehrengast beim 128. Gautrachtenfest des Gauverbands I in Prutting und sitzt mit dicken Gamsbärten zusammen in – natürlich! – einer Kutsche, während Trachtenmädchen mit Geranien vorm Balkon an ihm vorbeidefilieren. „Bayern pur!“, befindet Söder. Auch die Gebirgsschützen in vollem Ornat, für die er die Schutzherrschaft übernommen hat: „Bayern pur“! Söder, der Franke, gibt sich alle erdenkliche Mühe, sich als Herrscher Gesamtbayerns darzustellen, und setzt dabei auf ikonisch oberbayerische Bilder. Und sich selbst anscheinend jeden zweiten Tag in ein prachtvoll blauweiß ausstaffiertes Festzelt vor eine gut gefüllte Maß. Wann schaut dieser Mann eigentlich jemals in eine Akte?

Legendär ist das Foto vom Lammauftrieb im Altmühltal vom vergangenen Mai: Söder in Schäfermantel und grünem Filzhut vor einer Schafherde, ein Lamm im Arm haltend. Wem da nicht wenigstens ganz kurz Psalm 23 vor dem geistigen Auge durchrauscht, der hat wahrscheinlich auch kein Kruzifix dahoam. Dieser Herr ist unser Hirte, sagt das Bild, den Bayern wird nichts mangeln. Grüne Auen und frisches Wasser gibt es auch zu sehen, unsere Seelen zu erquicken. Dieses „Bayern pur“, ahnt man, das „Land“, in dem der Politiker viel unterwegs ist und sich gemeinsam mit den Menschen zu ihrer Heimat bekennt, gibt es nicht und hat es nie gegeben, es wird erfunden, weil Söder eine Wahlkampfkulisse braucht. Und dieses Bayern ist auch nicht für jeden. Man muss lange blättern, um irgendwo Menschen zu finden, die nicht urbayerischen Klischees entsprechen, und entdeckt endlich in einer Grundschulklasse weit unten neben Uschi Glas einige wenige migrantische Kinder.

Und dekorative Tänzerinnen beim Samba-Fest in Coburg. Meine Güte, denkt man, er hätte doch wenigstens irgendwo mal einen syrischen Azubi ins Bild lassen können, um wenigstens guten Willen zu zeigen, aber nein, stattdessen lieber nochmal den österreichischen Kanzler, das reicht ja als Ausland. Bevor Söder sich um Menschen kümmert, die nicht aus Bayern stammen, bajuwarisiert er lieber erst einmal das Weltall. Wenn wirklich so die Zukunft aussieht, bekommt man doch ein wenig Angst.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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