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Matias Faldbakken im Gespräch

Dann lieber Uniform

Von Rainer Schmidt
 - 10:22

Die Menschen lieben bestimmte klassische Restaurants, weil sie dort die Atmosphäre einer Vergangenheit suchen, die es so vielleicht nie gegeben hat – und die Sicherheit einer Umgebung, die sich praktisch nie ändert. Das fiktive „The Hills“ in Oslo mit seinen strengen Routinen und Hierarchien ist so ein ehrwürdiger Ort, an dem es noch echte Zeitungen und Pianisten gibt, und in dem das alte Europa weiter zu existieren scheint. Hier lässt der norwegische Schriftsteller Matias Faldbakken eine plötzlich auftauchende, attraktive „Kindfrau“ die Welt seines Erzählers, eines altgedienten, leicht paranoiden Kellners, der Überraschungen und Veränderungen nicht mag, völlig durcheinanderbringen. Der elegante Ton in dem stellenweise sehr ironischen, lustigen Roman „The Hills“ dürfte auch die Fans von Faldbakken durcheinanderbringen, der in den drei Büchern seiner „Skandinavische Misanthropen“-Trilogie mit Gewalt, Wahnsinn, Trash und hartem Humor für Diskussionen sorgte. Der letzte Band der Reihe („Unfun“) erschien vor zehn Jahren. Seitdem hat Matias Faldbakken wieder als bildender Künstler gearbeitet. „The Hills“ ist sein erstes Buch seit dieser Zeit.

Statt Brutalität, Wahnsinn und Trash lesen wir jetzt über strenge Regeln, alte Konventionen – und das in elaborierter Sprache. Wollten Sie mal mit dem Gegenteil schocken?

Nein, ich hatte die Trilogie abgeschlossen, diese Art von negativer Energie war eine Zeit lang eine sehr produktive Quelle für mich. Aber es wäre öde gewesen, es wieder mit derselben Haltung zu probieren. Aufstehen und schreien, um zu sehen, wie das funktioniert, das hatte ich ja schon.

Ihr Roman spielt in einem klassischen, sehr traditionsbewussten Restaurant. Was fasziniert Sie daran?

Solche Orte haben mich bei meinen Reisen immer beeindruckt, vor allem, weil sich hier sehr verschiedene soziale Szenen mischen. Es gibt bourgeoise Elemente, die traditionelle Boheme, das neue Business. Ich nehme sie als kulturelle Institutionen war, mit einer interessanten Patina. Ich wollte so einen Ort wie eine Skulptur erschaffen, nur aus Sprache.

Gibt es echte Vorbilder für „The Hills“?

Es hat etwas vom Theatercafé in Oslo, von der Paris Bar in Berlin mit all der Kunst an der Wand und von der Brasserie De Pijp in Rotterdam, wo überall Sticker kleben, es ist ein Amalgam solcher Orte.

In Ihren früheren Werken war der Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse ein wichtiges Motiv, das Aufbegehren. Jetzt geht es um das Bewahren. Das traditionelle Restaurant ist dann perfekt, wenn sich gar nichts ändert. Ist die Verweigerung der Veränderung heute die ultimative Provokation?

Ich sehe das nicht als Provokation, es geht vielmehr um Stabilität, um die Bewahrung von Qualität und Zuverlässigkeit, um eine bestimmte Art von Kultur – und um Nostalgie. Nostalgie kann aber auch eine gefährliche Idee sein, wenn man etwas Vergangenem nachhängt, das es so nie gegeben hat – und alle dorthin „zurück“ wollen, weil es angeblich so großartig war. Ich wollte ausprobieren, was in so einer nostalgischen Umgebung passieren kann.

In Ihren Büchern tummelten sich knallharte, egomanische, rücksichtslose Charaktere, jetzt erzählen Sie die Geschichte aus der Perspektive eines bescheidenen, eher unsicheren Kellners, der froh darüber ist, in seinem Beruf so wenig Individualität wie möglich zeigen zu müssen.

Für den Kellner definiert das Restaurant mit seinen Zeitungen aus Papier und dem Pianisten einen idealen Raum, ein idealisiertes Europa im frühen 20. Jahrhundert, in diesem Schutzraum fühlt er sich wohl, weil es eine überschaubare, gelernte Welt ist. Ihm bedeuten Sorgfalt und Verantwortung viel. Und dann spürt man immer deutlicher den Einfluss von moderner Technologie, selbst an diesem klassischen Ort, und merkt, was sich dadurch verändert, atmosphärisch, im Verhalten der Menschen. Das hat mich interessiert.

Der Kellner hat paranoide Züge, was zu sehr lustigen Szenen führt, weil er einerseits detailversessen ist, andererseits sich stellenweise nicht mehr im Griff hat, was er verzweifelt hinter einem Pokerface zu verbergen versucht.

Ich glaube, vielen Leuten geht es so. Die Welt, die großen Dinge, ändern sich so schnell und sind so unübersichtlich geworden, dass sich die Menschen sehr an kleinsten Details aufhängen und sich über diese aufregen, weil sie greifbarer zu sein scheinen, sei es in den Sozialen Medien sind oder im Alltag.

Der Kellner mag die strengen Regeln im Restaurant, sie geben ihm Sicherheit, zu viele Entscheidungen stressen ihn. Er zieht etwa lieber die Kellneruniform an als dass er sich seine Kleidung selbst aussucht.

Ja, er ist einer von denen, für den unsere kapitalistische Konsum-Welt vor allem den ungeheuren Druck bedeutet, sich immer wieder entscheiden zu müssen, das will er lieber vermeiden. Er fühlt sich entlastet, wenn man ihm diese Dinge durch Regeln abnimmt.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Ist er damit der Prototyp der vielen Menschen in Europa, die derzeit Veränderungen ablehnen und sich vielleicht nach einer Welt sehnen, in der ihnen Entscheidungen abgenommen werden?

Ich habe mich oft mit dem Rückzug als politische Haltung beschäftigt – was bedeutet das eigentlich, wenn Menschen einfach nicht mehr mitmachen statt Sachen ändern zu wollen? Der Kellner ist zwischendrin. Er will nichts ändern, sich aber auch nicht völlig zurückziehen, er lehnt sich einfach an den Rahmen an, der vorgegeben ist.

Sie beschreiben das Restaurant – bis auf eine resolute Barchefin – als eine Männerwelt, die durch das Auftauchen einer unbekannten Frau durcheinandergewirbelt zu werden scheint. Ihre „Macht“ scheint auf zwei Faktoren zu beruhen, Schönheit und Jugend. Mehr erfährt man nicht. Aber alle Männer scheinen verwirrt. Das ist doch 2018 ein recht unzeitgemäßes Frauenbild?

Für mich sind meine Figuren manchmal eher Symbole für etwas als echte Charaktere, ich denke mir einen Begriff aus und gebe diesem eine Figur. Nach dem Motto, wenn Alkohol eine Person wäre, wie müsste die aussehen. Oder Wut? Und das Mädchen im Buch ist für mich eher ein Begriff.

Welcher wäre das?

Das werde ich nicht offenbaren, das müssen Sie raten. Aber ich finde, ihre Schönheit wird nicht in einer klassischen Weise beschrieben, bei ihr werden Jugend und Schönheit eher zu Waffen, zu bedrohlichen, dunklen Werkzeugen. Deswegen ist sie nicht schwach, sondern eher der undurchsichtigste, gefährlichste Charakter der ganzen Geschichte.

Kennen Sie eigentlich Leute wie den Kellner, hatten sie ein Vorbild im engeren Bekanntenkreis?

Nein, außer mich selbst vielleicht. Ich habe mein ganzes Leben immer als Künstler gearbeitet, und der einzige reguläre Job, den ich mir jemals hätte vorstellen könnte, ist immer der Kellner gewesen, Kellner in einem traditionelle Restaurant.

Matias Faldbakken: „The Hills“. Roman. Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler, Heyne Encore, 240 Seiten, 22 Euro

Quelle: F.A.S.
Rainer Schmidt
Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.
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