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TV-Serien im Privatfernsehen

Für Zuschauer von neun bis 99 Jahren

Von Michael Hanfeld
 - 15:08

Der Mann ist eine Nervensäge. Er redet ohne Unterlass. Kaum betritt er die Szene, steht er mit beiden Beinen im Fettnapf und strapaziert die Geduld seiner Mitmenschen. Jede Bemerkung kontert er, wie aus der Pistole geschossen, mit random knowledge des promovierten Physikers und demonstriert seine vermeintliche Überlegenheit. Mit emotionaler Intelligenz ist Professor Felix Winterberg hingegen nicht gesegnet. Im Gespräch mit der Mutter eines jungen Mädchens, das als Youtube-Werbesternchen viel Geld verdiente und gerade vor laufender Kamera ums Leben gekommen ist, setzt er zu einem Vortrag über die „eigentlichen Vorteile des Totseins“ an. Kommissarin Elena Lange kann ihn gerade noch stoppen.

Felix Winterberg ist ein unehelicher Ur-Ur-Enkel von Albert Einstein und nicht minder begabt. Auch er hat eine Theorie von grundstürzender Bedeutung in petto. Weil er als Amphetamin-Junkie aufgefallen ist, hat ihn Kommissar Tremmel von der Kripo Bochum zu ganz besonderen Sozialstunden verdonnert: Der Professor ist fortan bei besonders kniffligen Fällen als Berater der Polizei gefragt. Zum Leidwesen der Kollegin Lange, die in der Serie „Einstein“ die praktische Vernunft für sich gepachtet hat. So furchtbar aufgedreht ist der junge, gutaussehende Professor, von dem viele Frauen nur das eine wollen, übrigens auch, weil er an Chorea Huntington leidet. Bevor die unheilbare Krankheit ihre Symptome zeigt und sein Gehirn sich zersetzt, will der junge Einstein alles erledigt haben und sich dann – erschießen.

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Serientrailer
„Einstein“

Das ist die Disposition für einen Comedy-Krimi, an der man einiges zum aktuellen Stand des im hiesigen Privatfernsehen gepflegten Serienwesens ablesen kann. Die Konstellation ist uralt – Außenseiter berät die Polizei. Sie zählt zum Kanon amerikanischer Serien und wurde in den letzten Jahren ausgiebig durchgespielt („Castle“, „Elementary“). In einem Fall, der Serie „Elementary“, gleicht die Story der von „Einstein“ bis aufs Haar. Hier haben wir den genialen Sherlock-Nachfolger, der von seiner Drogensucht loskommen will, dort den genialen Einstein-Enkel, der vor seiner Krankheit flüchtet. Der eine ist so exaltiert wie der andere, wobei Jonny Lee Miller seinen Sherlock Holmes noch um einiges zurückgenommener anlegt als Tom Beck seinen Professor Einstein. Beide Protagonisten sind nichts ohne eine kluge Frau, die sie in die Schranken weist, was Lucy Liu als Dr. Watson mit etwas mehr Eleganz und Coolness in Szene setzt als Annika Ernst in der Rolle der alleinerziehenden Kommissarin Lange.

Vor mehr als zehn Jahren war Sat.1 schon mal weiter

„Einstein“ war bei Sat.1 zunächst ein Fernsehfilm. Weil der gut ankam, wurde daraus eine Serie mit zunächst zehn Teilen, deren zweite Staffel heute beginnt. Es ist nichts Falsches an dieser Serie der Produktionsfirma Zeitsprung. Sie ist zwar alles andere als originell, aber einigermaßen unterhaltsam, nur zum Teil erschreckend schlecht gespielt. Das Dumme ist nur: Vor mehr als zehn Jahren war Sat.1 schon mal weiter. Damals hatte der Sender sich als Marke für ansehnliche Fernsehserien und Sitcoms entwickelt und einiges zu bieten: „Edel & Starck“, „Wolffs Revier“, „Kommissar Rex“, „Stockinger“, um nur einige wenige zu nennen, denen immer weniger folgte. Zwei Serien ragten in den letzten Jahren noch heraus – „Danni Lowinksi“ und „Der letzte Bulle“. Ein paar andere verschwanden im Handumdrehen in der Versenkung, so dass man jetzt schon froh sein kann, wenn der Sender überhaupt noch mit einer selbstgefertigten Serie um die Ecke biegt. Auch wenn die dann aussieht, als fange man gerade erst an, sich mit dem Metier zu beschäftigen.

Bei RTL ist der Serienabriss nicht ganz so krass. Seit zwei Wochen läuft dort dienstags die Anwaltskomödie „Beck is back“, in der Bert Tischendorf den Anwalt Hannes Beck spielt. Der hatte sich eigentlich auf ein Leben als Vater von vier Kindern und Hausmann eingestellt. Für Geld und Karriere war seine Frau zuständig. Das ändert sich in dem Augenblick, in dem Beck seine Frau Kirsten (Annika Ernst ist auch in dieser Serie der Gegenpol) mit dem Staatsanwalt Marius Wachta (René Steinke) bei intimen Verhandlungen auf dem Schreibtisch erwischt. Beck zieht aus, nimmt die Kinder mit und legt als Pflichtverteidiger los. Ohne die Hilfe der Anwaltsgehilfin Yasmina (Andreja Schneider), die in ihrer Heimat Kroatien Richterin war, wäre Beck allerdings ziemlich aufgeschmissen. Sie hilft ihm nicht nur bei der Beweissuche oder Überwachung Verdächtiger, sondern richtet auch die Kanzlei ein – im Hinterzimmer einer Dönerbude.

Das ist zumindest insofern originell, als der Produzent und Autor Tommy Wosch von der Ufa Fiction in dieser Serie die üblichen Geschlechter-Vorzeichen umkehrt. Nur führt es von der Geschichte her nicht über absehbare Konfliktlinien hinaus, die Bert Tischendorf, Andreja Schneider, Annika Ernst und René Steinke (der dreht als Obermiesling am meisten auf) jedoch schön ausspielen. Doch auch das haben wir schon dutzendfach gesehen.

Aus den neunziger Jahren könnte ebenfalls die neue, von Warner Bros. für RTL produzierte Serie „Beste Schwestern“ sein. Sie handelt von einem Vier-Frauen-drei-Generationen-Haushalt: Die alleinerziehende Tierpflegerin Eva Gumpert (Mirja Boes) hat schon genug Probleme am Hals, bevor sich ihre jüngere Schwester Toni (Sina Tkotsch) bei ihr einquartiert. Toni zieht das Chaos magisch an, Evas Mutter Gabriele (Leslie Malton) ist keine wirklich große Hilfe, sondern ein selbstbezogener Vamp. Mütterliche Fürsorge liegt ihr fern, bei der Bezeichnung Großmutter wird ihr blümerant. Als Comedytruppe sind die drei aber selbstverständlich unschlagbar.

An zwei Abenden pro Woche tritt RTL nun mit eigenen Serien und Sitcoms an – dienstags mit der durchaus gelungenen Trickbetrüger-spielt-Pfarrer-Story „Sankt Maik“ und „Beck is back“, donnerstags mit „Der Lehrer“, „Magda macht das schon“ und „Beste Schwestern“. Besonders erfolgreich ist der Sender – den Quoten nach bemessen – damit bislang leider nicht. Es steht zu befürchten, dass auch von dieser Eigenproduktionsoffensive, wie von so vielen, die von den hiesigen Sendern verkündet worden sind, am Ende nur die Hälfte übrig bleibt, wenn überhaupt.

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Fernsehtrailer
„Beck is back“

Die Gründe dafür haben sich die großen Privatsender selbst zuzuschreiben. Sat.1 hat zwischendurch ganz aufgegeben, sein Markenpotential verspielt und muss von vorne anfangen. Bei RTL kommt die Produktion immer erst zögerlich in Gang. Man hat den Eindruck, dass der Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann, der zwischendurch auch ein anspruchsvolle Serie wie „Deutschland 83“ hat auflegen lassen, aufgrund konzerninterner Renditevorgaben nicht so richtig investieren kann, wie er will. Aber im Gegensatz zu Sat.1 geht da wenigstens noch was.

Das ist allerdings viel zu wenig, um der neuen und der alten Konkurrenz Paroli zu bieten. ARD und ZDF produzieren mit merkelschem Gleichmut weiter Gemütlichkeitsfernsehen für die älteren Generationen. Das hat seine handwerkliche Qualität und seine Berechtigung, ist allerdings so prickelnd wie ein abgestandenes Glas Wasser. Von „radikalem Fernsehen“ reden sie immer nur. Doch das gibt es in Wahrheit erst, wenn sich Produzenten und Kreative wie Nico Hofmann oder Tom Tykwer und seine „Babylon Berlin“-Truppe etwas so in den Kopf setzen, bis die Senderverantwortlichen endlich ein Einsehen haben.

Im Vergleich zum Angebot der inzwischen auch nicht mehr so neuen Konkurrenz von Sky, HBO, Netflix und Amazon nehmen sich die Serien und Sitcoms von RTL oder Sat.1 derweil so aus, als seien sie von vornherein für einen Retro-Kanal à la „Sat.1 Gold“ entworfen worden. Frei nach dem Motto: Das Beste aus den Achtzigern und Neunzigern, aber nicht von heute. Es fehlt in beachtlicher Weise an Produktionsqualität und Zielgruppenkenntnis. Für wen werden diesen Serien eigentlich produziert? Sie kommen durch mit einer Altersfreigabe ab sechs. Sie scheinen gedacht für alle zwischen acht und achtzig. Sie sind altbacken gemacht, wie für das Stammpublikum der Öffentlich-Rechtlichen. Nix Neues unter der Sonne. Von Gegenwärtigkeit und Gedankenschärfe keine Spur. Da mag „Einstein“ noch so klug daherschwätzen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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