Journalistinnen in Afghanistan

Das neue Gebot der Taliban

EIN KOMMENTAR Von Harald Staun
22.05.2022
, 12:36
Tolo-News-Nachrichtensprecherin Yalda Ali
In Afghanistan müssen jetzt auch die Mitarbeiterinnen aller Fernsehsender vor der Kamera ihr Gesicht bedecken. Was kommt als nächstes?
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Vor zwei Wochen sind die Taliban einen weiteren Schritt gegangen, um der Welt zu beweisen, dass sie sich nicht geändert haben, und haben neue Kleidervorschriften für Frauen erlassen. Gemäß einem Erlass des Anführers Haibatullah Akhundzada sollen Frauen in der Öffentlichkeit nun auch wieder ihr Gesicht verhüllen. Zwar war sein Dekret keine eindeutige Anordnung zum Tragen der notorischen Burka, sondern nur ein offizieller „Ratschlag“ zum Tragen eines Hidschab, betonte aber, dass die Ganzkörperbedeckung „die beste“ Form der Kleidung sei, weil sie „traditionell und respektvoll“ sei.

Die neuen Regeln, so verkündeten die Machthaber, sollten in zwei Schritten durch „Ermutigung“ und „Bestrafung“ durchgesetzt werden. Wenn man diversen Berichten der vergangenen Tage glaubt, besteht die Ermutigung zum Beispiel darin, Studentinnen mit bunten Kopftüchern den Zugang zu ihrer Uni zu verweigern (obwohl der Erlass die Farbe der Kopfbedeckung gar nicht erwähnt).

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Angst vor gebildeten Frauen

Damit keine weiteren Missverständnisse auftreten, haben die Taliban ihren guten Rat nun auch explizit auf die Frauen in der medialen Öffentlichkeit ausgeweitet: Am Donnerstag befahl das Emirat den Mitarbeiterinnen aller Fernsehsender, vor der Kamera ihr Gesicht zu bedecken. Die Anweisung sei „endgültig und stehe nicht zur Diskussion“, berichtete der Sender Tolo News auf Twitter. Die Verzweiflung bei Tolo News ist groß: In einem Interview mit CNN sagte Redaktionsleiter Khpolwak Sapai, man habe zunächst erwogen, den Sender ganz zu schließen, sich dann aber dagegen entschieden. Moderatorin Khatera Arfa sagte, sie sei so gestresst gewesen, dass sie ihre Sendung nicht ordentlich habe präsentieren können. „Sogar wenn wir in einer Burka erscheinen, werden sie vielleicht sagen, dass die Stimmen von Frauen verboten sind. Sie wollen die Frauen vom Bildschirm entfernen. Sie haben Angst vor gebildeten Frauen.“

Ihre Kollegin Yalda Ali zeigte auf Twitter, wie sie die neue Kleiderordnung auslegt, und veröffentlichte ein Video, in dem sie ihr strenges Kopftuch anlegt – und eine Atemschutzmaske. Und machte anschaulich, was es bedeutet, wenn eine Maskenpflicht tatsächlich das Zeichen einer Diktatur ist. Noch. Womöglich gilt es bald als viel zu moderate Auslegung des neuen Gebots. Dann wird womöglich das Tragen einer Atemschutzmaske (statt der Burka) zum mutigen Akt des zivilen Ungehorsams.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Staun, Harald
Harald Staun
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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