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Agentenaffäre „Celler Loch“

Aktion Feuerzauber

Von Lutz Hachmeister
 - 21:57
Tatort-Besichtigung am „Celler Loch“, wo das RAF-Mitglied Sigurd Debus einsaß. Technische Hilfe bei der Sprengung leistete die Anti-Terror-Einheit GSG9. Eine einzigartige Affäre nahm ihren Lauf.

In einer warmen Sommernacht des 25. Julis 1978 gab es an der Außenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle einen lauten Knall; Justiz- und Kriminalbeamte entdeckten kurz darauf ein gesprengtes Loch von rund vierzig Zentimetern Durchmesser. Am Tatort an der Aller lagen auch noch ein Schlauchboot und ein paar Werkzeuge herum. Politik und Presse übernahmen bereitwillig die Erklärung der Niedersächsischen Landesregierung unter dem frisch gekürten Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU): Linksterroristen hätten mit der Sprengung vergeblich versucht, ihren in Celle einsetzenden Gesinnungsgenossen Sigurd Debus zu befreien. Schon bald kamen Gerüchte auf, so sei es nicht gewesen - aber erst acht Jahre später erbarmte sich ausgerechnet die gutbürgerliche „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ des anhaltenden Informantendrucks.

Das war die eigentliche Bombe, denn das Ganze war tatsächlich eine Staatsaktion unter falscher Flagge; der niedersächsische Verfassungsschutz hatte unter operativer Beteiligung der Bundes-Elitetruppe GSG 9 das „Celler Loch“ selbst gesprengt. Ziel der Aktion: drei „intelligente anpolitisierte Kriminelle“ (so Albrecht) sollten als glaubwürdige Kombattanten und V-Männer in die Kreise von „Roter Armee Fraktion“ oder „Bewegung 2. Juni“ geschleust werden, zwecks weiterer Informationsgewinnung. Es war die Zeit nach der Ermordung Hanns Martin Schleyers durch die RAF, und Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte höchstpersönlich um „exotische Lösungen“ zur Erledigung des deutschen Linksterrorismus gebeten. Ernst Albrecht fühlte sich herausgefordert.

Allerdings hatte der niedersächsische Verfassungsschutz drei veritable exotische Kriminelle als Schein-Terroristen akquiriert: einen Jugoslawen, der nur gebrochen Deutsch sprach, einen anderen „Knasti“, der zuvor mit einem Panzer zwei Leute überrollt hatte (juristisches Ergebnis: zehn Jahre Haft), und dessen ebenfalls nicht sonderlich anpolitisierten Gefängniskumpel, der bei einer versuchten Festnahme einem Polizeibeamten in den Rücken geschossen hatte (gleichfalls zehn Jahre Haft). Der Jugoslawe, Jelko „Django“ Susak, sollte überdies in die kanarische „Befreiungsfront“ MPAIAC eingeschleust werden. Bei dieser skurrilen Ausweitung des Aufgabengebietes galt es, auch noch den in die Aufklärungsarbeit involvierten, ebenso mysteriösen wie kostspieligen „Privatagenten“ Werner Mauss bei Laune zu halten, und es sprangen für die Hannoverschen Verfassungsschutzbeamten auch schöne Dienstreisen nach Madrid und Las Palmas heraus.

Denunziert und drangsaliert

Heute lesen sich die Protokolle des 1987 eingesetzten parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu den kombinierten Aktionen „Feuerzauber“, „Neuland“ und „Emsland“ wie Kapitel aus der Comicserie „Spion vs. Spion“ des MAD-Magazins, und für den damals (ohne Stimmrecht) beigeordneten grünen Landtagsabgeordneten Jürgen Trittin war das alles ein großes politisches Fest. Er konnte dabei zusehen, wie die Administration des niedersächsischen Ministerpräsidenten im Wochenrhythmus zerbröselte. Ernst Albrecht, der „Strahlemann“ und Jaspers-Schüler („Der Staat“) wurden abgewählt, 1990 kam Gerhard Schröder mit einer rotgrünen Koalition in Hannover an die Macht.

Der Chefplaner bei der Sprengung des Celler Lochs war ein Referatsleiter des niedersächsischen Verfassungsschutzes namens Wiehe - in den Protokollen des Untersuchungsausschusses firmiert er ohne Vornamen. Er konnte nicht mehr zu den Vorgängen vernommen werden, denn er war kurz zuvor verstorben. In den Standardwerken zum „Celler Loch“, einem kompilatorischen Buch der NDR-Reporter Christa Ellersiek und Wolfgang Becker (1987) und der Mauss-Biographie von Stefan Aust taucht der Referatschef als „Harald Wiehe“ auf. So hieß er aber nicht. Hans-Jürgen Wiehe war in Wirklichkeit ein ehemaliger „Spiegel“-Redakteur, in den hannoverschen Anfangsjahren des Magazins (1947 - 1952) ein wertvoller Recherchekader für Rudolf Augsteins machtpolitisch ambitioniertes Blatt. 1954 war er dann, in der Ära des niedersächsischen Landesvaters Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) und seines Innenministers Richard Borowski, zu dem noch im Aufbau befindlichen Landes-Verfassungsschutz übergewechselt. Wer war dieser Hans-Jürgen Wiehe?

1917 als Sohn des monarchistisch-deutschnational gesonnenen Bückeburger Bürgermeisters Karl Wiehe geboren, war Hans-Jürgen nach Abitur und Arbeitsdienst, in der Wehrmacht, viermal verwundet, zum Oberleutnant avanciert. Der intelligente und schreibbegabte Wiehe hatte sich neben seinem Offiziersdienst auch zum Fernstudium für Sozialwissenschaften an der Frankfurter Universität gemeldet. Er hatte miterleben müssen, wie die Bückeburger Nationalsozialisten 1935 seinen Vater aus dem Bürgermeisteramt drangsalierten. Seine Mutter und seine Schwester waren denunziert worden, weil sie in Bückeburg bei „jüdischen Geschäften“ eingekauft hatten, als dies im Deutschen Reich nicht mehr opportun war.

Die Theorie vom „Alleintäter“

Nach Kriegsende 1945 setzten die Alliierten den Vater noch einmal als Bürgermeister und Landrat im Schaumburg-Lippischen ein. Sohn Wiehe wirkte als Dolmetscher. Dann wurde Hans-Jürgen Wiehe als angeblicher „Generalstabsoffizier“ denunziert und kam für ein halbes Jahr ins Internierungslager Recklinghausen. Er schaffte es, allerlei Entlastungszeugnisse beizubringen, und so setzte sich sogar die Bückeburger KPD für ihn ein: Er habe schon als Jugendlicher Bert Brecht in Paris getroffen und sei ein aufrechter Widerstandskämpfer. Das war glatt und gut erfunden, half aber, mithilfe der britischen Besatzungsmacht im Frühjahr 1947 beim neuen Magazin „Der Spiegel“ im nahe gelegenen Hannover anzuheuern.

Hans-Jürgen Wiehe hatte keinerlei publizistische Vorbildung, wie viele andere der allerersten HJ-Generation der „Spiegel“-Redakteure. Präzeptor Augstein war mit seinem Volontariat beim „Hannoverschen Anzeiger“ eher die Ausnahme. Wiehe aber brachte interessante Informanten-Verbindungen aus dem Duodez-Fürstentum Schaumburg-Lippe mit. Hier waren gegen Kriegsende Reste der NS-Ausplünderungsorganisation „Haupttreuhandstelle Ost“ (HTO) angelandet, für die auch Hinrich Wilhelm Kopf gewirkt hatte, sowie der ehemalige KPD-Fraktionsvorsitzende im Reichstag, Ernst Torgler, und der ehemalige NS-Reichstagsabgeordnete Berthold Karwahne.

Und damit war Wiehe mitten im Getümmel um den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933. Karwahne, ein vierschrötiger ehemaliger KP-Mann, der dann zu den Nationalsozialisten übergewechselt war, hatte den KPD-Fraktionsvorsitzenden Torgler in den ersten Vernehmungen zum Reichstagsbrand als einen der Anstifter identifiziert. Das ließ sich selbst im Leipziger Reichstagsbrandprozess nicht mehr halten. Torgler wurde freigesprochen, wie auch die gleichfalls angeklagten bulgarischen Kommunisten Dimitrow, Popow und Tanew. Übrig blieb nur der niederländische Rätekommunist Marinus van der Lubbe, der auch alle Schuld als „Alleintäter“ bereitwillig auf sich nahm.

Jüdischer Lockspitzel mit besten Gestapo-Kontakten

Die Nachwehen des Reichstagsbrandes lösten nach 1945 das bis heute größtmögliche Scharmützel in der westdeutschen Geschichtswissenschaft aus - bis hin zu härtesten persönlichen Beleidigungen. War es der Rätekommunist und „halbblinde“ Maurergeselle Marinus van der Lubbe allein gewesen, der den Reichstag angezündet hatte, oder doch ein SA-Trupp mit Billigung von Hermann Göring oder Joseph Goebbels? In diese Frage waren in diversen Untersuchungskomitees nahezu alle Notabeln verstrickt - Historiker wie Hans Mommsen oder Walther Hofer, Politiker wie Willy Brandt oder zuletzt Bundestagspräsident Norbert Lammert, alle führenden deutschen Blätter wie die „Zeit“, die F.A.Z., die „Welt“ oder der „Spiegel“. Letzteres Blatt ganz besonders. Rudolf Augstein hatte schnell begriffen, dass die großen Crime-Storys aus dem Dritten Reich die politisch desorientierte Leserschaft am meisten interessierten. Und so heuerte er, wie wir heute en detail wissen, die Täter und Mitwisser selbst an - von SS-Offizieren als Ressortleiter bis zu NS-Kriminalbeamten als Informanten für die unheimlichen faits divers des Dritten Reichs.

Natürlich war der Reichstagsbrand die größte Story von allen. Das Fanal für das Ende jeder Linksbewegung im NS-Staat, Ende von SPD, KPD, Gewerkschaften und Intellektuellen, Anlass für massenhafte Emigration. Und schon früh meldete sich bei Augstein der spätere Reichstagsbrandforscher schlechthin, Fritz Tobias, ein hannoverscher Sozialdemokrat, 1912 in Berlin-Charlottenburg geboren. Tobias verfocht, mit zunehmend manischer Tendenz, die These vom „Alleintäter“ van der Lubbe und suchte dafür eine prominente publizistische Plattform. Der junge Augstein hatte da schon in einer „Spiegel“-Serie die Erinnerungen des enigmatischen ersten Gestapo-Chefs Rudolf Diels, der von 1936 bis 1941 auch einmal hannoverscher Regierungspräsident gewesen war, ins Blatt rücken lassen.

Diese wurden allerdings von der niedersächsischen Presseaufsicht wegen ihres apologetischen Charakters abrupt unterbunden. Fritz Tobias war, nach einer Anstellung beim kurzlebigen „Ministerium für Entnazifizierung“ im niedersächsischen Innenministerium für die „politische Polizei“ zuständig. Und Hans-Jürgen Wiehe war inzwischen der Niedersachsen-Chefreporter des „Spiegels“ geworden, Spezialist vor allem für interessante Informanten mit SS- und Gestapo-Vergangenheit. Sein größter Coup als junger „Spiegel“-Rechercheur: ein Aufmacher über die zwielichtige Braunschweiger Künstlerkneipe „strohhalm“ und die Vergangenheit des Besitzers Zenobjucz „Siggi“ Messing - der war vor 1945 angeblich ein jüdischer Lockspitzel mit besten Gestapo-Kontakten gewesen. Wiehe wurde wegen dieses Textes von der Braunschweiger Staatsanwaltschaft wegen „widerrechtlicher Verwertung amtlicher Ermittlungsakten“ belangt; sein Amt verlor nach dem „Spiegel“-Titel aber letztlich der Chef der Braunschweiger Kripo.

Einer der stillen Stars in Hannover

Wiehe hatte auch an der heute berüchtigten, antisemitischen „Spiegel“-Serie über jüdische Kaffeeschmuggler mitgeschrieben, die von den beiden ehemaligen SS-Offizieren Dr. Horst Mahnke und Georg Wolff, damals noch „Marktbeobachter“ im Hamburger Freihafen, ins Blatt lanciert worden war. Wiehe selbst war jeder nationalsozialistischen Attachierung unverdächtig, er kam aber mit den SS-Strategen auf professioneller Ebene gut zurecht. Nicht so hübsch fand er allerdings, dass Augstein 1952 die beiden SS-Informanten gleich zu „Spiegel“-Ressortleitern beförderte. Er kündigte. Nach kurzen Intermezzi bei Helmut Kindlers „Revue“ und Henri Nannens „Stern“ fand er 1954 beim niedersächsischen Verfassungsschutz seine eigentliche berufliche Bestimmung. Man darf annehmen, dass ihn Fritz Tobias, mit dem er viele Interessengebiete teilte, unter anderem die Reichstagsbrand-Forschung, dorthin vermittelt hatte.

Beim hannoverschen Innen-Geheimdienst kamen Wiehe seine bisherigen journalistischen Investigationen, vor allem aber seine Formulierungskünste zugute. Denn Fachkräfte, die spannende Berichte für den Herrn Innenminister schreiben konnten, gab es seinerzeit beim niedersächsischen Verfassungsschutz kaum. Und so heißt es denn auch in einer späteren Dienstbeurteilung über Wiehe: „Seine Sprache, durch seine frühere Tätigkeit geschult, zeichnet sich durch einen gewandten, flüssigen und wortreichen Stil aus. Seine Verhandlungsführung ist hervorragend und geprägt durch die Fähigkeit, sich in die unterschiedlichsten Situationen sofort einzufühlen und sich auf die Absichten und die Taktik seiner Gesprächspartner schnell einzustellen.“

Wiehe, ein „loyaler Beamter mit heiterer-freimütiger Wesensart“, wurde schnell einer der stillen Stars in der hannoverschen Behörde. Er leitete das zentrale Referat 42 („Beschaffung“), zuständig im wesentlichen für die Akquise von V-Leuten. Gemeinsam mit Günther Nollau (SPD), dem Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, schrieb er 1962 ein Buch über den russischen Einfluss in Afghanistan („Rote Spuren im Orient“) und fand drei Jahre später auch noch die Zeit, einen 400-Seiten-Schelmenroman („Selbst ist der Held“) zu publizieren.

Nicht der Schatten eines Beleges

Der Ex-„Spiegel“-Mann beriet später den FDP-Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher in Terrorismusfragen und wurde gelegentlich als Ausbilder ans Bundesamt für Verfassungsschutz ausgeliehen. Dann kam der große Coup des „Celler Lochs“ - da hatte Wiehe ausweislich der Akten doch Angst, dass alles ans Tageslicht kommen könnte. Er starb 1978, dreimal verheiratet, fünf Kinder. Der Reichstagsbrandforscher und Wiehe-Vertraute Fritz Tobias lebte sehr lange, er starb neunundneunzigjährig am 1. Januar 2011. In seinen letzten Jahren hatte Tobias noch mit Wiehes zweiter Ehefrau Irene zusammengelebt.

Der Nachlass von Fritz Tobias wird gerade im Bundesarchiv geordnet und ist derzeit nicht einsehbar. Es ist deshalb nicht ganz klar, wer eigentlich darauf kam, mittels einer ausgedehnten „Spiegel“-Serie 1959/60 die These vom „Alleintäter“ Marinus van der Lubbe zu konstruieren. Gesichert ist aber durch Akten aus dem „Spiegel“-Archiv, dass Wiehe seinen älteren Verfassungsschutz-Kollegen Tobias 1956 noch einmal nachdrücklich an den „Spiegel“ vermittelte, nachdem Augstein angesichts der steilen, aber auch durchaus clever begründeten Generalthese zögerlich gewesen war.

Schließlich aber war auch der „Spiegel“-Chef überzeugt: „Über den Reichstagsbrand wird nach dieser Spiegel-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Beleges, um den Glauben an die Mittäterschaft der Nazi-Führer lebendig zu erhalten.“ 2014 hat der amerikanische Historiker und Jurist Benjamin Carter Hett in einem klugen Buch („Burning the Reichstag“) noch einmal detailliert dargelegt, wem eigentlich die schnell zur herrschenden Historiker-Meinung avancierte Tobias-These damals nutzte. In seinem Buch fehlt allerdings ein zentraler Name: Hans-Jürgen Wiehe, der Spezialist für „Feuerzauber“.

Lutz Hachmeister ist Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Köln. Eine ausführlichere Darstellung des Falles findet sich in seinem kürzlich erschienenen Buch Hannover. Ein deutsches Machtzentrum (DVA, 352 S., geb., 19,99 Euro).

Quelle: F.A.Z.
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