FAZ plus ArtikelWuhan im Lockdown

Verbreitet keine negative Energie!

Von Mark Siemons
24.08.2020
, 09:41
Exotisch wirken solche Aufnahmen für uns nicht mehr: Krankenschwestern in einer Klinik in Wuhan
Mit versteckter Kamera: Ai Weiwei zeigt im Netz einen Dokumentarfilm über Wuhan im Corona-Lockdown, der einem das Herz bricht.
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Während Amerika und China mit ihrer wechselseitigen Abschottung einer Eskalation zutreiben, hat Ai Weiwei, der im Westen jahrzehntelang als eine Art Muster der Dissidenz gegenüber dem Regime der Kommunistischen Partei galt (bevor er nach seiner Übersiedlung wenigstens in Deutschland in Ungnade fiel), einen überraschenden Film gemacht: „Coronation“. Man kann ihn bei „Vimeo on demand“ im Netz ansehen. Nicht, als ob es diese fast zweistündige Dokumentation über Wuhan, den Ursprungsort von Covid-19, an Distanz und Kritik gegenüber der chinesischen Propaganda fehlen ließe. Man sieht in den offenbar durchweg mit versteckter Kamera gedrehten Szenen etwa eine Funktionärin in einem Krankenhaus Anweisungen geben, wie die jungen medizinischen Helfer, die zu Beginn des Lockdowns aus dem ganzen Land in die Stadt kamen, empfangen werden sollen: „Sagt nichts über die Virus-Situation in Wuhan. Redet keinen Müll! Verbreitet keine negative Energie!“ Was „positive Energie“ im Sinne des Staats ist, zeigt eine Szene, in der eine Jubelchoreographie einstudiert wird: Die medizinischen Helfer, die sich hinter einem Banner mit der Aufschrift „Ehre den weißen Engeln“ versammelt haben, rufen immer wieder im Chor: „Sieg für Wuhan! Sieg für Hubei! Sieg für China!“, wobei sie munter ihre Fähnchen schwenken sollen.

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Doch das offizielle heroische Getöse bildet in diesem Film nur das Hintergrundrauschen, wie es dies auch im chinesischen Alltag tut. Eben dieser Alltag ist das eigentliche Thema. Im lakonischen Kaleidoskop der Szenen kommt etwas zum Vorschein, das der erregten, durch die Pandemie zusätzlich angefachten geopolitischen Polarisierung zurzeit zu entgehen droht: die Sicht aus dem Inneren der machtpolitischen Black Box, die Perspektive gewöhnlicher Leute, die, eingezwängt zwischen viraler Bedrohung und umfassendem staatlichen Verfügungsanspruch, um ihr eigenes Leben ringen. Zum Beispiel die Sicht eines Bauarbeiters, der in einer anderen Provinz angeworben wurde, um innerhalb kürzester Zeit eine Corona-Klinik in Wuhan hochzuziehen. Jetzt darf er die Stadt nicht mehr verlassen, und schon seit Wochen ist das in einer Tiefgarage abgestellte Auto sein einziges Zuhause. Der Strom ist ausgefallen, und nun folgt die Kamera dem Mann, wie er sich durch die absolute Dunkelheit der Garage zu seinem Wagen vortastet, um dort ein paar Nudeln zu essen. Es ist kein besonders spektakuläres Schicksal, doch die sanfte zaghafte Stimme, mit der er über seine erfolglosen höflichen Behördengänge berichtet und zugibt, dass er den Verwandten daheim seine Situation als „ganz normal“ beschreibt, bricht einem das Herz.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Siemons, Mark
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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