Aids-Debatte bei Beckmann

Schützende Anonymität

Von Matthias Hannemann
28.04.2009
, 07:21
Prominentes Aids-Opfer: Freddie Mercury
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In Deutschland ist es leichter, über Krebs zu reden als über HIV und Aids. Reinhold Beckmann hat es trotzdem versucht - und so noch einmal den „Fall Nadja B.“ aufgerollt. Eine Frühkritik von Matthias Hannemann.
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Natürlich hatte die Deutsche Aids-Hilfe, als sie nach der öffentlichkeitswirksam angesetzten Verhaftung einer Sängerin von der „modernen Form der Hexenjagd“ sprach, die passende Worte für einen ungeheuerlichen Vorgang gefunden: Was da auf die Titelseite einer deutschen Boulevard-Zeitung gehoben wurde, war an dieser Stelle nichts anderes als die breitest mögliche Vorverurteilung einer Frau, die trotz ihrer HIV-Infizierung ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt haben soll.

Gleichwohl hat dieser vieldiskutierte Medienskandal, wie das in der schizophrenen Medienwelt so ist, trotz aller Schattenseiten auch einen lichten Nebeneffekt: Plötzlich ist wieder von HIV, dem „Menschlichen Immunschwäche-Virus“, die Rede. So war es schon als, „Queen“-Sänger Freddie Mercury Ende 1991 an Aids verstarb.

Kritik an Staatsanwaltschaft und „Bild“

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So ist es oft, wenn ein Star oder Sternchen, auf welchem Grund dieser Ruhm auch immer gebaut sein mag, von einer schweren und tabuisierten Krankheit erfasst wird. „In der Bevölkerung“, beobachtete nach dem „Fall B.“ eine Sprecherin der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, „kommt durch den Fall deutlich an, was wir in unseren Botschaften ja schon seit 20 Jahren vermitteln wollen: HIV und Aids betrifft nicht nur homosexuelle Männer, sondern auch heterosexuell aktive Menschen.“

Zumindest das kann nicht verkehrt sein. Wenn es stimmt und nicht der Wunsch bloß Vater des Gedanken ist. Problematisch etwa bleibt die Aufmerksamkeitskurve des auf Schlaf hoffenden Fernsehzuschauers. In der Regel stürzt sie nach dreiundzwanzig Uhr so unaufhaltsam zu Boden wie an schwarzen Tagen die Anzeige des Dax, und daran ist neben dem Biorhythmus der berufspendelnden Bevölkerung auch die Furcht vor dem Dauergerede mancher Fernsehveranstaltungen nicht ganz unschuldig.

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Wer also schaffte es gestern, der Müdigkeit zu widerstehen? Beckmann nahm die Erregung im „Fall B.“ zum Anlass, die umstrittene Berichterstattung über die Verhaftung mit dem Frankfurter Fachanwalt Felix Damm und „Tugendwächter“ Ulrich Wickert durchzusprechen und dabei an Kritik sowohl an Staatsanwaltschaft wie „Bild“ nicht zu sparen.

Schutzmauer des Schweigens

Vor allem aber wurde an seinem Montagstisch eine gute Stunde über die Stigmatisierung HIV-infizierter Menschen in Deutschland geredet - und zwar ohne die „verordnete Betroffenheit“, die der frühere Tennis-Star Michael Stich, der 1994 eine Stiftung zur Unterstützung HIV- und AIDS-kranker Kinder gründete, als Merkmal des alljährlichen „Welt-Aids-Tages“ausmachte (und umso stärker für radikale Aufklärungskampagnen und einen kostenlosen HIV-Test-Tag warb).

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In Deutschland, klagten die Ärztin Anne Steinbeck-Klose und ein HIV-infiziertes Ehepaar, ist es eben leichter, über Krebs-Erkrankungen zu reden als über eine Immunschwäche-Krankheit, die weiterhin für ein Randgruppenphänomen gehalten wird.

Das ist sie nicht. Almut Niemeyer, verheiratet, zwei Kinder, arbeitete als Krankenschwester, als sie sich bei einem Notfall-Patienten infizierte und den HI-Virus unwissentlich an ihren Ehemann weitergab. Familie und Kindern schien die Krankheit nach der Entdeckung Anfang der neunziger Jahre noch nicht zu vermitteln zu sein. Die eigene Unsicherheit war groß. Also schwiegen die Niemeyers, sorgten sich um die Ansteckungsgefahr und bauten eine Schutzmauer um sich auf, die sie freiwillig nur einreißen, um anderen Betroffenen Mut machen zu können.

„Eine Art Judenstern“

Leicht fällt ihnen das nicht. Denn die Schutzmauer und das Schweigen scheinen tatsächlich notwendig zu sein: Schon entferntere Freunde, denen Heinz-Dieter Niemeyer vor gemeinsamen Motorradfahrten die Nachricht eröffnet hatte, reagierten mit „geheucheltem Mitgefühl“ und dem Vorschlag, sich zum Schutz der Anderen „eine Art Judenstern“ anzuheften. Ein Teufelskreis.

Den Rest besorgte das Gefühl, von einem Tag auf den nächsten dem Milieu der Drogenabhängigen und Verwahrlosten zugerechnet zu werden, endlose bürokratische Verfahren vor der Versorgung mit guten Medikamenten durchlaufen zu müssen. Erst ein Arzt, den sie kannten und bei einem Schwimmbadbesuch freundlich grüßten, gab ihnen Mut. Und die Kinder, die das Geheimnis zur Volljährigkeit erfuhren und die Eltern schlichtweg umarmten.

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Offene Fragen

Überhaupt: die Kinder. Sie hätten, sagten die Niemeyers bei Beckmann, nach den ersten Schlagzeilen über die Verhaftung im „Fall B.“ vor allem daran gedacht, wie sehr nun womöglich das Kind der Betroffenen aus dem gewohnten Leben und der Gemeinschaft hinausgedrängt werde.

Gerüchte über die Krankheit der Popsängerin, sagte Michael Stich, habe es in der Musikszene schon seit rund einem Jahr gegeben.

Da fragt man sich ja eigentlich, diese beiden Sätze im Ohr, schon noch einmal gemeinsam mit Presserechtler Felix Damm, welche sachlichen Gründe im „Fall B.“ für eine Festnahme just vor einem Konzert, für eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft und eine derartig gewaltige Aufmachung auf der Titelseite sprachen. Aber gut. Weder ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, die auf ein laufendes Verfahren verweist, noch die „Bild“-Redaktion, die auf den Informationsanspruch der Öffentlichkeit pocht, wollten bei Beckmann mit von der Partei sein. Wird man sich die Fragen also für die Zeit nach Sonnenaufgang aufheben müssen.

Quelle: FAZ.NET
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