„Cobra 11“-Star Erdogan Atalay

Ein Mann bleibt in der Spur

Von Ursula Scheer
Aktualisiert am 27.03.2014
 - 17:45
Ja, Erdogan Atalay war einmal Dressurreiter. Aber seit achtzehn Jahren lässt er es bei „Cobra 11“ krachenzur Bildergalerie
Erdogan Atalay hat die Rolle seines Lebens gefunden. In „Alarm für Cobra 11“ ist er der rasende Kommissar seit Beginn an. Da folgt ein Stunt dem nächsten. Doch der Schauspieler kann auch ganz anders.

Qietschende Reifen, zuckende Scheinwerfer, Autos rasen durch die Kölner Innenstadt, vorneweg der offene Wagen mit den Kameraleuten, die mit klammen Fingern einfangen, wie ihre Verfolger überholen, kreuzen, ausscheren.

Gleich wird ein Streifenwagen aus der Seitenstraße fliegen und den Lkw ins Schleudern bringen, und wenn der die Gereonstraße Richtung Dom hinunterdonnert, die Balkone am Gebäude auf der Ecke abrasiert und krachend liegenbleibt, wird das die Helden von „Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei“ nicht aufhalten, im Gegenteil. Erdogan Atalay wird als Semir Gerkhan die Augen zusammenkneifen und das Gaspedal durchtreten. So, wie es sich gehört für den Kriminalhauptkommissar, den der Schauspieler seit achtzehn Jahren verkörpert.

Der „Derrick“ des Privatfernsehens

Von der ersten Staffel der RTL-Serie an, die den Mythos der deutschen Autobahn, dieser Strecke der unbegrenzten Geschwindigkeits-Möglichkeiten, plus Action à la Hollywood in mittlerweile über 140 Länder trägt. Auch in der vierundzwanzigsten Staffel sitzt Gerkhan wieder am Steuer.

Erdogan Atalay als Semir Gerkhan, das ist so etwas wie der „Derrick“ des Privatfernsehens, ein „Derrick“ auf Speed allerdings, der von Detonation zu Detonation brettert, von Crash zu Schießerei. Mehr als 4500 Autos hat „Cobra 11“ im Laufe der Zeit geschrottet, mehr als tausend Actionszenen hat der 47 Jahre alte Atalay gespielt. Sieben Partner kamen und gingen im Märchen von der fiktiven „Kripo Autobahn“, in den neuen Folgen hat Vinzenz Kiefer als Alex Brandt seinen Auftritt.

Gerkhan blieb. Und mit ihm Atalay, der sich in dieser kalten Märznacht aus einem der rund dreißig Autos auf den abgesperrten Straßen schält, ein Mann von gerade mal 1,60 Meter Körpergröße, der mit seiner dünnen Jacke als Einziger am Set nicht friert, während der ganze Rest des Teams in dicken Wärmejacken bibbert.

Schulterklopfen, Flachsereien, das Erste, was man von Erdogan Atalay hört, ist sein Lachen, es klingt wie eine freundliche Salve, dann kommt er herüber und holt zum Handschlag aus. Gerade als er anfängt zu erzählen, was mit dem Laster gehe und dass die Balkone, die er prachtvoll zerlegen soll, erst nachträglich ins Bild kopiert werden, haben es ein halbes Dutzend Jungs durch die Absperrung geschafft. Zehn, zwölf Jahre alt mögen sie sein, einige könnten türkischen Wurzeln haben wie Atalay und kriegen Angst vor der eigenen Courage, als ein Mann mit Knopf im Ohr sagt, der Herr Atalay müsse jetzt arbeiten.

Der aber lacht eine kurze Salve, nimmt die Stifte und unterschreibt auf den Rückseiten der Handys, die ihm entgegengestreckt werden. „Schwarz auf schwarz? Echt jetzt?“, fragt er einen der Jungs, ja, klar, sagt der und wird rot, er habe das ausprobiert. Dann dreht sich Atalay um, sagt: „Wir sehen uns morgen noch, richtig?“, und steigt wieder ins Auto. Die Jungs sehen ihm, ach was, sie sehen Semir Gerkhan nach, dem Actionhelden im Einsatz.

Privat fährt er Maserati

Erdogan Atalay sitzt am nächsten Tag im dunklen Anzug mit lila Hemd in einem Café mit Rheinblick, wartet auf sein Clubsandwich ohne Tomate, als Erstes erzählt er von seiner 37 Jahre alten Stute, die er gerade habe einschläfern lassen müssen. „Das ist schon hart, die letzten Atemzüge des Tiers mit anzusehen“, sagt er, da gehe ein Familienmitglied.

Der Mann für die Rolle des Bullen mit den schnellsten Autos in Wahrheit ein Pferdenarr? Atalay lächelt sein feines Lächeln. So ist es. Das heißt, nicht nur. Mit seinem Maserati von 1999 sei er privat durchaus mal flott unterwegs („Sehr vorsichtig, sehr defensiv, ich drängele nie!“), aber vor „Cobra 11“, vor der Schauspielerei, war der Pferdesport.

Vom Dressurreiter zum Stuntman

Wenn Atalay von seinem Leben und seiner Arbeit spricht, dann immer mit einem Schuss Selbstironie und Verwunderung darüber, wie alles gekommen ist. Seine Hände reden mit, dann blitzt der goldene Siegelring am linken Ringfinger, Szenen werden lebendig, die Stimme hüpft in Tonlagen anderer Menschen, an deren Worte der Schauspieler sich erinnert, und das sind ziemlich viele.

Die Erzählung springt von einem Thema zum nächsten - die Memoiren von Christoph Columbus, transzendentale Meditation am Set („Danach bin ich richtig wach“). Das Sandwich kommt, Atalay langt zu, dann geht es wieder um die Reiterei.

Der Schauspieler ist als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter in der Nähe von Hannover aufgewachsen, da gehörten Pferde dazu. „Ich war Dressur- und Springreiter, bis ich etwa achtzehn Jahre alt war“, sagt er.

Für große Turniere habe es nicht gereicht, aber das Akrobatische, der Spaß an der Körperbeherrschung und am Sprung faszinieren ihn bis heute, wenn er mehrfach gesichert auf Hubschrauberkufen steht oder sich im Neoprenanzug in einen eiskalten See wirft. „Ziemlich ekelhaft, aber gleichzeitig total klasse.“

Hauptsache ordentlich Kawumm

Bevor Atalay zum Spezialisten dafür wurde, Jungenträume in Serie auszuleben, war er Theaterschauspieler. Statistenrollen ebneten den Weg, es folgte die Hamburger Schauspielschule und dann - kam erst einmal nicht viel. Sein persönlicher Tiefpunkt? Als er erfolglos bei „Hallo Spencer“ vorgesprochen habe. „Das hab ich mir gesagt: Jetzt hast du das jahrelang studiert und wirst nicht mal ’ne Handpuppe!“

Doch Atalay ergatterte Engagements in Berlin, am Hamburger Thalia-Theater spielte er die „Räuber“ und andere Klassiker, nie als Ensemble-Mitglied, immer als Gast, er bewarb sich für die Rolle eines türkischen Gemüsehändlers im „Marienhof“, es wurde wieder nichts daraus, aber so landete er irgendwie auf der Liste von Hermann Joha, dem ehemaligen Stuntman, der die Produktionsfirma „action concept“ gegründet und gerade RTL überredet hatte, in die erste deutsche Action-Serie zu investieren.

Das war Mitte der Neunziger, Privatsender waren hungrige, risikobereite Start-ups, „Cobra 11“ wurde produziert, ging auf Sendung und holte Quote, Atalay war dabei und hatte den Arbeitgeber und die Rolle seines Lebens gefunden, ohne dass er damals schon gewusst hätte. „Am Anfang war die Dramaturgie, sagen wir mal, noch nicht besonders ausgereift“, sagt er und zwinkert. Crash, boom, bang - Hauptsache ordentlich Kawumm.

Ein Anfangsstunt, ein Mittelstunt, ein Endstunt, und der Böse ist erledigt: Beiträge zum deutschen Debattenfernsehen wollte „Cobra 11“ nie liefern. Stattdessen eine saubere Heldengeschichte mit Spektakel; die Produktionsfirma kann sich inzwischen mit acht „Taurus World Stunt Awards“ und einem Deutschen Fernsehpreis schmücken. Die beste Achterbahn auf dem Rummelplatz, das will die Serie um die „Autobahnpolizei“ sein.

Streben nach mehr Komplexität

Ihr treuester Mitarbeiter schätzt an „Cobra 11“ vor allem die Beständigkeit. „In Zeiten, in denen sich alles immer schneller dreht, ist das schon etwas Besonderes“, sagt er. Viele aus dem Team seien über Jahre dabei, die Firma habe etwas von einem Familienunternehmen.

So wirkt sie tatsächlich, wenn man raus nach Hürth fährt und sich das Bürogebäude von „action concept“ anschaut, an dem groß „Autobahnpolizei“ steht, weil es gleichzeitig als Kulisse dient, und innen Spezialeffekte entwickelt werden und außen an Schrottautos geschweißt wird. Das eigene Stück nachgebaute Autobahn liegt ein paar Kilometer weit weg,

Es gab witzigere und düsterere Phasen in knapp zwanzig Jahren „Cobra 11“, jetzt soll die Handlung komplexer werden und mehrere Folgen überspannen. In „Revolution“, dem neuen Pilotfilm, geht es um Öko-Terroristen, die es auf ein Energieversorgungsunternehmen abgesehen haben. Ob er seiner Figur nie überdrüssig geworden sei? Nein, sagt der Vater zweier Kinder, Semir habe sich mit ihm verändert, gerade schlägt sich der Serienkommissar mit der Trennung von seiner Frau herum.

Zweifel hätten ihn nur gepackt, sagt Atalay, als er im letzten Jahr eine schwere Schulterverletzung hatte. Aber die sei verheilt. Klar, ihn interessierten auch andere Rollen, wenn es wieder etwas wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ gäbe, wäre er gerne dabei. Aber bei „Cobra 11“ aufhören? „Erst wenn ich beim Aussteigen aus dem Auto gedoubelt werden muss.“

„Revolution“, der Pilotfilm zur neuen Staffel „Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei“, läuft am Donnerstag, 27. März, um 20.15 Uhr auf RTL

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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