Serie bei Amazon

Sein Name ist Bosch, Harry Bosch

Von Jan Wiele
28.07.2021
, 17:11
 Sprechen sich aus: Maddie (Madison Lintz) und ihr Vater Harry Bosch (Titus Welliver) haben beide schon in den Abgrund geschaut.
Bei Amazon geht nach sieben Staffeln sang- und klanglos ein Krimi von herausragender Qualität zu Ende. Doch mit etwas Glück sehen wir Titus Welliver als stoischen Ermittler demnächst wieder.

Ein Polizist namens Harry: Ist das denn noch zeitgemäß? Beschwört es nicht unvermeidlich den Vergleich mit Clint Eastwoods „Dirty Harry“ herauf? Einen Hang zur Selbstjustiz wird man auch Harry Bosch nicht absprechen können – und welches Polizeidrama lebte nicht von einer Empörung über Ungerechtigkeit und Schwachstellen des Systems. Aber Harry Bosch, die Hauptfigur einer 1992 begonnenen Reihe von Kriminalromanen des amerikanischen Autors Michael Connelly, lebt diesen Hang zumeist nicht wild um sich schießend aus, sondern eher in unermüdlichem Sichverbeißen in zu den Akten gelegte, doch ungelöste Fälle. Vor allem den des Mordes an seiner eigenen Mutter, der Jahrzehnte zurückliegt. Selbst mit zwölf zum Waisenknaben geworden, hat Harry Bosch ein besonderes Auge für verlorene Kinder und Jugendliche des harten Pflasters um Los Angeles, und unter der Glasplatte seines Schreibtisches stecken die Fotos teils namenloser Opfer aus ihren Kreisen, deren Gesichter allerdings den Ermittler nie mehr loslassen.

Die filmische Adaption des Stoffes ließ lange auf sich warten, auch weil Versuche, so Connelly, ihn in den Neunzigerjahren in kurzes Spielfilmformat zu pressen, zum Scheitern verurteilt waren. Mit dem Boom des neuen Serienwesens aber glückte die Umsetzung, und nach langer Suche nach dem geeigneten Hauptdarsteller war mit Titus Welliver der gefunden, dessen „Harry“ in Erinnerung bleiben wird: hart und stur, aber doch unendlich empathisch, ein Blick wie eine offene Wunde.

Harry außer sich

Dass die Figur eigentlich Hieronymus Bosch heißt, wie der Maler, ist vielleicht etwas dick aufgetragen, aber Los Angeles als Sündenpfuhl wie auf dessen Gemälden kommt schon hin, so wie Eric Overmyer es in seiner Adaption darstellt, natürlich voller Korruption, voller gnadenloser Morde - und mittenmang die spät am Tresen brütenden Ordnungshüter. Kann man solche Hard-Boiled-Geschichten, von Philip Marlowe über „L.A. Confidential“ bis zu dieser, eigentlich immer wieder erzählen? Hier jedenfalls gelingt es noch einmal, vorsichtig modernisiert in Diversitäts- und Geschlechterfragen, aber weiterhin ziemlich abgekocht – gewisse Genre-Klischees sind hier einfach gewollt.

Nun ist die siebte Staffel der am längsten laufenden Eigenproduktionsserie des Portals Amazon, verzögert durch die Pandemie, fast sang- und klanglos veröffentlicht worden: So viele Serien, so viele Kanäle, wer hat noch den Überblick, und was tut da eine Staffel mehr oder weniger? Aber sang- und klanglos sollte ihre Ermittlerfigur nicht von der Filmbühne verschwinden, denn dafür hat sie sich doch zu sehr eingebrannt. Ihr Schauspieler Welliver selbst, der in zig Serien und Filmen mitgewirkt hat, aber für seine Kunst noch zu wenig gewürdigt wird (er kann nicht zuletzt bestechend Kollegen wie Al Pacino imitieren), versichert in Interviews recht glaubhaft, wie nah ihm die Figur des Harry Bosch gekommen sei, ein schmerzhafter Abschied. Vermissen wird man außer seinem leeren Blick und der bestechenden Weniger-ist-mehr-Mimik: seine spektakulären weißen Koteletten. Und den spektakulären Bungalow, von dem aus er über das gesamte „Valley“ von Los Angeles schaut, im Nachtlichtermeer mit einem Drink oder frühmorgens vor der Schicht mit Kaffee, aber immer mit altem Jazz von seinem Plattenspieler. Und Lance Reddick als Polizeichef Irvin Irving, dessen Originalton-Stakkato wie eine Maschinengewehrsalve klingt, wenn er mit versteinerte Miene Order gibt, ebenfalls tiefe Verletzung kaschierend. Und den Titelsong, dessen verbissenes „I can’t let go“ der Hauptfigur auf den Leib geschrieben scheint.

Ohne Harry geht's nicht

Harry Boschs Tochter Maddie, die sich während der sieben Staffeln vom Kind zur Studentin entwickelt hat (sehr gut gespielt von Madison Lintz) schickt ganz am Ende, das ist wohl kein schlimmer Geheimnisverrat, doch tatsächlich selbst eine Bewerbung an das Los Angeles Police Department. Damit ebnet sie den Weg für ein sogenanntes „Spin-off“ der Serie, das bereits in Planung ist. Sehr glücklich wird es einige machen, dass es darin also mit Madison Lintz, mit Mimi Rogers als Anwältin Honey „Money“ Chandler und vor allem auch mit Titus Welliver weitergeht. Der hatte im Gespräch mit dem Autor Michael Connelly, was dieser als seinen Fauxpas bekannte, wohl kurz den Eindruck, er werde ersetzt. Aber ohne Titus Welliver als Harry Bosch geht so etwas natürlich gar nicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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