„Einer wie Erika“ im Ersten

Ein Mann wird Weltmeisterin

Von Heike Hupertz
Aktualisiert am 25.11.2020
 - 12:29
Zwischen den Geschlechtern: Markus Freistätter als Erik(a)
Der sehenswerte ARD-Film „Einer wie Erika“ erzählt die wahre Geschichte eines vermeintlichen Kärntner Bauernmädels, das zu einem von Österreichs größten Skifahrern wird.

Es ist eine wahre Geschichte, seine Lebensgeschichte, die Erik Schinegger, der heute die größte Skischule Kärntens besitzt, 2014 bei seiner Teilnahme an der österreichischen Promi-Tanzshow „Dancing Stars“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Spielfilm „Einer wie Erika“ von Reinhold Bilgeri (Regie) und Dirk Kämper (Buch) erzählt sie nun teils als Biopic mit klassischer Dramaturgie, teils als zeithistorischen Heimatfilm und teils als Darstellung des Zynismus im Sportgeschäft, mit Funktionären, Jublern und Geschäftemachern im Fokus.

Als Erika Schinegger (als Frau und als Mann berührend: Markus Freistätter) 1948 in einem Kärntner Dorf geboren wird, schaut die Hebamme zwar zweimal hin, aber nicht lang genug. Ihre Zweifel behält sie für sich. Die Mutter (Birgit Melcher) fragt, der Vater (Gerhard Liebmann) drängt, die sexuelle Identität muss bestimmt werden, also dann – ist es halt ein Mädchen. Ist es nicht, die Mutter ahnt es, bleibt ernst und zündet Kerzen an, doch die Eltern akzeptieren die Besonderheiten ihres Kindes, schicksalsergeben, wortkarg und zugewandt. Erika ist ein Raufbold, beim Seifenkistenrennen die Schnellste, und als sie erst das Glück des Skifahrens für sich entdeckt, schockiert ihr großes Talent selbst den Nationalen Österreichischen Skiverband mit seinem Präsidenten Dr. Fischer (Cornelius Obonya). Erika, das Kärntner Bauernmädel mit der grobschlächtigen Technik, fährt den Männern davon. Geschwindigkeit ist ihr Rausch, und der Film übersetzt diesen Rausch als überindividuelle Naturverbundenheit immer wieder in erhabene Bergbilder mit Kinoqualität (Kamera Carsten Thiele), die man auch als pantheistische Feier und übergeschlechtliche Allverbundenheit ansehen kann. „Einer wie Erika“, sieht man, ist kein Themenfilm zur Genderdebatte, er ist nicht „woke“ und will es auch nicht sein, sondern erzählt seine Geschichte altmodisch humanistisch, vorurteilskritisch und fast zärtlich bewegend.

Mit der Unverletzlichkeit der Menschenwürde nicht vereinbar

Transsexualität ist im professionellen Sportgeschäft nicht vorgesehen und gilt als geschäftsschädigend. Inzwischen gibt es früh Untersuchungen und Kontrollen, hormonelle Grenzwertbestimmungen und eine öffentliche Diskussion über nonbinäre Sportler, die mit der Unverletzlichkeit der Menschenwürde nicht vereinbar sind. Noch immer werden insbesondere Leichtathletinnen von Verbänden gedrängt, „Geschlechtsanpassungen“ vornehmen zu lassen, um ihre Karriere fortsetzen zu können. Druckmittel sind Verweigerung von Starterlaubnis und Kündigung von Sponsorenverträgen, mithin das finanzielle Nichts, sollten Sportlerinnen Behandlungen ablehnen. Zu diesem Komplex recherchieren Journalisten um Hajo Seppelt seit Jahren. Für ihre erschütternden Dokus „Kampf ums Geschlecht“ und „Kastrationen an Mittelstreckenläuferinnen“ wurden sie in diesem Jahr für den Grimme-Preis nominiert. Erika freilich feiert Erfolge, der joviale Chefsponsor Hubert Grassl (August Schmölzer) lässt sich liebend gern mit ihr ablichten. Trainer Martin Wimmer (Hary Prinz) staunt über die Physis des Damenmannschaftsstars. Die Ärzte Dr. Ramsauer (Johannes Seilern) und Dr. Mooshardter (Rainer Wöss) drücken beide Augen zu. Über Erikas herbere Gesichtszüge lästern die Herren in ihren Besprechungen: „Schön ist sie net, aber schnell ist sie halt!“

1966 wird mit Erika Schinegger ein Mann Weltmeisterin. Die Heimatgemeinde schenkt ihr ein Grundstück – das der „Missgeburt“ und „Betrügerin“ später wieder weggenommen werden wird. Als vor den Olympischen Spielen in Grenoble wegen massiven Hormonmissbrauchs osteuropäischer Sportlerinnen zum ersten Mal sogenannte „Sex-Tests“ durchgeführt werden, steht fest, dass Erika biologisch ein Mann sein soll. „Getäuscht“ sieht sich der Verband, „blamiert bis auf die Knochen“, die bunten Blätter stürzen sich auf den „Skandal“. Erik(a), noch keine zwanzig, wird in einem Klosterkrankenhaus isoliert. Ein, zwei kleine Eingriffe, so bedeutet man der Skirennläuferin im klaustrophobischen Mittelteil des Films, und aus der „grauslichen“ Unbestimmtheit werde ein richtiges, „fescheres“ Madel. Es sind die Frauen und ein alternativ eingestellter Arzt, Dr. Kübler (Harald Schrott), die Erika beistehen. Christa (Lili Epply), die sie erotisch anzieht, die Nonne Schwester Sigberta (Marianne Sägebrecht), die später viel zu beichten hat, und die Sekretärin des Skiverbandes, Liesel Sumatra (Ulrike Beimpold) halten Toleranz gegen Funktionärsdenken. Kübler operiert Erika zu Erik, präsentiert ihr außergewöhnlich gestaltetes „Untenrum“ allerdings zuvor noch, wie im Zoo, staunenden Studenten und Fachkollegen. Eriks Skikarriere ist zu Ende.

Man hätte aus „Einer wie Erika“ leicht ein süßliches Sportlerkarrieren-Melodram mit Geschlechteridentitätsfragentragik machen können. Wie aber „Das Wunder von Wörgl“, eine der letzten Arbeiten des Regisseurs Urs Egger, versteht es dieser Film, große Schwünge um Opfer-Klischees herum zu fahren und seine Geschichte nicht zuletzt ziemlich unterhaltsam, gelegentlich gar humoristisch, mit Rasanz ins Finale zu fahren.

Einer wie Erika, 20.15 Uhr, im Ersten

Quelle: F.A.Z.
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