„Polizeiruf“ an Neujahr

Humanität ist Glückssache

Von Heike Hupertz
01.01.2017
, 17:32
Für sie passt vieles nicht zusammen: Die Kommissare Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) ermitteln auf dem Dorf.
Nach einigem Hin und Her zeigt die ARD nun den „Polizeiruf 110 – Angst heiligt die Mittel“ am Neujahrstag. Er zeigt, dass der Firnis der Zivilisation hauchdünn ist. Ein gelungener Auftakt zum Jahr 2017?
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Dreimal haben die Dorfbewohner mit Eingaben vergeblich versucht, Peter Buschke (Maciej Sakanib) und Martin Kukulies (Markus John) loszuwerden. Beide haben ihre Gefängnisstrafe verbüßt, wurden nicht zu Sicherheitsverwahrung im Maßregelvollzug verurteilt. Die Justiz hat beschlossen, dass ihre Präsenz nun kein nennenswertes Risiko mehr beinhaltet. Doch resozialisieren müssen sie sich selbst, man gibt ihnen kaum Hilfe mit auf den Weg. Buschke indes scheint auf gutem Weg. Der verhuschte Mann, der sich im Dorf am liebsten unsichtbar machen würde, geht regelmäßig zur Therapie bei „Blauwasser“, einer Organisation, die Pädophilen helfen soll, ihren Trieb nicht auszuleben. Als fortwährend Gedemütigten zeichnet ihn das überhaupt in zahlreichen Grauabstufungen differenzierende Drehbuch von Susanne Schneider, aber als eines zeigt sie ihn nicht: als Opfer. Es könnte auch sein, dass das verdruckste Gebaren seine Masche ist, um wieder an Jungs heranzukommen. Zu trauen ist ihm genauso wenig wie Kukulies. Selbstbewusste Frauen, jene, die seine Dominanz nicht anerkennen wollen, bringen ihn zum Rasen, Erniedrigung ist sein Ziel, die ultimative körperliche Entwertung das Mittel. Wegen zweifacher brutaler Vergewaltigung saß er, nun nimmt er Medikamente zur Unterdrückung des Geschlechtstriebs. Sagt er. In der Kneipe sind die beiden, die zusammen im Haus von Buschkes Mutter wohnen, Dauerthema. Ist der Staat zu lasch, muss man was tun, so der Tenor. Legitimiert fühlen sich der Werkstattbesitzer Heiner Bockmann (Markus Gertken), Yvonne Wagner (Katharina Gaub), Malte Bruns (Thomas Neumann) und andere durch ihre Angst.

Als eine alkoholabhängige Obdachlose mit einer Bierflasche, auf der sich Kukulies’ Fingerabdrücke finden, zu Tode gefoltert aufgefunden wird, scheint der Fall glasklar. Den Polizisten aus Rostock werden die mutmaßlichen Täter und ihre Motive auf dem Silbertablett serviert. Auf dem bei Buschke beschlagnahmten Laptop finden sich Kinderpornographie und Verkaufsangebote für Minderjährige. Für Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) passt aber einiges nicht zusammen. Während für Kollege Anton Pöschel (Andreas Guenther) klar ist, dass ekelhafte Menschen immer wieder grausame Taten begehen, hakt König nach. Auch die Dorfbewohner glänzen nicht gerade durch einwandfreien Lebenswandel. Selbst der Junge Linus Wagner (Mathis Wernecke) ist kein barmherziger Bub, seine gute Tat, die später Kukulies zur Flucht verhilft, begeht er aus Neugier und nicht aus Empfindsamkeit.

„Aus organisatorischen Gründen“ hat die ARD ihr Krimiprogramm für den Jahresauftakt kurzfristig mehrfach umgestellt. Zunächst war geplant, den „Tatort“ aus Dortmund mit dem Titel „Sturm“ trotz des Terroranschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zu senden. Dann doch zu verstörend, hieß es bald darauf, seien gewisse thematische Parallelen zum Film. Der SR-„Tatort“ „Söhne und Väter“ mit Devid Striesow, eigentlich für den 29. Januar vorgesehen, sollte den vakanten Sendeplatz einnehmen. Jetzt gibt es am 1. Januar gar keinen „Tatort“, sondern mit dem „Polizeiruf 110 - Angst heiligt die Mittel“ ein starkes Stück mit stringenter Inszenierung (Regie Christian von Castelburg), beispielsweise einem kammerspielartig verdichteten Zusammentreffen von Kommissaren und Dorfbewohnern im Wirtshaus, schließlich aber eine Zuspitzung, die dieses Gesellschaftsstück im Krimigewand nicht leicht konsumierbar macht.

Buschke wird erhängt aufgefunden, Kukulies ist spurlos verschwunden. Einige der Dorfbewohner finden nichts dabei, ihn gefesselt und geschunden, „auszutrocknen“. Als vermeintliches Werkzeug der Gerechtigkeit spielt man selbst Justiz. Nach Kukulies Entführung setzt eine Art zweiter Film ein. Die tote Obdachlose gerät aus dem Blick. Perspektivenwechsel. Der misshandelte Frauenschänder wird zum Zentrum der Handlung. Die Bildgestaltung (Martin Farkas und Roman Schauerte) sucht die Augenhöhe mit dem Vergewaltiger. Er kann entkommen, nimmt Linus als Geisel mit, zeigt vorübergehend jene Fürsorglichkeit, die ihm abgesprochen wurde.

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Statt Gut und Böse nur Abstufungen von Bösartigkeit und Triebgeschehen: Der Firnis der Zivilisation ist hauchdünn in diesem „Polizeiruf 110“. Edle Motive gibt es nirgends, selbst König und Bukow sind keine Engel, sondern von Dämonen und Schuld bestimmt. Dass aber alles nur noch viel schlimmer und Humanität Glückssache wird, sobald Rache an die Stelle von Recht tritt, zeigt „Angst heiligt die Mittel“ als passender Auftakt zum Jahr 2017.

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Polizeiruf 110 - Angst heiligt die Mittel läuft am Neujahrstag um 20.15 im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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