Doku „Lost Women Art“ auf Arte

Künstlerinnen, die auf die Bildfläche gehören

Von Ursula Scheer
09.06.2021
, 18:34
Superfrau mit Scherenwaffe: Die Pop-Art-Künstlerin Kiki Kogelnik subvertierte im New York der Sechziger weibliche Klischees.
Susanne Radelhof legt mit ihrer Dokumentation „Lost Women Art“ die Leerstellen einer männlich geprägten Kunstgeschichte offen. Sie findet einige davon.
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So viele bekannte Namen von kanonisch gewordenen Männern – und so viele Leerstellen: Als die Malerin Sibylle Zeh vor einigen Jahren „Reclams Künstlerlexikon“ zur Hand nahm und sämtliche der rund fünftausend Einträge, die männlichen Künstlern und deren Werk gewidmet sind, mit weißer Farbe überstrich, blieben nur 169 Artikel übrig. In der Dokumentation „Lost Women Art: Ein vergessenes Stück Kunstgeschichte“ von Susanne Radelhof, die auf Arte zu sehen ist, zeigt die Künstlerin diese den Umgang mit weiblichen Kunstschaffenden subversiv spiegelnde Geste des Ausstreichens, Ausblendens und Unsichtbarmachens. Und stellt eklatant vor Augen: Die Kunstgeschichte, wie wir sie – immer noch – kennen, ist vor allem eine große Erzählung aus Erfolgsstorys von Männern.

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Weshalb ist das so? Warum stammen nur fünf Prozent der in den ständigen Sammlungen von Museen präsentierten Arbeiten von Frauen?, fragt die Dokumentarfilmerin. Es habe nun einmal nicht so viele weibliche Kunstschaffende gegeben, heiße es oft, antwortet die Kunstkritikerin und frühere F.A.Z.-Redakteurin Julia Voss. Dabei habe es definitiv auch nicht so wenige gegeben, wie die Auswahl in Überblickswerken und Sammlungen glauben mache.

Hat in der Dokumentation nur einen kurzen Auftritt: Videokünstlerin Pipilotti Rist.
Hat in der Dokumentation nur einen kurzen Auftritt: Videokünstlerin Pipilotti Rist. Bild: Galerie Hauser & Wirth/Pipilotti Rist/Arte/MDR/dpa

Susanne Radelhof will mit ihrer Recherche die Mechanismen offenlegen, die selbst zu Lebzeiten erfolgreiche Künstlerinnen später an den Rand der Wahrnehmung oder ins Vergessen drängten – wie die im Stil der Nabis in Florenz malende Französin Élisabeth Chaplin, die russische Avantgardistin Natalia Gontscharowa oder die der Neuen Sachlichkeit nahestehende Berliner Malerin Lotte Laserstein. Den Bogen spannt die Dokumentation vom Impressionismus bis zur Medien- und Aktionskunst der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts: von Berthe Morisot, Jahrgang 1841, die nur nebenbei Ehefrau des jüngeren Bruders von Édouard Manet war, bis zur 1940 geborenen feministischen Performance-Provokateurin Valie Export, die selbst vor der Kamera zurückblicken kann.

Gloriose Comebacks

Anerkannt, beachtet und gewürdigt sind heute sowohl die Erste wie die Letzte in der Reihe der Vorgestellten, was eine Tücke im Konzept des Zweiteilers offenlegt: von heutiger Warte aus zumindest teilweise mit den Ausnahmen die Regel zu bestätigen. Weibliche Stars des Kunstbetriebs wie Niki de Saint Phalle, Marina Abramović und Pipilotti Rist schmücken das Intro; und immer noch völlig vergessen sind von den im Folgenden Präsentierten die wenigsten. Im Gegenteil treten ist mit der Surrealistin Leonora Carrington ein spätes und glorioses Comeback dabei und mit Hilma af Klint, einer Pionierin der Abstraktion, eine spektakuläre Wiederentdeckung.

Feministische Provokation: 1968 führt die Aktionskünstlerin Valie Export ihren Partner Peter Weibel an einer Hundeleine durch Wien.
Feministische Provokation: 1968 führt die Aktionskünstlerin Valie Export ihren Partner Peter Weibel an einer Hundeleine durch Wien. Bild: Valie Export Center

Das geforderte Umdenken ist längst im Gang. Das beweisen dezidiert Werke weiblicher Künstler versammelnde Versteigerungen in großen Auktionshäusern (zuletzt „Women in Art“ bei Christie’s) ebenso wie Schauen renommierter Museen (zurzeit „Elles font l’abstraction“ über abstrakte Malerinnen im Centre Pompidou). Publikationen, Initiativen – der Film stellt eine in Florenz vor – und Ankäufe dokumentieren das wachsende Interesse gerade an der weiblichen Seite der Avantgarde, deren allzu bekannten Protagonisten zwar ungebrochenen Marktwert haben, aber keine Überraschungen mehr bereithalten. Gleichwohl: Die Top Ten der am höchsten gehandelten Gegenwartskünstler ist rein männlich besetzt, und ins Ranking der „wichtigsten“ lebenden Künstler, die der die Resonanz in der Kunstwelt aufnehmende „Kunstkompass“ darstellt, schafften es 2020 einzig Cindy Sherman und Pipilotti Rist auf Spitzenplätze.

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Mehr als Musen

Während Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts der Weg zu einer akademischen Kunstausbildung verstellt war, wurde ihnen später immer wieder die passive Rolle der Muse aufgedrängt. „Lost Women Art“ holt im ersten Teil mit Suzanne Valadon beispielhaft eine Frau ins Rampenlicht, die weit mehr war als ein Halbweltgeschöpf vom Montmartre und ein Modell Henri de Toulouse-Lautrecs. Die Aktmalerei der Autodidaktin offenbart einen neuartigen weiblichen Blick auf weibliche Körper, der den Perspektivwechsel offensichtlich macht. Diese Spur verfolgt die Filmemacherin im Werk der 1869 geborenen Chemnitzerin Helene Funke weiter, deren Selbstporträts von bestechender Schonungslosigkeit zeugen. Einst Seite an Seite mit Größen wie André Derain in Paris gezeigt oder neben Oskar Kokoschka in Wien, wurden ihre Arbeiten lange beargwöhnt.

Die Gründe dafür, dass sich der Schleier des Vergessens über Künstlerinnen legte, sind vielfältig: patriarchale Normen im Leben, konservative Institutionen im Kunstbetrieb, weniger aggressive Selbstvermarktung, retrospektive Marginalisierung durch Kunsthistoriker, Rückzug aus Frustration, politische Verfolgung bis in den Tod, ideologische Unangepasstheit.

Unter Männern: Leonora Carrington im Kreis der Surrealisten.
Unter Männern: Leonora Carrington im Kreis der Surrealisten. Bild: BPK/Münchner Stadtmuseum/Archiv Landshoff

Bis auf zwei Ausnahmen lässt Susanne Radelhof einzig Expertinnen sprechen, darunter Kuratorinnen der Tate und Tate Modern in London sowie Ingrid Pfeiffer von der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, aber auch den Sammler Hans Schöner, der sich für das Werk der im NS-Regime ermordeten Elfriede Lohse-Wächtler einsetzt und sie als Künstlerin, nicht als Opfer gewürdigt sehen will. Mit Kiki Kogelnik springt die ebenso informative wie kurzweilige Dokumentation ins New York zur hohen Zeit der Pop-Art und stellt eine Frau vor, die mit der Schere in der Hand weibliche Rollenbilder aus der Mode und Werbung zerlegt, die heute nicht weniger oppressiv wirken als damals.

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Die männlich dominierte Kunstgeschichte lasse sich nicht einfach mit Frauen auffüllen, sie müsse zerlegt werden, meint die Tate-Direktorin Frances Morris. Susanne Radelhofs dokumentarische Collage ist dazu ein ausschnitthafter Beitrag.

„Lost Women Art: Ein vergessenes Stück Kunstgeschichte“, an diesem Mittwoch, 9.6., um 21.55 Uhr auf Arte

Trailer
Lost Women Art
Video: Arte, Bild: obs
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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