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ZDF-Kultursendung „aspekte“

Die große Abholung

Von Timon Karl Kaleyta
 - 16:54

Genau fünfzig Jahre ist es her, da saßen in der ZDF-Kultursendung „aspekte“ der Moderator und Redaktionsleiter Walther Schmieding und der Schriftsteller Günter Grass einander in karger Kulisse gegenüber und unterhielten sich, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jede humorige Brechung, über das Motiv des Onanierens in Grass’ Roman „Katz und Maus“. Dem Schriftsteller hatte man gerade öffentlich den Vorwurf der Pornographie gemacht, eine ernste Sache, also sprachen die beiden, um elaborierte Argumente und Ausdrücke ringend, so lange über das delikate Thema, bis sie es erschöpfend bearbeitet hatten.

Offenbar war es kein Problem, dem Zuschauer so etwas zuzumuten, er musste dann eben selbst entscheiden, wie er sich zum Thema „Onanieren bei Grass“ positionieren würde. Und um ihn bei dieser Selbstbefragung nicht abzulenken, wechselte die Kameraeinstellung lediglich alle paar Minuten zwischen einer starren Totalen und einem starren Close-up – Angst der Programmmacher, den Zuschauer an eine spannendere Attraktion zu verlieren, ist nicht zu erspüren.

Niedergang und Qualitätsverlust

Nun erkennt der Kulturpessimist, wohin er auch blickt, nur Niedergang und Qualitätsverlust, nur sinkendes Niveau, schwindende Leser und Zuschauer, verblödende Massen und wachsende Oberflächlichkeiten. Doch ist die Beobachtung nicht ganz falsch, dass Bedächtigkeit und Nachdenklichkeit im Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten über die Jahre weniger geworden sein dürften. Es handelt sich dabei, um das vorwegzusagen, nicht um eine singuläre Entwicklung des Fernsehens. Auch in den Zeitungen verdrängten Fotos mit der Zeit einen Teil der Worte, wurden erst farbig, dann größer, weil es Grund zur Annahme gab, das geschriebene Wort allein könne nicht mehr genug Aufmerksamkeit garantieren in einer von ständiger Ablenkung durchsetzten Welt. Irgendwann im Laufe dieser erst in der Rückschau wahrnehmbaren Entwicklung muss auch jemand zum ersten Mal davon gesprochen haben, man müsse die Leute „abholen“, wenn man sie weiter dabeihaben wolle.

Es lohnt sich, „aspekte“ einmal exemplarisch zu betrachten, diese älteste Kultursendung im deutschen Fernsehen, die 1965 auf Sendung ging und damals noch, herrlich sperrig, mit „Informationen und Meinungen aus dem Kulturleben“ untertitelt wurde. Vor vier Jahren feierte man das 50. Jubiläum, knapp zwanzig Moderatoren kamen und gingen, manche blieben länger als zehn Jahre dabei, wie zwischen 1993 und 2011 Luzia Braun und Wolfgang Herles. Nun steht ein weiteres Jubiläum an: Genau fünf Jahre ist es her, dass die Sendung ihre bis dahin einschneidendste Neugestaltung erfuhr, nachdem die Quoten, die wegen des Bildungsauftrags der Öffentlich-Rechtlichen eigentlich keine Rolle spielen dürften, zunehmend gefallen waren. Man wollte die Sendung lebendiger machen, barrierefreier, wie es immer heißt, zugänglicher, weniger belehrend, holte sich also Publikum und musikalische Live-Acts ins Studio und fand Katty Salié und Jo Schück, zwei junge, charmante, gutaussehende Moderatoren. Sie führen seither so spielerisch leicht, einladend, unangestrengt und professionell ohne Teleprompter gleich hinein in die Sendung und dann von Beitrag zu Beitrag, dass man als Zuschauer kaum merkt, wie Zeit und Inhalte an einem vorbeirauschen.

Angenehmes Unterhaltungsformat statt Kulturkritik

Die Entwicklung der Sendung vom Format der Kulturkritik, die es auch lange vor dem Relaunch schon nicht mehr war, zu einem angenehm zu konsumierenden Unterhaltungsformat darf damit als vorerst abgeschlossen gelten, denn die Quoten stiegen wieder und sind konstant, so dass heute verlässlich etwa eine Million Zuschauer im Anschluss an die „heute show“ dabeibleibt. Man will möglichst geräuschfrei überleiten aus der grellen und amüsierfreudigen Laune bei Oliver Welke, damit zumindest ein kleiner Teil der gut drei Millionen „heute show“Fans nicht reflexhaft umschaltet.

Man gibt sich als samtweiche, kulturell angehauchte Freitagabendshow. Schon das Studio sieht aus wie eine Wohnstube guter Freunde, gemütlich und einladend: gedeckte Farben, urbaner Charme, in der Mitte ein dickes, weiches Ledersofa, die Zuschauer nehmen Platz in filzbeschlagenen Sitzkuben, und ein zentrales Wandelement erinnert an den gepolsterten Innenraum einer Gummizelle. Es gibt hier kaum etwas, an dem man sich stoßen könnte, selbst wenn man wollte. Irgendwo in der Ecke liegt ordentlich ein Kronleuchter, als wäre er gerade von der Decke gefallen – es ist ein Rest von Widerständigkeit und Unberechenbarkeit an diesem Ort, auch wenn er sich als Deko getarnt hat.

Nun wäre es leicht, die Sendung als seichtes Unterhaltungsspiel zu beschreiben, das alles dafür tut, seine Zuschauer bei der Hand zu nehmen. Doch so beschwingt die Stimmung im Studio ist, die eingespielten Beiträge der Sendung, die zentralen Elemente also, fallen explizit politisch aus. Man könnte fast sagen, viel eher sei „aspekte“ ein Format über gesellschaftspolitischen Aktivismus als eines über Kultur im klassischen Sinn, dauert es doch mitunter eine ganze Sendung, bis man tatsächlich auf einen Film, ein Theaterstück, einen Roman zu sprechen kommt.

Kulturthemen werden nur angerissen

Man kann das an der Ausgabe der vorvergangenen Woche durchspielen: Da erscheint der Kabarettist und ZDF-Kollege Claus von Wagner („Die Anstalt“), und gemeinsam redet man, nach einem Einspieler, über die redaktionelle Arbeit der Satiresendung, über die Bedeutung von politischem Kabarett, damit über die Bedeutung der „Anstalt“ und über die Bedeutung des ZDF. Es folgt ein Beitrag über die freitags schulschwänzenden Klima-Kids von „Fridays for Future“, in dem zwei deutsche Schüleraktivisten begleitet werden, deren PR-Professionalität einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Im nächsten Stück darf die Schauspielerin Maria Furtwängler gemeinsam mit ihrer Tochter eine Studie ihrer eigenen Stiftung präsentieren, in der sie herausgefunden haben will, dass junge Frauen auf Social Media einerseits unterrepräsentiert seien, andererseits in Rollenklischees verfielen. Es folgt ein extrem emotionalisierter Beitrag über eine amerikanische Dokumentation, die sich mit schweren Anschuldigungen wegen sexueller Verbrechen gegen den Musiker R. Kelly beschäftigt. Man muss Jo Schück zugutehalten, dass er anschließend noch einmal daran erinnert, dass auch in solchen Fällen die Unschuldsvermutung gelte. Zum Schluss dann endlich mal Kultur, ein Beitrag über ein Theaterstück in Stuttgart mit der Techno-Musikerin Peaches. Aber auch das darf nicht für sich stehen, sondern wird schon in der Anmoderation auf die Botschaft von der Zerschlagung des Patriarchats reduziert. Ob es ein gutes Theaterstück ist, erfährt man leider nicht – oder kann sich nicht mehr daran erinnern.

An all diesen politischen Botschaften ist ja wenig auszusetzen. Es fällt bloß auf, dass ästhetische Betrachtungen, von ideologiekritischen ganz zu schweigen, im Vergleich zu gesellschaftspolitischen, moralischen Bewertungskriterien kaum mehr zu finden sind. Fragen, die darauf abzielten, was es in einem Werk, in einem Phänomen zu entdecken geben könnte, werden nicht gestellt. Es zählen nur die formulierten Absichten. Das ist ein zentraler Unterschied, denn in solchen Fällen ist es nicht der Kritiker, der etwas am Werk herauszufinden sucht; es ist der Künstler, der erklärt, was er gemeint hat und warum das wichtig ist. Man kennt das aus fast allen Kulturformaten: Statt eigene Thesen zu formulieren und Gedanken zu entwickeln, begleitet man Schauspieler oder Schriftsteller in Personality-Porträts, wie sie mit wehendem Mantel U-Bahn-Rolltreppen hochfahren oder den Wochenmarkt besuchen.

Spricht man dann mit den Programmmachern, den Moderatoren, den Redakteuren, möchte man die Kritik an dieser Art der Kulturberichterstattung gleich wieder fallenlassen. Man glaubt ihnen, dass es ihnen darum geht, wichtige Debatten nachzuzeichnen und für diejenigen verständlich zu machen, die nicht dem klassischen Bildungsbürgertum entstammen (wenn es das überhaupt noch gibt). Die Vorstellung, dass da am späten Freitagabend eine Million Menschen vor dem Fernseher sitzt und vielleicht ein Thema für sich entdeckt, ist irgendwie auch beruhigend.

Das Problem ist ja nicht, dass eine Sendung wie „aspekte“ so ist, wie sie ist. Bedauerlich ist, dass es nicht auch noch etwas anderes gibt im Hauptprogramm der Öffentlich-Rechtlichen. Etwas, das komplexer, radikal anders, langsamer und uneindeutiger wäre, das mehr Raum zum Denken ließe, indem es den Zuschauer mit etwas konfrontierte, das seine Kenntnis übersteigt, das ihn intellektuell herausfordert. Das Ärgerliche ist, dass „aspekte“ schon das mutigste, vom Quotendruck am ehesten entlastete Kulturformat im Hauptprogramm des ZDF darstellt. Wäre es nur ein Anfang, der Einstieg in die Welt der kulturellen Sinnstiftung, dann wäre im Fernsehen noch vieles möglich. Lassen wir die Hoffnung nicht fahren!

Quelle: F.A.S.
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