„Baader-Meinhof-Komplex“ bei Anne Will

Sie wurden einfach umgemäht

Von Michael Hanfeld
22.09.2008
, 11:39
Die beste Gesprächsrunde von Anne Will seit langem
„Der Baader-Meinhof-Komplex“ kommt erst am Donnerstag in die Kinos. Am Sonntagabend aber hat er uns schon die beste Sendung von „Anne Will“ seit langem verschafft: So nahe bei der Sache des deutschen Linksterrorismus, bei den mörderischen Folgen der eingebildeten Revolution der RAF waren wir lange nicht.
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Im Fernsehen und darüber hinaus deutet sich eine Zäsur an: Es scheint endlich möglich zu sein, über den Linksterrorismus in Deutschland, der die Bundesrepublik vom Ende der sechziger bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein herausforderte, zu sprechen, ohne noch einmal den ganzen rhetorischen Einfühlsamkeitsbombast aufzuschütten, der zu nichts anderem führte, als dass die Täter immer größer und ihre Opfer immer kleiner erschienen.

Es sind namhafte und namenlose Generations- und Zeitgenossen, die bis heute der „Sache“ der RAF, was immer das gewesen sein mag, irgendetwas abgewinnen können und sich vor der Einsicht sperren, dass dies ein einziger mörderischer Wahnsinn war, keine Revolution im Namen des Volkes, sondern der perverse Selbstverwirklichungstrip von Bürgerkindern, die am Ende ihres Weges den Nazivorvätern viel näher waren als sie es sich je hätten vorstellen können. Damit hat es langsam aber sicher ein Ende und darin liegt die Zäsur. „Hört auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren“, heißt es zu dem Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Und so lautet auch die Botschaft des ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust, auf dessen Buch der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ beruht.

Die Opfer erscheinen als „Schießbudenfiguren“

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Das Tragische ist, dass Aust, der Regisseur Uli Edel und der Produzent Bernd Eichinger in ihrem Bestreben zu zeigen, was war und wie es war, den Opfern niemals gerecht werden. Und in den Augen der Angehörigen stets zu kurz greifen werden. Clais von Mirbach, der Sohn des bei dem Angriff eines RAF-Kommandos auf die deutsche Botschaft in Stockholm am 24. Juli 1975 hinterrücks ermordeten Militärattachés Andreas von Mirbach, machte das ganz deutlich.

Eine Stunde lang dauerte das Martyrium seines von den Terroristen durchsiebten Vaters, im Film ist es eine Sequenz von wenigen Sekunden. Die Opfer, sagte von Mirbach, erschienen wie „Schießbudenfiguren, die man wegmäht“. Den geschichtlichen Komplex dieser Zeit zu erklären, dafür reiche die Täterperspektive nicht aus. Es gelte vielmehr, die Täter mit ihren hehren Einlassungen an ihren Handlungen zu messen: „Wir erkennen Menschen an dem, was sie tun und wie sie es tun.“

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Mehr muss man zu diesem Thema kaum sagen und eindrucksvoller als Clais von Mirbach dies tut, kann man es sich auch kaum vorstellen. Heute ist er so alt wie es sein Vater war, als er ermordet wurde. Ermordet, weil er im Auftrag des Staates an einer ganz bestimmten Stelle seinen Dienst versah, an einer Stelle, welche die RAF ausbaldowert hatte, um das „Schweinesystem“ zu treffen.

„Für die RAF war er das System, für mich der Vater“

Wenn man Menschen wie Clais von Mirbach und andere Angehörige von RAF-Opfern sprechen hört, wie sie die Journalistin Anne Siemens im vergangenen Jahr für ihr Buch „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“ (siehe: Im Gespräch mit Angehörigen von Opfern der RAF) versammelt hat, wird deutlich, was in den vergangenen Jahren bei der Debatte über die RAF alles in den Hintergrund gedrängt worden ist.

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Erst langsam finden die Opfer einen angemessenen Platz, werden wenigstens benannt, als Menschen, als Personen erkannt und eben nicht als „Schießbudenfiguren“, die von ein paar obercoolen Popstarterroristen niedergemacht werden. Umso schmerzlicher erinnert man sich daran, dass im vergangenen Jahr, da der „deutsche Herbst“ 1977 allerorten Thema war, eben jener Clais von Mirbach und andere von dem ARD-Kulturmagazine „ttt“ zu einer schwülstigen Versöhnung mit den Tätern aufgefordert wurden, von deren häufig vorzeitigem Freikommen sie unter Umständen nur aus der Zeitung erfahren hatten. Das war ein perverses Stück Fernsehen, getragen von dem falschen Verständnis für die Täter, das es an diesem Abend erfreulicherweise nicht gab.

Hat Andreas Baader gelispelt?

Daran hatte auch Hans-Jochen Vogel seinen Anteil, der damals Justizminister war und sich bei Anne Will erstaunt darüber zeigte, daß es offenbar eine „zentrale Frage“ sei, ob Andreas Baader gelispelt habe oder nicht. Es gehe doch wohl um etwas mehr, um etwas ganz anderes, um die Herausforderung der Demokratie durch Gewalttäter, die vor Entführung und Mord nicht zurückschreckten. Und in diesem Zusammenhang kommen Vogel die Vertreter des Staates in dem neuen Kinofilm generell zu kurz und wenn, dann zu schlecht weg. Die Täter erschienen anfangs beinahe als Sympathieträger, die von der RAF ermordeten Siegfried Buback und Hans-Martin Schleyer hingegen schon ihrer Physiognomie nach als Klischeefiguren.

Wir möchten Hans-Jochen Vogel in dieser Kritik nicht widersprechen, wie sollten wir auch, schließlich gehören wir nicht zum Kreise derer, die den Film schon gesehen haben. Doch ist er damit bei Stefan Aust an der falschen Adresse.

Es gibt wohl kaum jemanden, der wie er mit den Lebenslügen seiner Generation und dem „Mythos“ RAF aufgeräumt hat. Aust hat noch stets für sich in Anspruch nehmen dürfen, ein Realist zu sein und die Realität so wahrheitsgetreu wie möglich darzustellen. Darin eine Standpunktlosigkeit zu erkennen wäre ein Fehler: An den Motiven, an den Taten und an der Brutalität der Täter lässt Aust keinen Zweifel. Und schon am Anfang und dann noch einmal am Ende der RAF-Dokumentation, welche die ARD im vergangenen Jahr im Ersten von ihm zeigte, bekam man klipp und klar und knallhart um die Ohren gehauen, was das Erbe der RAF ist: sinnlose Gewalt mit Dutzenden Toten und Verletzten, deren Namen den langen, langen Abspann bildeten.

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Hans-Jochen Vogel stieß am Sonntagabend bei Anne Will ein paar dieser Namen hervor. Und er wiederholte seine Einschätzung, dass der Staat damals den Erpressungsversuchen der RAF, sei es in Stockholm oder später bei der nach Mogadischu entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“, nicht nachgeben durfte und es ein Fehler gewesen sei, dass man dies im Fall des entführten CDU-Politikers Peter Lorenz getan habe. Es ist kein Wunder, wie sehr Vogel das Schicksal derer nahegeht, die durch ihren Tod den denkbar höchsten Preis für den Bestand der Demokratie bezahlt haben.

Verständnis hört auf, wo die Gewalt beginnt

Ein wenig undankbar waren in der Runde allein der Part von Martina Gedeck, die in dem Kinofilm Ulrike Meinhof spielt, und der von Moritz Bleibtreu, der Andreas Baader verkörpert. Glücklicherweise versagten es sich die beiden, sich in ihre Rollenvorbilder allzu sehr hineinzuphantasieren. Moritz Bleibtreu sagte ganz genau, wo bei ihm das Verständnis aufhört, nämlich da, wo die Bereitschaft zur Gewalt beginnt, und angesichts der Schicksale der übrigen an diesem Abend Versammelten sei seine private Meinung zu diesem Thema ohnehin nicht sehr maßgeblich. Besser konnte er sich gar nicht aus der Affäre ziehen.

Damit verwies der Schauspieler aber auf das einzige, allerdings grundlegende Manko der Talkrunde von Anne Will, das sie mit Filmausschnitten so gut es ging wettzumachen suchte: Den Film, um den und dessen Geschichte es hier ging, hat bislang ja so gut wie niemand gesehen. Wie soll man da also beurteilen, ob eher der Buchautor oder eher der ehemalige Justizminister oder der Sohn des ermordeten Militärattachés richtig liegt?

Man wird sich den Film wohl ansehen müssen. Die beste Anne-Will-Sendung seit langem haben wir ihm, das darf man am Montagmorgen schon sagen, auf jeden Fall zu verdanken. Und vielleicht erleben wir ja auch irgendwann, dass nicht nur die Opfer der RAF eine Stimme bekommen, sondern die Täter beginnen, sich ihrer Schuld zu stellen und ehrlich zu sprechen. Aber wir wissen ja in den wichtigsten Fällen noch nicht einmal, wer die Morde der RAF begangen hat.

Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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