Liv Lisa Fries im Porträt

Warum haben Sie Ihren Kollegen angespuckt, Frau Fries?

Von Julia Dettke
28.09.2021
, 08:43
Liv Lisa Fries als Zaza mit Jannis Niewöhner als Felix Krull in einer Szene aus Detlev Bucks Verfilmung des Romans von Thomas Mann
Seit Jahren ist Liv Lisa Fries in „Babylon Berlin“ zu sehen, seit Kurzem in „Felix Krull“, bald in „Munich: The Edge of War“. Kein Wunder, dass die Kamera sie liebt – und das Publikum auch. Ein Porträt.

Eine Szene aus der dritten Staffel von „Babylon Berlin“: Charlotte Ritter (gespielt von Liv Lisa Fries), von der Assistentin zur Kommissarsanwärterin aufgestiegen, kämpft sich durch eine wartende Menschenmenge. Sie ist auf dem Weg zum Gericht, sie hat es sehr eilig: Es geht darum, eine Hinrichtung zu verhindern. Der Weg ist versperrt. Sie ruft: „Ich muss dringend durch!“ Das interessiert die Umstehenden nicht, denn die Menschenmassen hier erwarten den Trauerzug Gustav Stresemanns. „Das Ende der Beisetzung müssen Sie aber schon abwarten“, sagen die Polizisten der jungen Frau. Sie aber duldet keinen Widerspruch, bahnt sich schließlich schreiend einen Weg durch die Absperrung.

Man muss unweigerlich an diese Szene denken, wenn man der Schauspielerin Liv Lisa Fries beim Gespräch gegenübersitzt. Es ist der Pressetag zu Detlev Bucks neuem Film, der Thomas-Mann-Verfilmung des bekannten Bestsellers „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, am Berliner Gendarmenmarkt.

„Ist es nicht ein bisschen kalt hier?“, fragt sie als Erstes und bittet dann einen Hotelangestellten genauso freundlich wie entschieden, die Klimaanlage auszuschalten. Im ganz Kleinen scheint sich darin die gleiche Durchsetzungskraft zu zeigen, der selbstverständliche Mut, den Mund aufzumachen, sich nicht um Vorgaben, Regeln, Angepasstsein zu scheren, der ihre Figur in der beschriebenen Szene aus den späten 1920er-Jahren auszeichnet.

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Sie steckt gerade, die kurze, leicht wellige Zwanzigerjahre-Bobfrisur verrät es, schon mitten in den Dreharbeiten zur neuen Staffel der Erfolgsserie „Babylon Berlin“. „Die letzten Wochen waren die vielleicht anstrengendsten überhaupt: Wir hatten wieder die Tanzszenen.“ Ist das eigentlich schwierig, von Dreharbeiten so umzuschalten zu einem Tag voller Pressegespräche? „Es ist eigentlich unmöglich. Am liebsten würde ich mich weigern“, sagt sie. „Babylon Berlin“ hat sie berühmt gemacht, angepasst aber nicht.

Liv Lisa Fries, vor dreißig Jahren im Nordosten Berlins geboren, ist ein Freigeist. Und genau diese Eigenschaften, der Freiheitsdrang und der Mut zum Eigensinn, sind es, die ihr Spiel und ihren Erfolg ausmachen und die ihr seit Oskar Roehlers „Elementarteilchen“ (2006) und einer Rolle im Schimanski-Tatort 2007 jede Menge Preise, internationale Anerkennung und denkwürdige Hauptrollen in Filmen und Serien eingebracht haben. Sie lehnt sich gern auf gegen festgelegte Regeln. Oder, besser gesagt: Sie reizt alle Freiheiten im Rahmen festgesetzter Regeln aus. Und das mit einem Charme und einer berlinerischen Kessheit, die eine große Ernsthaftigkeit hinter Leichtigkeit verstecken. Gerade deshalb, erklärt sie, hat sie die Zusammenarbeit mit Detlev Buck für „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ so genossen: „Weil ich Detlev generell einen sehr befreienden Menschen finde: sehr situativ, sehr humorvoll, sehr freiheitsliebend.“

Diese Freiheitsliebe erlaubte es Fries, sich bei den Dreharbeiten zu dem Film viel eigenen Raum zu nehmen für Improvisation. Sie spielt die Rolle der Zaza, einer jungen Prostituierten, die Felix Krull (Jannis Niewöhner) in Frankfurt kennenlernt. Als er durch die Vermittlung seines Stiefvaters nach Paris geht und dort in einem Grandhotel zu arbeiten beginnt, kommt sie nach einer Weile in die französische Hauptstadt nach. Wie Felix Krull ist sie ehrgeizig und auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg bedacht, dabei bleibt sie zugleich sehr unabhängig von ihm. Sie wird die Geliebte und Verlobte des reichen Marquis de Venosta (David Kross), der auch mit Felix Krull befreundet ist.

Ein unverwechselbares Gesicht: die Berliner Schauspielerin Liv Lisa Fries – Anfang August beim Filmfestival in Locarno
Ein unverwechselbares Gesicht: die Berliner Schauspielerin Liv Lisa Fries – Anfang August beim Filmfestival in Locarno Bild: Picture Alliance / dpa / Keystone / Urs Flueeler

„Eine der Hauptanweisungen von Detlev Buck während des Drehs: Er hat mir immer wieder gesagt, ich soll mich befreien. Irgendwann hab ich mich dann auf den Tisch gestellt und zu ihm gesagt: Ich möchte nur, dass du siehst, was passiert, wenn du das sagst. Wenn du sagst, dass du das willst, dann mach ich das – aber dann mach ich das wirklich!“

Das ging dann so weit, dass sie ihrem Kollegen Jannis Niewöhner, der Felix Krull spielt, in einer Szene Wasser ins Gesicht spuckte – und damit ihn und das ganze Filmteam überraschte. „Das ist eigentlich ein No-Go: einem Kollegen einfach Kostüm und Maske zu versauen, wenn es nicht im Drehbuch steht ... Ich hab’s aber gemacht.“

Liv Lisa Fries interpretiert historische Rollen neu und anders. Wie schon in „Babylon Berlin“ spielt sie auch in dieser neuen Filmrolle eine Frau in den 1920er- Jahren, die die Freiheiten für Frauen ihrer Zeit ausreizt und neu definiert. Zwar seien historische Rollen erst mal weiter entfernt als zeitgenössische, bei denen sie in der Gegenwart recherchieren und Menschen kennenlernen kann, aber sie liest viel, geht in Ausstellungen, nähert sich der entfernten Epoche auf eher abstrakte Weise. Obwohl sie auch gern gegenwärtige Figuren spielt, dort die Lebendigkeit genießt, fühlt sie sich ihren historischen Rollen besonders verbunden: „Irgendetwas an dieser Welt ist mir sehr nah, damit kann ich mich gut verbinden.“ Auch ihr Gesicht fügt sich besonders gut in die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts ein: mit seinen klassischen Linien, die ihren Witz und ihre Intelligenz betonen.

Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter in einer Szene der vierten Staffel von „Babylon Berlin“
Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter in einer Szene der vierten Staffel von „Babylon Berlin“ Bild: Picture Alliance / dpa / X-Filme / ARD Degeto / Sky Beta / Frederic Batier

Kein Wunder, dass sie sich als wichtigstes Vorbild für ihre Berufswahl stets auf Natalie Portman bezogen hat. Mit dreizehn, vierzehn Jahren habe sie den Film „Léon – Der Profi“ gesehen und dann gewusst, dass sie genau das auch machen wolle, hat Fries schon oft erzählt. Jetzt aber sagt sie, dass die Geschichte mit Natalie Portman wahrscheinlich gar nicht stimmt. „In der fünften Klasse nämlich hab ich eine neue Lehrerin bekommen, die eine Theater-AG aufgemacht hat. Und das war eigentlich schon das erste Mal, dass ich gemerkt habe, dass es da für mich etwas herauszufinden gibt.“ Von dem Berufswunsch hat sie ihren Eltern nicht gleich erzählt: „Das war ein Geheimnis und musste erst mal beschützt werden.“

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Ihre Spielweise beschreibt Liv Lisa Fries als „intuitiv. Sehr intuitiv. Aber auch analytisch. Nachdenklich, spielerisch, reflektierend!“ Am liebsten mag sie: „dass es jedes Mal anders ist, ich jedes Mal zusammen mit anderen etwas Neues über die Figuren herausfinden muss. Da kann ich keine Schablone auflegen: Die Vorbereitung funktioniert jedes Mal anders. Manche Figuren kann ich zum Beispiel überhaupt nicht am Schreibtisch vorbereiten. Und das herauszufinden, die Wahrheit über diese Figur herauszufinden, das treibt mich an.“ Immer wieder frage sie sich: „Ist das genug? Reicht es, was ich da mache?“

Fries ist eine mit Grundsätzen. Als es plötzlich um FFP2-Masken geht, erwähnt sie, dass ihre von einem Charityprojekt stammt, das die Erlöse an Oxfam spendet. Später redet sie über ihre Pläne und Wünsche für die Zukunft: „Ich will aber auch nicht für immer Schauspielerin bleiben“, sagt sie. Und dass sie sich darauf freut, bald noch mehr auf Englisch zu drehen. „Weil ich dann auch wieder etwas anders machen muss. Das öffnet wieder etwas anderes für mich.“ Der Netflix-Film „Munich: The Edge of War“ (Regie: Christian Schwochow, „Bad Banks“), in dem sie neben Jeremy Irons, Sandra Hüller und August Diehl zu sehen ist, wird in diesem Jahr noch veröffentlicht.

Sie verabschiedet sich mit einem Spruch des Dalai-Lamas, in dem es darum geht, dass es manchmal besser sei, nicht zu bekommen, was man sich wünscht. Ein interessanter Gedanke. Schwer zu glauben allerdings, dass er auf Liv Lisa Fries zutreffen wird. Diese Schauspielerin, die wohl freieste des deutschen Gegenwartsfilms, wird sich nehmen, was immer sie haben will.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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