„Battlefield 2042“

Runter vom Schlachtfeld, rein in den Tornado

Von Patrick Schlereth
03.12.2021
, 07:24
Über den Wolken: In „Battlefield 2042“ kann man sich auch als menschliche Fledermaus bewegen.
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Zu groß, um nicht zu scheitern: In „Battlefield 2042“ sollen die Schlachten der Zukunft geschlagen werden, doch das unfertige Videospiel leidet an den Fehlern aus der Vergangenheit.
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Im Auge des Tornados ist vom Lärm des Schlachtfelds nichts mehr zu hören. Es ist viel lauter. Unerträglich laut. Ehrfürchtig ergibt man sich der Naturgewalt, alles dreht sich, Trümmerteile fliegen durch die Luft. Man kneift die Augen zu und denkt: Das war’s. Bis das Ding einen wieder ausspuckt, auf Wolkenhöhe über dem Erdboden. Von ganz oben betrachtet, ist das Schlachtfeld so übersichtlich. Die Grenze markieren die Windräder am Horizont. Für einen langen Moment steht die Zeit still, dann kommt der Boden schnell näher. In letzter Sekunde erinnert man sich an den Fallschirm und legt eine schmerzhafte Bruchlandung auf der Wiese hin. Man rappelt sich auf und schaut sich um. Feindliches Territorium. Man hört noch den Schuss, dann sind die Lichter aus. Die Ironie des Blockbusters für Zocker: den Tornado überlebt, im Kugelhagel gestorben.

Die „Battlefield“-Reihe war schon immer der Superlativ unter den Egoshootern, mit „Battlefield 2042“ soll alles noch größer und ultimativer sein. Bis zu 128 Spieler passen auf die gigantischen Maps, Kampfjets sausen durch die Luft, Panzer legen ganze Stützpunkte in Schutt und Asche. Neu sind die Extremwetterphänomene, die für zusätzliches Chaos im Gefecht sorgen. In Indien und Singapur ziehen Tornados eine Schneise der Verwüstung, in Qatar verschlucken Sandstürme das Licht.

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Hitzige Neuauflage des Kalten Kriegs

Der Kampf gegen den Klimawandel ist hier längst verloren. Der Meeresspiegel steigt, Lebensmittel und Trinkwasser sind knapp. Die Europäische Union ist nach dem Staatsbankrott der Bundesrepublik Deutschland Geschichte, der wirtschaftliche Ruin zahlreicher Nationen löst die größte Flüchtlingskrise der Menschheitsgeschichte aus. Aber wohin flüchten, wenn überall der Krieg tobt? Die USA und Russland verbleiben als letzte Supermächte und stürzen die Welt in eine Schlacht um die verbliebenen Ressourcen – eine hitzige Neuauflage des Kalten Kriegs sozusagen.

Klingt größenwahnsinnig? Ist es. Aber vom apokalyptischen Plot im Stil eines Bestsellers von Frank Schätzing bekommt man eh nicht viel mit, denn „Battlefield 2042“ ist ein reiner Multiplayer-Titel ohne das erzählende Element einer sogenannten Kampagne. Wer blind drauflosstürmt, stirbt rasch an Bleivergiftung oder wird vom Panzer überrollt. Taktisches Vorgehen soll im Vordergrund stehen, jeder der zehn Spezialisten, die als Spielfigur zu Auswahl stehen, erfüllt seine eigene Aufgabe: „Angel“ heilt gefallene Kameraden per Defibrillator, „Boris“ stellt automatische Geschütze zur Verteidigung auf, und „Sundance“ überwindet riesige Distanzen und Höhenunterschiede als menschliches Flughörnchen mit ihrem Wingsuit.

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© YouTube/Battlefield

Zumindest in der Theorie – in der Praxis ist auf den gigantischen Schlachtfeldern jeder auf sich allein gestellt. Einen Sprach-Chat gibt es – noch – nicht, nur ein umständliches Ping-System, was taktische Absprachen ungemein erschwert. Die Strategiebesprechung fällt aus, alle rennen in verschiedene Himmelsrichtungen. Im klassischen „Battlefield“-Modus „Eroberung“ ist man minutenlang zu Fuß zum umkämpften Sektor unterwegs, nur um auf halber Strecke von einem Scharfschützen niedergeschossen zu werden. Auf freiem Feld ohne jegliche Deckung kann man noch so viel nach medizinischer Hilfe schreien, keiner der Teamkollegen will in die Schusslinie geraten. Nach dem Bildschirmtod kann sich der Spieler zwar direkt wieder vom Helikopter absetzen lassen, allerdings nur in einem der vom eigenen Team kontrollierten Sektoren. Wieder ist der Weg zur nächsten Schlacht weit, selbst im Hovercraft, das in der eigenen Basis herumsteht.

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„Battlefield 2042“ leidet an der eigenen Größe

Besser zur Geltung kommen die riesigen Karten im neuen Modus „Hazard Zone“, der weniger auf die Massenschlacht und mehr auf den Wettbewerb zwischen kleineren Teams setzt. Man startet als Teil einer Truppe von vier Spielern, sucht nach Datenträgern und bringt sie zum Evakuierungshubschrauber, während von der KI gesteuerte Soldaten dies zu verhindern suchen. Der Nachteil: Wenn man tot ist, gibt es anders als im „Eroberungs“-Modus keine Auferstehung. Es sei denn, jemand hat einen „Uplink“ hergestellt, der die Rückkehr der Teammitglieder aus dem Totenreich erlaubt. Und dann gibt es noch den „Portal“-Modus, der Inhalte und Karten der vergangenen „Battlefield“-Klassiker recycelt.

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Wenn Ihnen das alles zu kompliziert ist, sind Sie in guter Gesellschaft: „Battlefield 2042“ ist ein Spiel für Fans. Neueinsteiger haben es schwer, weil so gut wie keine der alten und neuen Spielmechaniken erklärt wird. Während man noch staunt, welche Taste der Teamkollege wohl drückt, um sich mit dem Seilhaken auf die nächsthöhere Plattform zu retten, pfeifen einem von allen Seiten die Kugeln um die Ohren. Auch Hardcore-Fans sind unzufrieden mit dem neuen Teil der Reihe, der wie eine Beta-, also Testversion, wirkt. Im Netz kursiert der Spitzname „Betafield“. Es spricht Bände, dass der nostalgische „Portal“-Modus am besten wegkommt. Offenbar ist es den Spielern lieber, historische Weltkriege nachzuspielen, als in einem unausgegorenen Zukunftsszenario zu landen.

Electronic Arts und sein Entwickler Dice hätten aus dem Desaster rund um „Battlefield 4“ lernen können. Auch hier war das Spiel unfertig und voller Fehler abgeliefert worden. Nun wirft man abermals ein unfertiges Spiel auf den Markt, um das Weihnachtsgeschäft mitzunehmen. Ein Fehler, denn „Battlefield 2042“ leidet in jeder Hinsicht an der eigenen Größe. Die riesigen Karten bieten zwar von der Eis- bis zur Sandlandschaft jede Menge Abwechslung, wirken jedoch insgesamt steril, detailarm und wesentlich undynamischer als in den coolen Werbevideos. Vielleicht liegt es auch an der fortgeschrittenen Architektur der Zukunft im Jahr 2042, dass sich Gebäude kaum zerstören lassen – nicht mal durch einen Tornado und schon gar nicht mit der Panzerfaust.

Profischützen ärgern sich zudem, wenn ihr perfekt gezielter Schuss links und rechts am Feind vorbeigeht, obwohl sie ihn im Fadenkreuz hatten. „Weapon Bloom“ nennt sich das offenbar absichtlich eingebaute Zufallselement, das vor allem Sturmgewehre ab mittlerer Distanz fast unbrauchbar macht. Die Entwickler versprechen eine schnelle Lösung mit dem nächsten Update Anfang Dezember. Überhaupt ist die Waffenauswahl dürftig, was einigermaßen seltsam anmutet, hätte das Zukunftsszenario doch alle Möglichkeiten für ein abgefahrenes Arsenal geboten. Battlefield-Fans mutmaßen nun, die Entwickler könnten das Waffenarsenal zu einem späteren Zeitpunkt aufstocken – natürlich nur für jene, die dafür zu zahlen bereit sind.

Der Rezensent indes braucht keine neuen Waffen. Das Kämpfen hat er ohnehin längst aufgegeben. Einsam kauert er in Deckung und sucht am Horizont nach dem nächsten Tornado, in den er sich todesmutig stürzen kann. Noch ein Flug über die gigantische Map, dann ist die Schlacht erst mal vorbei – bis zur nächsten Nachbesserung.

Battlefield 2042 ist für Xbox Series und Xbox One, Playstation 4 und 5 sowie den Windows-PC zu haben und kostet etwa 50 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schlereth, Patrick
Patrick Schlereth
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.
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