Beleidigungen auf Twitter

Was Trolle zum Verstummen bringt

Von Andrea Diener
17.11.2016
, 18:11
Weiß, nationalistisch, laut: Mit den sozialen Medien wurde die neue Rechte groß. Dem Ansehen des Konzerns schadete das jedoch.
Diesmal meinen sie es wohl ernst: Twitter ergreift neue Maßnahmen, um Nutzer zu schützen, die sich bedroht fühlen – und sperrt einige hochrangige Rechtskonservative.

Man wünschte ja manchmal, dass Twitter von alleine auf die Idee käme, dass Belästigungen aller Arten das Nutzererlebnis auf der Plattform drastisch verschlechtern. Lange Zeit tat sich gar nichts, dann gab es ein paar halbherzige Versuche, nun kommt anscheinend Bewegung in die Sache. Jedenfalls wurden diese Woche einige neue Maßnahmen vorgestellt, mit denen Nutzer sich vor Beleidigungen und Drohungen schützen können.

Dazu gehört etwa ein Wortfilter. Über die Einstellungen können einzelne oder zusammenhängende Wörter sowie Hashtags ausgefiltert werden, ohne gleich Benutzer stummschalten oder blockieren zu müssen. Milde nervendes wie Kommentare zu Fußball oder Fernsehsendungen verschwinden dann ebenso aus der Timeline wie handfeste Beschimpfungen. Auch ganze Konversationen können nun stummgeschaltet werden. Man schafft sich so eine friedliche Blase: Die Angriffe finden zwar statt, das Opfer bekommt sie aber nicht mehr mit.

Auch soll es einfacher werden, Trollerei zu melden. Denn beleidigendes Verhalten gegenüber einer Rasse, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung ist nun auch als Unterpunkt verfügbar, wenn man einen hetzerischen Tweet melden möchte. Bisher gab es diese Option nicht, und Twitterer klagten immer wieder, dass in den meisten Fällen nach der Meldung schlicht nichts geschehe. Nun soll auch das Support-Team in Schulungen zusätzlich sensibilisiert werden.

Eine Nummer kleiner geht es nicht

Twitter tat außerdem etwas, wozu sich Facebook seit Jahren außerstande sieht: Es sperrte einige hochrangige, politisch rechte Accounts, die regelmäßig Minderheiten beschimpften und bedrohten. Den von Richard Spencer etwa, einem Vordenker der „Alt-right“, der sogar einen verifizierten Account mit blauem Häkchen besaß und dessen politisches Programm die Ausweisung von hispanisch und asiatischstämmigen Einwanderern sowie Juden aus den Vereinigten Staaten vorsieht. Auch der Twitter-Account seines politischen Think Tanks, des „National Policy Institute“, sowie der seines Online-Magazins „Radix Journal“ wurden gesperrt. „Kommerzieller Stalinismus“ sei das, so Spencer und veröffentlichte sogleich eine Video-Stellungnahme unter dem Titel „Knight of the long knives“, eine Anspielung an die „Nacht der langen Messer“, in der Hitler die Führungsebene der SA ermorden ließ. Eine Nummer kleiner ging es anscheinend nicht.

Dass diese Maßnahmen kurz nach der amerikanischen Präsidentenwahl eingeführt werden, ist kein Zufall. Bereits im Oktober meldete die Anti-Defamation League einen Anstieg antisemitischer Tweets, die an Journalisten adressiert waren, der mit der Hochphase des Wahlkampfes korreliere. In der Twitterbiografie der Absender seien die häufigsten Wörter „Trump“, „nationalistisch“, „konservativ“, „amerikanisch“ und „weiß“. Dass die radikale Rechte in Amerika sich nun im Aufwind fühlt und ihre Trolle von der Leine lässt, ist für Twitter ein echtes Imageproblem. Schon im Spätsommer soll Disney sich für eine Übernahme interessiert, dann aber abgewunken haben, um ihr Ansehen als familienfreundlichen Konzern nicht zu beschädigen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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