„Tatort“ aus München

Beten und Schweigen

Von Heike Hupertz
19.12.2021
, 15:20
Andächtig: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) bei ihren Ermittlungen im Nonnenkloster.
Video
Ein frommer Mord? Im bildstarken „Tatort: Wunder gibt es immer wieder“ ermitteln Batic und Leitmayr hinter Klostermauern in aller Bedächtigkeit.
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Für den Wirtschaftsprüfer eines Klosters im Voralpenland war die Bahnfahrt nach München tödlich. Munter und im Besitz einer großen Menge Bargeld, ist Stefan Lechner (Richard Hentschel) aus der sommerfrischen Landschaft abgefahren, nun sitzt er jenseits von Gut und Böse im Zugabteil am Hauptbahnhof. Für die Großstadtkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sieht erst alles nach natürlichem Ableben aus. Allerdings wurde der Mann verprügelt – und vergiftet, mit einem Trank aus dem Gefleckten Schierling. Der, so ein Zufall, im Kräutergarten der heilkundigen Schwestern zwischen den Bergen prächtig gedeiht. Nonnen als Mörderinnen? Was geht hinter den Klostermauern vor, in denen nur noch ein halbes Dutzend fromme Schwestern versuchen, Weltabgeschiedenheit und Wirtschaftsbetrieb zu vereinen?

Es wird ungemütlich werden in diesem Paradiesgärtlein, insbesondere für Batic, der sich mutig den Tee der Klosterküche einverleibt, während Leitmayr mehr dem hausgemachten Schnaps zuspricht. Offensichtlich sind weder Motiv noch Täterin. Also suchen die Kommissare für einige Tage spirituelle Einkehr mit Beherbergung. Das herzliche Willkommen auf Italienisch gilt allerdings nicht ihnen, sondern den zwei Abgesandten des Vatikans, Monsignore Martini (Rudy Ruggiero) und Signor del Fabbro (Michele Cuciuffo), zwei Erscheinungen wie lupenreine Mafiosi im Priestergewand, die irgendeine höchst geheimnisvolle kircheninterne Mission verfolgen. Das Personalta­bleau vervollständigen der Hausmeister Friedrich Neubauer (Aurel Man­thei), x-fach vorbestraft, und sein großäugiger Gehilfe Sandro (Samuel Benito).

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Börsenspekulation im Namen der Klostererhaltung

Beten, singen, schweigend essen, karge Betten – Batic fremdelt. Mehr als Leitmayr, der sich als ehemaliger Messdiener mit der Schönheit des Ortes anfreundet. Eines Ortes, der nun schon im Knotenpunkt der Fernwege liegt: Bahnstrecken und Autostraßen sind dem weitläufigen Anwesen ganz nah gerückt. Wie die Außenwelt ansonsten offenbar auch. Über den Onlineshop werden Kräuterprodukte vertrieben. Schwester Angela (Ulrike Willenbacher), für die Finanzen zuständig, spekuliert im Namen der Klostererhaltung an der Börse. Marienverehrung und Aktienkurse müssen für diese Gemeinschaft zusammenpassen. Um den Kräutergarten kümmern sich alle gemeinsam, die handfeste Schwester Jacoba (Petra Hartung), gerade zurück von einer Pilgerwanderung, Novizin Antonia (Maresi Riegner), Oberin Barbara (Corinna Harfouch), Schwester Klara (Constanze Becker), ernst und geistvoll, und Schwester Julia (Christiane Blumhoff), die seit einem halben Jahrhundert an Ort und Stelle lebt.

Für alle Nonnen, so entfaltet es das Drehbuch von Alex Buresch und Matthias Pacht in aller gebotenen Bedächtigkeit, ist das Kloster mit dem Garten, in sommerlich berückenden Bildern eingefangen von Alexander Fischerkoesen, der Hortus conclusus, der irdische Abglanz des Paradiesgartens, nicht ganz von dieser Welt – und doch allzu sehr. Fischerkoesen kontrastiert Innen und Außen, fast leere Räume aus scheinbar ewigkeitsfestem, kühlem Stein und die eingehegte, warm blühende Natur als ästhetischen Überschuss der Schöpfung, in zugleich direkten und symbolischen Bildern.

Passend inszeniert Regisseurin Maris Pfeiffer die Aufklärung des Kriminalfalls konsequent spannungsarm, aber atmosphärisch dicht, bis hin zu Schauermotiven in den nächtlichen Albträumen von Batic, die sich seinem Magendrücken verdanken – oder doch nicht? Flagellationen, eine Nonne ohne Gesicht, weiße Lilien, Kreuzgänge und Kellergewölbe, Blutstropfen, karge Zellen und anbetungswürdige Kunstwerke bergen des Pudels Kern. Draußen die leichte Luft der hohen Jahreszeit.

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Anschaulich sind die Verbindungen zum Hohelied Salomos, in dem die Braut Gottes oder die Jungfrau Maria selbst der verschlossene Garten ist, die verschlossene Quelle, ein versiegelter Born (Hld 4,12). Wie diese Nonnen, die weiße Lilien horten, ein Mariensymbol, giftig in naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise. Leitmayr und Batic ermitteln als Kombinierungsbrüder von weiland Agatha Christie und Hercule Poirot ziemlich lange vor sich hin, bis sie auf die Lösung stoßen. Merke: Auch Kontemplation führt zum Ziel. Das wiederum nicht besonders aufregend ist. „Wunder gibt es immer wieder“ punktet mit der gelungenen Bildsprache, feinen Zwischentönen und der Einsicht, dass der selbst gewählte Rückzug aus der Welt die Welt selbst nicht sonderlich kümmert.

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Tatort: Wunder gibt es immer wieder, Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

Trailer
Tatort: Wunder gibt es immer wieder
Video: ARD, Bild: dpa

Quelle: F.A.Z.
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