„Bild“-Chef darf bleiben

Was erlauben Reichelt?

Von Michael Hanfeld
25.03.2021
, 16:19
Wo Rauch ist, da gibt er Feuer: „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt.
Der „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt kommt im gegen ihn angestrengten Compliance-Verfahren mit einem blauen Auge davon. Er behält seinen Job. Ob er die richtigen Lehren aus der Kritik an seinem Boss-Verhalten zieht?
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Ein salomonisches Urteil: So kommt es einem in den Sinn, wenn man sieht, wie das Compliance-Verfahren gegen den „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt ausgegangen ist. Oder scheint es nur so?

Er kehrt, nachdem er sich freiwillig suspendieren ließ, mit sofortiger Wirkung als Chef von „Bild“ print, „Bild“ digital und „Bild Live“ zurück. Den Vorsitz der „Bild“-Redaktionen indes teilt er sich mit Alexandra Würzbach, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“. Sie werde sich, teilt der Springer-Verlag mit, um die BamS und das „übergreifende Personal- und Redaktionsmanagement“ kümmern. Für die inhaltliche Ausrichtung des „Bild“-Kosmos zeichnen beide gemeinsam verantwortlich.

Das sieht nach verordneter Machtteilung aus, wie es sie bei Springer mit Reichelt und der früheren Ko-Chefredakteurin Tanit Koch schon gab. Und wie sie nicht funktionierte, was an Reichelts breitbeinigem Auftreten lag.

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Für einen zarten Zeitgenossen wird man ihn nicht halten. In seinem journalistischen Wirken macht er keine Gefangenen. Das Corona-Bashing, in dem sich die „Bild“ übt, ist maßlos und manisch. Die Angriffe auf Experten, wie etwa den Virologen Christian Drosten, oder Politiker, zielen auf persönliche Vernichtung.

Doch nicht das hätte Reichelt zu Fall gebracht, auch wenn der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner sich im vergangenen Sommer mit dem „Bild“-Chef öffentlich an den Tisch setzte, um zu zeigen, dass die Kampagnenreiterei Grenzen habe.

Den Kopf hätte Reichelt sein Verhalten als Chef kosten können, vor allem Mitarbeiterinnen gegenüber. Das wird ihm von seinem Arbeitgeber bescheinigt: Von Vorwürfen „des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz“ ist die Rede. Nicht aber, wie es manche Medien und Fernsehunterhalter mit Lust am Sturz des vermeintlichen Tyrannen kolportiert hatten, von Vorwürfen oder Anhaltspunkten „für sexuelle Belästigung oder Nötigung“.

Reichelt habe „die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten und dies auch eidesstattlich versichert“. Der Springer-Vorstand meint, „dass es nicht gerechtfertigt wäre“, ihn „aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind – von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen“.

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Reichelt, sagt Vorstandschef Döpfner, habe „Fehler gemacht“, eine Trennung aber wäre unangemessen. Klar sei, dass es „Änderungsbedarf bei der Führungskultur in der ,Bild‘-Redaktion“ gebe. Reichelt selbst räumt Fehler im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen ein, entschuldigt sich und will „gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als ein Team eine neue Unternehmenskultur für ,Bild‘“ schaffen und vorleben.

Klingt das nicht schön? Ein Freispruch erster Klasse ist das indes nicht. Man hat dem „Bild“-Chef die Instrumente gezeigt. Man könnte ihn auch so schassen, ohne strafrechtlich Relevantes. An seinem Versprechen wird Reichelt gemessen, eine weitere Chance kriegt er nicht. Vielleicht verbessert sich das toxisch-männliche Arbeitsklima, werden Frauen nicht schlechter behandelt und geht der Chef künftig nicht mit miesem Verhalten voran. Ob sich Reichelt ändert? Er hat nun am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man mit Persönlichem in den Schlagzeilen verhackstückt wird.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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