„Blood Red Sky“ bei Netflix

Wenn ein Vampir in die Luft geht

Von Anna Schiller
23.07.2021
, 19:22
Vor der Verwandlung: Peri Baumeister und Carl Koch spielen in „Blood Red Sky“ Mutter und Sohn.
Auf die Idee muss man erstmal kommen: Vampire in einem entführten Flugzeug. So etwas zeigt nur Netflix, meint Regisseur Peter Thorwarth.

Flug Transatlantic 473 hält im dichten Nebel auf eine Militärbasis an der schottischen Küste zu. Im Tower gibt ein Fluglotse in Tarnuniform dem Mann im Cockpit über Funk Anweisungen zur Landung. Autopilot ausschalten, beide Füße auf die Bremse. Die Maschine rutscht über die Landebahn und kommt mit glühenden Reifen zum Stehen. Ein Junge seilt sich aus der Frachtluke ab und blickt den herannahenden Militärfahrzeugen entgegen. In der Hand hält er einen Teddybär.

Was haben Filmfiguren nicht schon alles in Flugzeugen durchgestanden. Im Klassiker des Genres, „Snakes on a Plane“, kämpft Samuel L. Jackson gegen Giftschlangen, die Passagiere und Crew heimsuchen. In „Flightplan“ durchforstet Jodie Foster eine Maschine auf der Suche nach ihrer Tochter. Und als Präsident der Vereinigten Staaten befreit Harrison Ford die Air Force One aus der Gewalt russischer Terroristen. Netflix fügt dem Genre nun einen kuriosen Mix dieser Geschichten hinzu: Der deutsch-englische Film „Blood Red Sky“ vereint blutdürstige Vampire, Mutter-Kind-Drama und eine Flugzeugentführung zu einem leicht überfrachteten Horror-Kammerspiel über den Wolken.

In Flashbacks erfährt der Zuschauer, wieso eine abstinente Vampirin ausgerechnet ein voll besetztes Flugzeug besteigt. Nadja (Peri Baumeister), eine alleinerziehende Mutter, reist mit ihrem Sohn Elias (Carl Koch) von Deutschland nach Amerika, damit sich ein dortiger Spezialist ihrer Suchterkrankung annimmt. Nach einem Vampirangriff, der ihren Mann das Leben kostete und aus dem sie mit einer Bisswunde hervorging, gelüstet es Nadja nach dem Blut ihrer Mitmenschen.

Sie entsagt jedoch dem Kannibalismus und setzt, wie menschenfreundliche Vampire das tun (Wesley ­Snipes aus „Blade“ lässt grüßen), auf Blutkonserven. Nadjas Lebenswandel stellt die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, für eine Kindheit in dunkler Isolation erstaunlich gut geraten, jedoch vor Herausforderungen. Die Reise in die Vereinigten Staaten ist ihre letzte Chance auf ein besseres Leben. Doch das Flugzeug wird von Terroristen entführt. Schließlich muss sie, um ihren Sohn zu retten, das entfesseln, was sie eigentlich seinetwillen zu unterdrücken versucht.

Peter Thorwarth, der auch Regie geführt hat, sagt im Gespräch mit der F.A.Z., die Idee für das Drehbuch sei ihm beim Fliegen gekommen: „Ich schaute aus dem Fenster, es war dunkel, und dann habe ich mir gedacht: ‚Wenn man jetzt ein Vampir ist, dann muss man sich ja eigentlich einen Nachtflug organisieren. Was könnte denn da passieren?‘“ Vieles, was der Zuschauer von Flugzeug-Filmen bereits kennt: Es kommt zu einem Druckabfall, die Sauerstoffmasken fallen von der Decke. Servierwagen rollen durch die Gänge. Jemand ruft nach einem Arzt. Pilot und Stewardess flirten miteinander.

Einige von Thorwarths Einfällen hat man aber noch nicht gesehen. Den genauen Grund für die Entführung erfährt der Zuschauer beispielsweise nicht. Auch die Protagonisten mutmaßen. Allein dieser Erzählstrang würde genug Material für eine Tätersuche nach Art des „Orient-Express“ liefern. Die Geschichte befasst sich jedoch vorwiegend mit gewaltsam ausgetragenen Konflikten. Blut spritzt auf Wände und Sitzpolster. Die Kamera zoomt nah an die Figuren heran, während sie sich durch ein Labyrinth aus Frachtkisten und Kabelschächten zwängen. Dass in einem ausgemusterten Flugzeug gedreht wurde, zahlt sich aus.

Die meisten Charaktere bleiben eindimensional. Dominic Purcell, bekannt unter anderem durch die Serie „Prison Break“, spielt den bulligen Anführer der Kidnapper, der sich ein gewisses Ganoven-Ethos bewahrt hat. Kinder sind für ihn tabu. Richtig zum Zug kommt der Actionstar allerdings nicht, er dirigiert seine Männer als sanfter Riese. Der deutsche Schauspieler Alexander Scheer verwandelt sich vom klischeehaften schwulen Flugbegleiter zum gewaltgeilen Psychopathen, der Spaß daran hat, Kinder zu töten.

Vampirin mit mütterlicher Urangst

Für das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wiederum nimmt sich „Blood Red Sky“ viel Zeit. Und Peri Baumeister ist als an sich selbst zweifelnde Anti-Heldin bestechend. Sie spielt Nadja als eine Getriebene, fürchtet sich selbst, die Entführer und um ihr Kind. Je mehr sie dem Bösen in sich Raum gibt, desto animalischer werden ihre Bewegungen. Am Ende ihrer Metamorphose rammt sie ihrer Beute auf allen vieren ihre spitzen Eckzähne in den Hals. Hinter der fulminanten Maske von Oscarpreisträger Mark Coulier schwindet langsam ihre Menschlichkeit.

Zu ihrer Rollenverwandlung vom Menschen zum Monster sagte Peri Baumeister im Gespräch, dieser Konflikt sei „der Kern der Figur, und aus ihm entstand zum einen eine große Kraft, aber auch ein fast bodenloser Abgrund und noch viel mehr eine über sich selbst geordnete, übergreifende, archaische Liebe. Die grenzenlose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Am Ende habe ich mich also auf meine Instinkte verlassen, erst recht, wenn sie ins fast Tierische übergingen.“

Geholfen habe ihr beim Spiel, dass sie selbst Mutter einer drei Jahre alten Tochter sei und seit deren Geburt um eine Art „Urangst“ wisse, dass dem eigenen Kind etwas passieren könne: „Die Angst, dass meinem Kind etwas passieren kann, ist fast unvorstellbar. Ich würde für meine Tochter, genauso, wie es Nadja in dem Film macht, alles tun, um ihr Leben zu schützen. Ich müsste keine Sekunde darüber nachdenken, meins dafür zu geben. Das ist ein sehr ursprüngliches, großes Gefühl. Ich habe versucht, mich mit diesem zu verbinden.“ Erfreulich findet Peri Baumeister, dass ihre Figur für sich, aus eigener Kraft, steht: „Dass Frauen mit ihren femininen Attributen kraftvolle und schwache Rollen gleichzeitig spielen dürfen, das ist rar. Im Drama ist das zwar heute schon teilweise anders, aber immer noch ausbaufähig.“

Sein Drehbuch konnte Thorwarth mehr als zehn Jahre lang nicht so richtig an den Mann bringen. Studios in Hollywood schienen mit dem Stoff nichts anfangen zu können. Auch hierzulande hatte es „Blood Red Sky“ schwer: „Filme, die so einen Genre-Anstrich haben, werden in Deutschland immer noch leicht naserümpfend aufgefasst“, sagt Thorwarth. Dann nahm sich Netflix des Projekts an. Es ist Teil einer schon länger andauernden Offensive des Streaminganbieters, die lokale Produktionen forciert. Ohne den Druck, gleich in der ersten Woche in den Kinos überzeugen zu müssen, haben es Genrefilme auf der Plattform zudem leichter. „Wahrscheinlich hätte es Blood Red Sky ohne Netflix nie gegeben“, sagt Thorwarth. All jenen, die Horrorfilme lieben, in denen Vampire laut schlürfend über Blutpfützen kauern, wäre ein skurriles Genrestück vorenthalten worden.

Blood Red Sky startet heute bei Netflix.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schiller, Anna
Anna Schiller
Volontärin.
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