BR-Chefin Katja Wildermuth

„Wir müssen unsere Inhalte noch weiter verbreiten“

Von Helmut Hartung
17.10.2021
, 07:40
Ein Plan für den BR und die ARD: Katja Wildermuth
Katja Wildermuth ist seit neun Monaten Intendantin des Bayerischen Rundfunks. Was sind ihre Pläne? Sie will ARD-alpha zum Wissenschaftsportal machen und online eine Führungsrolle spielen. Vom ZDF grenzt sie sich ab. Ein Interview.
ANZEIGE

Sie sind seit neun Monaten Intendantin der viertgrößten ARD-Anstalt. Wie haben Sie die neun Monate medienpolitisch erlebt: keine Beitragserhöhung, Sparapelle, Streit über den Auftrag.

Wir haben durch die Corona-Pandemie gelernt, flexibler zu arbeiten und schneller auf neue Situationen zu reagieren. Eine größere Flexibilität ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten Voraussetzungen für unsere Zukunft. Ich war in dieser schwierigen Zeit mit vielen Unwägbarkeiten von den Leistungen der Kolleginnen und Kollegen hier im BR sehr beeindruckt, die äußerst professionell gearbeitet und unter Corona-Bedingungen auch zusätzliche Aufgaben, wie die Hochwasser- oder Wahlberichterstattung, sehr gut bewältigt haben. Zudem hilft eine gewisse Gelassenheit, denn wir wissen, dass politische Prozesse und Entscheidungen manchmal ihre Zeit benötigen. Als klar war, dass die vorgesehene Beitragsanpassung nicht zu Jahresbeginn kommen wird, habe ich, auch im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der KEF-Empfehlung, entschieden, dass wir unsere Angebote nicht verringern. Wir haben umgeschichtet und Investitionen verschoben, aber nicht unseren Auftrag reduziert. Das war ein wichtiges Signal an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Reichweiten unserer Inhalte haben sich in den vergangenen Monaten über alle Verbreitungswege erhöht, und wir haben viel Lob für deren Aktualität und Qualität erhalten, auch das hat die Leute motiviert. Die regionale Stärke des Bayerischen Rundfunks hat sich in dieser schwierigen Zeit ausgezahlt.

ANZEIGE

Wie wichtig ist es für Sie, dass die Politik sich bald über den Auftrag einig ist?

Wir benötigen vor allem Planungssicherheit. Alle ARD-Anstalten befinden sich gegenwärtig in tiefgreifenden Umbauprozessen. Da ist es wichtig zu wissen, was die Gesellschaft in Zukunft von uns erwartet. Wir benötigen die Sicherheit einerseits im finanziellen Bereich, da wir längerfristige Investitionen vornehmen müssen, andererseits hat die Definition des Auftrages Auswirkungen auf unsere Angebote. Die Entscheidung über die Beauftragung – oder Nichtbeauftragung – von Programmen hat weitreichende Konsequenzen für Konzepte, Strukturen und Investitionen.

Zu den Programmen, die nicht mehr beauftragt werden, soll auch ARD-alpha gehören.

Jenseits der politischen Debatte über Auftrag und Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben wir in den vergangenen Monaten sehr intensiv diskutiert, wie sich ARD-alpha zeitgemäß weiterentwickeln kann. Wir haben analysiert, wie wir das große Potential, das dieser Sender mit seinem Wissens- und Bildungsangebot hat, auch für andere Zielgruppen jenseits der linearen Verbreitung bereitstellen können. Es besteht in der Öffentlichkeit – das bestätigt auch der ARD-Zukunftsdialog – ein großes Interesse daran, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Angebote zu Bildung, Wissen und Wissenschaft besser präsentiert und bündelt, und das über alle Kanäle. So könnte sich nach unseren Überlegungen ARD-alpha zu einem multimedialen Bildungs- und Wissensangebot weiterentwickeln. Wenn der deutsche Astronaut Matthias Maurer am 30. Oktober zur ISS fliegt, planen wir als ersten Schritt ein Weltraum-Special im linearen Programm, aber auch als Online-Schwerpunkt mit zusätzlichen Gadgets. Im November wird es ergänzend zur ARD-Sendung „Wissen vor acht – Erde“ im Vorabendprogramm des Ersten ein vertiefendes Online-Angebot auf ardalpha.de geben. Dazu gehört unter anderem unser junges Format „PlanetB“. Die Data-Redaktion des BR hat zudem sehr anschauliche Datenvisualisierungen zur Erderwärmung oder zum Ausbau erneuerbarer Energien entwickelt. Unter dem Hashtag #DeinKlimaprojekt wollen wir ein Community-Projekt starten, an dem sich unsere Nutzerinnen und Nutzer mit guten Beispielen und eigenen Initiativen beteiligen können. Außerdem haben wir einen passenden Podcast, „Grünphase“, der von unserem jungen Angebot PULS in Kooperation mit funk erstellt wird. Während Eckart von Hirschhausen als Moderator von „Wissen vor acht – Erde“ im linearen ARD-Programm die Zuschauer erreicht, wollen wir mit ARD-alpha online zusätzliche Zielgruppen ansprechen, die Informationen zunehmend jenseits des klassischen Fernsehens suchen. ARD-alpha soll künftig vor allem auf langfristige Themen und vertiefende Hintergründe setzen, die auf allen Ausspielwegen verbreitet werden, und so die starken Inhalte, über die die ARD bereits verfügt, bündeln, ergänzen und auch für andere Zielgruppen bereitstellen.

F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

Samstags um 9.00 Uhr

ANMELDEN

Das heißt, ARD-alpha soll sich zu einem Wissenschaftsportal entwickeln?

Das ist die Idee. ARD-alpha könnte zu einem zentralen Netzwerk entsprechender ARD-Inhalte in den Anstalten sowie in Verbindung mit renommierten Partnern aus dem Bildungs- und Wissenschaftsbereich entwickelt werden. Nach unserer Erfahrung wünschen auch viele Nutzer von Online-Angeboten weiterhin eine thematische Bündelung und Kuratierung von Inhalten. Mit diesem Ansatz könnten wir dem entsprechen, Themen aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten und Dialog und Debatte beleben.

ANZEIGE

Im Interview mit der F.A.Z. hat der KEF-Vorsitzende Heinz Fischer-Heidl­berger gesagt: „Ein einzelner ARD-Intendant kann heute relativ wenig ausrichten. Deshalb hat die KEF immer wieder darauf hingewiesen, stärker zusammenzuarbeiten.“

Der einzelne Intendant oder die Intendantin kann in der eigenen Landesrundfunkanstalt einiges bewegen, um Kosten zu sparen, aber im Verbund ist mehr zu erreichen. Ein Beispiel ist die engere Kooperation im Technik-Bereich, wie die IT-Harmonisierung, wo es um hohe Investitionssummen geht und die Kostenstruktur insgesamt beeinflusst wird. So hat die ARD 2017 20 Strukturprozesse beschlossen, die bis in die nächste Gebührenperiode reichen und 588 Millionen Euro einsparen werden. Wir können und wollen auf den regionalen Fußabdruck nicht verzichten, aber alles, was sich im Backoffice und in der Technik abspielt, kann noch enger zusammenrücken. Es existieren im Übrigen aber leider weiterhin kartellrechtliche und steuerrechtliche Beschränkungen, die eine noch engere Kooperation erschweren.

Wo sehen Sie die Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit läuft schon in vielen Bereichen. Eine gemeinsame Mediathek und Audiothek waren für die ARD ein erster wichtiger Schritt, ein nächster ist die Vernetzung der Mediatheken von ARD und ZDF mit gemeinsamen Suchfunktionen und Empfehlungen. Ähnlich wie bei ARD-alpha müssen wir vorhandene Inhalte, beispielsweise unsere zahlreichen, sehr hochwertigen Dokumentationen, noch stärker auch über andere Ausspielwege verbreiten und diese mehr vernetzen. In der ARD existieren seit Kurzem zwei neue gemeinsame Boards für Diversität und Nachhaltigkeit, die die bisherigen Anstrengungen auf diesen Themenfeldern koordinieren und zum Beispiel gemeinsame Produktionsstandards entwickeln sollen. Aber auch auf europäischer Ebene kann die Kooperation ausgebaut werden. So hat die Europäische Rundfunkunion EBU dieser Tage bei einem Treffen hier beim BR beschlossen, mehr Dokumentarfilme zu europäischen Themen gemeinsam zu entwickeln und zu finanzieren, die auch nicht nur linear verbreitet werden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, auch europaweit, war und ist sehr innovativ bei der konventionellen Broadcast-Technologie, bei der IP-basierten Technik haben wir dagegen Nachholbedarf. Milliardenschwere Streamingdienste setzen inzwischen technische Standards, die die Nutzerinnen und Nutzer in der digitalen Welt zu Recht auch von uns verlangen. Gleichzeitig müssen wir die linearen Ausspielwege, mit den entsprechenden Verbreitungskosten, weiter bedienen. Deshalb ist eine Flexibilisierung bei der Frage, wie wir unsere Inhalte bestmöglich verbreiten, um weiterhin alle Bevölkerungskreise erreichen zu können, sinnvoll. Damit wird den Sendern die Verantwortung gegeben, selber zu entscheiden, wo bei einer sich dynamisch entwickelnden Mediennutzung die Schwerpunkte gesetzt werden. Ich bin bereit, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Der BR produziert zwei TV-Programme und zehn Hörfunkangebote. Er ist bei mindestens sieben Sozialnetzwerken vertreten. Das könnte man reduzieren.

ANZEIGE

Verbreitungswege sind einem ständigen Wandel unterworfen. Auf bestimmte lineare Programme kann man vielleicht irgendwann verzichten, aber insgesamt müssen unsere Angebote sogar noch mehr differenziert werden als heute. Von einem Überangebot könnte man sprechen, wenn wir auf verschiedenen Wegen immer dieselben Menschen erreichen würden. Aber genau das geschieht ja nicht mehr. Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft und des Mediennutzungsverhaltens wird es auch ein zunehmend maßgeschneidertes Medienangebot geben. Das hat auch den Vorteil, dass manche Inhalte, die in linearen Programmen oft nur eine geringe Resonanz gefunden haben, wie etwa besondere Kultursendungen, über eine non-lineare Verbreitung von einer sehr interessierten Gruppe wahrgenommen werden, die solche Themen aktiv sucht.

Man hört, dass die Vorbereitung der ARD-Kulturplattform, für die der MDR die Verantwortung tragen soll, wieder läuft. Wird sich der Bayerische Rundfunk doch noch daran beteiligen?

Die ARD hatte die Vorbereitung des Kulturportals Anfang des Jahres angehalten, da die Beitragsanpassung nicht erfolgt ist. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Anpassung angeordnet hat, gehen die Arbeiten jetzt weiter. Im Laufe der nächsten Monate soll das Konzept den ARD-Intendanten präsentiert werden. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, ähnlich wie bei ARD-alpha im Bereich Wissen auch die vielfältigen Kulturinhalte der ARD im Video- und Audiobereich auf diese Weise zu bündeln und kuratiert zugänglich zu machen. Ich bin auf das Konzept gespannt. Das Kulturportal wird sicher kommen, ob der BR dabei sein wird, wird man dann sehen.

Wieso baut man nicht die Kulturplattform des ZDF gemeinsam aus? Das ZDF hat das der ARD angeboten.

Die Ansätze sind für beide Angebote etwas unterschiedlich. ZDFkultur ist ein reines Mediatheks-Angebot, die ARD will aber über die Bewegtbildformate hinaus unter anderem auch die Audiobeiträge bündeln und kuratieren, also alles, was die ARD an Kultur zu bieten hat. Aber es ist auch hier möglich, komplementär und vernetzt zu agieren. Dazu ist man, wie ich höre, mit dem ZDF im Gespräch. Aber wie gesagt, an dem Konzept wird gerade gearbeitet.

Das Gespräch führte Helmut Hartung.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE