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Regisseure begehren auf

Gegen den neuen deutschen Medienfeudalismus

Von Jörg Seewald
22.02.2023
, 11:12
Rolf Silber ist Mitinitiator von „Regie Jetzt!“. Bild: To Kuehne
Der Bundesverband Regie sieht die Grundlagen seines Berufsstands durch den Kontrollwahn der Sender bedroht. Der Appell „Regie Jetzt!“ formuliert Punkte für ein faires Miteinander.

Man nennt es wohl Galgenhumor. Wenn eine Vereinigung wie der Bundesverband Regie (BVR), in dem mehr als 500 Regisseure organisiert sind, ein neues Horror-Viech entdeckt, das sogar in die Träume kriecht, muss schon viel schiefgelaufen sein. Das „Kontrollwahnwichtel“ erscheine am Drehort, im Schneideraum, auf der Teamtoilette und sogar im Traum, um zu erklären, dass es den Beruf besser kann als die, die ihn machen. Jeden Beruf. „Regie mit links“, schildert der Regisseur, Drehbuchautor und BVR-Vorstand Rolf Silber in einem Cartoon die Branchennöte.

„Filme entstehen in einem künstlerisch-industriellen Zusammenhang. Wir wissen das, wir sind nicht naiv. Aber das Ausmaß an Einmischung von dritter oder vierter Stelle, was Inszenierung wie Herstellungskosten angeht, hat ein in vielen Fällen unerträgliches Ausmaß angenommen“, sagt Silber. Deshalb hat der BVR ein neues Label erfunden: „Regie Jetzt!“ macht in zehn Punkten Vorschläge für praxisgerechte Bedingungen, denn: „Gute Filme brauchen die Kraft der Regie.“

„Schafft Sendeplätze für andere Genres und nicht noch einen Krimi“

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, ist es hilfreich, Silber und seinem Kollegen Jobst Oetzmann zuzuhören. „Die Branche leidet unter Praktikantismus“, sagt Silber und benennt einen Präzedenzfall, als ein Kalkulator vom Sender die Ansetzung eines 90-minütigen Films mit 22 Drehtagen kommentierte: „Kann der Regisseur seinen Job nicht? Nehmen Sie doch einen jungen Regisseur vom Theater und sagen ihm, wie’s gemacht werden soll. Der dreht ihnen das Ding in 20 Tagen.“

Silber kommentiert das mit den Worten, dass sich da „Altersdiskriminierung mit dem Thema Ausbeutung der Jungen“ treffe: „Auf eine verquere Art leiden alte und junge Kollegen gemeinsam.“ Warum das überhaupt möglich ist? „Da gibt es vertikale Oligopole, die entsprechend politisch agieren. Niemand legt sich mit den Sendern an.“ Und natürlich gebe es immer noch gute Redakteure und Redaktionsleiter. Doch seit den 2000er-Jahren habe eine teilweise „atemberaubende Respektlosigkeit“ eingesetzt. Die Verhältnisse machen uns Magenweh“, sagt Silber, „dagegen rangieren die Gagen erst auf dem zweiten Platz.“

Redakteure reden beim Dreh in alles hinein

Inzwischen komme es vor, dass eine Redaktion am ersten Drehtag am Set auftauche und vom Kostüm bis zur Frisur des Hauptdarstellers alles geändert haben will – oder sechs Wochen vor Drehbeginn ganze Produktionen abgesagt werden. Es herrsche ein „neuer deutscher Medienfeudalismus. Je höher in der Hierarche, desto kompliziert wird’s“, sagt Silber und fordert: „Schafft Sendeplätze für andere Genres und nicht noch einen Krimi. Das ist alles so verklebt.“ Getrieben sei das alles durch das Schielen auf die Zahlen. Das fördere die Tendenz zu „überverwalteten Filmen“. Auch Kinofilme würden auf die Förderung hin entwickelt. Das reiche bis zur Besetzung mit Leuten, die von den „Förderungsauguren“ gefordert würden. „Dann entstehen eben die berühmten deutschen Reiseproduktionen, die sich ein bisschen Geld aus Hessen holen, ein bisschen Geld aus NRW, ein bisschen aus Bayern und dann FFH obendrauf. Was Sie bei den Einreichungen an Papierbestätigungen losschicken müssen, ist grauenhaft. Selbst wenn man wirklich gute Ansätze hat, wird man in ein Konsensgerüst hineingezogen. Das führt dann zu diesen abgeschliffenen Konsensfilmen. Wäre das System etwas befreiter, gäbe es auch mehr Überraschungserfolge.“

Ein Drehtag dauert bis zu 14 Stunden

Silbers Vorstandskollege Jobst Oetzmann, prämiert mit dem Bayerischen Filmpreis für „Die Einsamkeit der Krokodile“ und dem Grimme-Preis für den BR-Tatort „Im freien Fall“, ist der Mann der Zahlen. Die glamouröse Welt des Filmemachens gerinnt in seinen Schilderungen zur Fron. „Es wird erwartet, dass wir 11, 12, 13, 14 Stunden arbeiten, sagt Oetzmann, „immer mehr wird in kürzere Zeit gepresst. Man darf bis 12 Stunden arbeiten, wobei nur die 11. und 12. bezahlt wird.“ Das Recht auf Wochenende gebe es schon lange nicht mehr. „Bei uns gehen Sie samstags auf die Nacht nach Hause, und montags um sieben stehen Sie schon wieder auf der Matte.“ Die einzige Regelung, die momentan greife: „Zwischen Arbeitsende und Arbeitsanfang müssen elf Stunden liegen.“ Selbst die Mittagspause sei Verfügungsmasse – im Gegensatz zu Frankreich und Italien. „Franzosen und Italiener arbeiten. Wir sind auf der Flucht“, sagt Oetzmann. Tatsächlich leide die Qualität unter dem Zeitdruck: „Wenn Sie von einem Schauspieler in der zwölften Stunde eine Großaufnahme machen, sehen Sie: Da ist die Kraft weg.“

Natürlich sei ihm nicht verborgen geblieben, dass die Bundesländer und die öffentlich-rechtlichen Sender bei der Rundfunkgebühr unter Druck stehen. Dennoch gelte: „Wir müssen Umstände schaffen, die besser sind als die jetzigen. Wir beklagen Fachkräftemangel, dabei ist es doch nur logisch, dass niemand in einem Gewerk arbeiten will, das nicht so gut bezahlt wird und wo du trotzdem arbeiten musst, bis du umfällst.“

Verzweiflung muss groß sein

Dabei nehme die Zahl der Filme ab. Netflix habe schon reagiert und zahle inzwischen 7,5 Prozent über Tarif. Doch das gelte für Beleuchter und Kameraleute, Regisseure würden hingegen massenweise arbeitslos: „Es führt zu Tabula rasa bei älteren Kollegen, egal ob Frauen oder Männer. Diese Welle ist ohne Ankündigung und beispiellos. So ein Rausschmiss von Expertise ist beispiellos.“ Junge Kollegen, die 15 bis 20 Prozent weniger verdienten, würden dafür „ins Fegefeuer“ geworfen. Wer arbeite, sei dem absoluten Kon­trollwahn ausgesetzt. „Wenn man die Ergebnisse sieht, fragt man sich, warum der Aufwand?“ Dominik Graf habe unlängst den schönen Satz geprägt: Entweder man macht Filme, oder man macht Content.

Die Verzweiflung muss groß sein, wenn namhafte Regisseure zu einem flammenden Appell greifen. „Ich wünsche mir eine Belebung der gesamten Landschaft“, sagt Oetzmann, „dass sich die Öffentlich-Rechtlichen dazu bekennen, interessante Geschichten zu erzählen, dass sie aus dieser Eintönigkeit ausbrechen und Formaten eine Chance geben, die es wert sind, gemacht zu werden.“

Auf zehn Punkte bringt der Regieverband seine Wünsche für faires Miteinander im Aufruf „Regie Jetzt!“. Am heutigen Mittwoch stellt der Verband sein Papier auf einem medienpolitischen Forum in Zusammenarbeit mit der VG Bild-Kunst in der Hessischen Landesvertretung in Berlin zur Diskussion.

Quelle: F.A.Z.
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