„Cinderella“ bei Amazon

Schmeiß die ererbten Privilegien weg!

Von Heike Hupertz
13.09.2021
, 14:00
Freundinnen: Aschenputtel (Camila Cabello) und ihre gute Fee (Billy Porter)
Wer braucht schon Dramaturgie? Bei Amazon wird „Cinderella“ als bunte Sause mit hinreißenden Choreographien inszeniert.
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Es war einmal ein berühmtes, vielfach be­arbeitetes Märchen, in dem fabulöses Schuhwerk und glamouröse Kleider eine große Rolle spielten, das also nur aus dem Land der späteren Haute Couture kommen konnte. „Cendrillon“ von Charles Perrault spielte aber in einem fernen Reich ganz weit weg und ganz lang her. Die traditionelle Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern antizipierte freilich die Fünfzigerjahre. Frauen hatten kaum Besitz (außer ihrer wertvollen Tugend) und mussten in Ohnmacht fallen, sobald ein zukünftiger Ernährer vor ihnen stand. Denn einmal erwählt, stand der wirtschaftlichen Vollabsicherung mit lebenslanger Unterhaltsgarantie nichts mehr im Weg. Wer Königin war, blieb Königin. Der Preis war die Verwandlung eigentümlicher weiblicher (Souterrain-)Existenz zum maßgeschnürten Kleiderständer. Mit spleenigen, garstigen Ladys wie den beiden Stiefschwestern vom Aschenputtel wollte kein echter Kerl etwas zu tun haben.

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Höchstens in der tschechischen Ro­mantik-Filmausgabe „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ durfte die Braut in spe einstweilen schlauer sein als ihr Prinz, dem schon Lesen ein Graus war. Sie durfte schneller reiten und besser schießen können. Liebreiz war aber weiterhin Pflicht. Für die Bühne bearbeitet sah „Cinderella“ seit Prokofjew schon anders aus. In seinem Handlungsballett tanzt sich das Mädel im Keller mit dem Besen einen Wolf, während die musikalisch eindrucksvollsten schrägen Themen den hier auch sexuell zielgerichteten Stiefschwestern vorbehalten sind. Wer je eine der ur­komischen diversen „Cinderella“-Inszenierungen des Royal Ballet London mit Sir Frederick Ashton und Robert Helpmann als Drag-Schwestern gesehen hat, bleibt wie durch LGBTQ-Zauberkräfte gebannt – trotz der traumhaften Margot Fonteyn in der Rolle der Cinderella.

Nach mehreren hauptsächlich coronabedingten Verschiebungen und dem endgültigen Aus für das Kino gibt es bei Amazon Prime nun eine neue leidlich lus­tige, divers besetzte, Selbstbestimmung feiernde Musicalversion von „Cinderella“ zu sehen. Zumindest mittelbar kann die britische Produktion auch als Kommentar zu den aktuellen Verwerfungen im Königshaus interpretiert werden.

Camila Cabello ähnelt Meghan Markle

Ausgedacht hat sie sich der britische Ko­miker und Moderator James Corden, der im Film auch in der Rolle einer der drei Mäusefreunde von Cinderella zu sehen ist. Corden hat mit „Carpool Ka­raoke“, wo er mit Stars im Auto quatscht und singt, ein äußerst erfolg­rei­ches Un­terhaltungsformat erfunden. Mit Freund und Neu-Amerikaner Prince Harry fuhr er allerdings vor einiger Zeit lieber mit dem Touristenbus durch Los Angeles und quetschte ihn über seine Zu­kunfts­vor­stellungen, die werte Oma und das Kö­nigreich aus. Wen wundert es, dass das von Corden auch produzierte „Cin­de­rel­la“-Musical mit der Popsängerin Ca­mila Cabello eine Hauptdarstellerin hat, die Meghan Markle ziemlich ähnlich sieht?

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Dieser „Cinderella“-Film ist eine ziemlich unsubtile, mit ansehnlichen Gruppenchoreographien (von Ashley Wallen) bestückte bunte Sause mit lauter lauten „Ich möchte mein Leben so leben, wie ich es will“-Botschaften. Botschaften, die nicht nur das willensstarke Aschenputtel, das lieber Klamottendesignerin und „Bu­sinesswoman“ als Königin werden will, ganz undiplomatisch sendet, sondern vor allem auch ihr Prinz, der etwas farblose Robert (Nicholas Galitzine). Der dem lächerlich steifen Vater Charles, äh, König Rowan (Pierce Brosnan) und seiner Königin (Minnie Driver) den Ornat vor die Füße schmeißt, um mit Aschenputtel sein ganz eigenes Ding in Übersee zu wuppen.

Während ihre Roben bestenfalls gut ver­käufliches Prêt-à-porter sind, bezaubert die fabulöse Fee (Billy Porter) mit einer Kreation aus Disco-Revival-Glitzeranzug unterm leuchtenden Sa­tin­kleid. Als Stiefmutter glänzt gesanglich Musicaldarstellerin Idina Menzel, die Stiefschwestern geben Maddie Baillio und Charlotte Spencer. Mit passend eingefügten Songs von Janet Jackson, Freddie Mercury, Ed Sheeran, Gloria Estefan und vielen anderen, ergänzt wird die Liste durch ein paar inklusive Klassikhäppchen von Schubert, Vivaldi, Mozart und Bartók (Score Mychael Danna, Jessica Rose Weiss), legt man kaum Wert auf Dra­­maturgie. Gospelchor und Brass Band (mit dem charismatischen „Stadtausrufer“ Ben Bailey Smith) tönen dazu mit Inbrunst und Fanfaren: Mach dich locker und sei, wer du bist. Schmeiß die ererbten Privilegien weg. Deine emanzipierte Frau wird dich schon ernähren. Sie hat die Connections, die dir zum Lebensglück noch fehlen. Gedreht wurde die Num­­mernrevue übrigens nicht auf Schloss Windsor, sondern in den englischen Pinewood Studios.

„Cinderella“ läuft bei Amazon Prime Video.

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Quelle: F.A.Z.
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