Corona-Fonds fürs Fernsehen

Ohne die Sender bewegt sich nichts

Von Helmut Hartung
Aktualisiert am 14.08.2020
 - 15:04
Mit Mikro und Maske in Corona-Zeiten: Die Schauspieler Axel Prahl (Mitte) und Jan Josef Liefers beim Interview zu den Dreharbeiten für den „Tatort“.
Der Ausfallfonds für Film und Fernsehen lässt auf sich warten. Amazon macht schon mal mit. ARD und ZDF aber sehen nur den Staat in der Pflicht. Ein Gastbeitrag.

Die Einrichtung eines Ausfallfonds für Kino- und Fernsehproduktionen scheint eine unendliche Geschichte zu werden. Ausgang ungewiss. Während der Bund inzwischen handelt, die Bundesländer zögerlich reagieren, Plattformen Unterstützung signalisieren, lehnen die Sendergruppen eine angemessene Beteiligung weiterhin unisono ab.

Seit Monaten appelliert die Filmwirtschaft an die Bundesregierung, die Länder und Sender, einen Sicherungsfonds zu schaffen, der das Risiko abfedern soll, wenn Dreharbeiten durch die Corona-Pandemie unterbrochen oder ausgesetzt werden müssen. So verweisen aktuell 39 Verbände und Organisationen der Film- und Fernsehbranche auf eine „massive Gefährdung der Wirtschaftskraft der deutschen Film- und Fernsehindustrie – sowie eine existentielle Bedrohung für die ohnehin von den Corona-Folgen stark betroffenen Produzenten, Distributoren und anderen Film-und Fernsehschaffenden“. Da Versicherungen für solche Schadensfälle nicht aufkommen, tragen bisher die Sendergruppen fünfzig Prozent der Ausfallkosten, allerdings befristet. Zwar sieht das Rettungspaket „Neustart Kultur“, das am 3. Juli vom Bundestag beschlossen wurde, auch fünfzig Millionen Euro für einen solchen Ausfallfonds vor, doch das Konzept der Kulturstaatsministerin berücksichtigt ausschließlich Kinoproduktionen und High-End-Serien, die vom Bund oder der Filmförderungsanstalt gefördert worden sind. Fernsehproduktionen, die etwa achtzig Prozent des Produktionsvolumens ausmachen, und Kinofilme, die von den Ländern bezuschusst werden, sind hier nicht einbezogen. Neben dem Ausfallfonds des Bundes soll deshalb ein zweiter Fonds durch die Länder, Sender und Plattformen etabliert werden.

Der Vorschlag der Produzentenallianz für den Ausfallfonds II sieht vor, dass dieser „alle Auftragsproduktionen, geförderten TV-Produktionen sowie von Länderförderinstitutionen majoritär geförderte Kinoproduktionen, soweit sie nicht durch den BKM-Ausfallfonds abgedeckt sind“, erfasst. Es sollen Schäden während der Drehphase, einschließlich der Postproduktion sowie in der Entwicklungsphase vor Drehbeginn, erfasst und nur Produktionsbetriebe berücksichtigt werden, die ihren Sitz in Deutschland haben. Die Produzenten sollen mit 2,5 Prozent, mindestens jedoch mit zehntausend und maximal mit fünfzigtausend Euro pro Schadensfall, beteiligt werden. Nachgewiesene Ausfallkosten sollen als nicht rückzahlbarer Zuschuss beziehungsweise als Darlehen gewährt werden. Die Produzentenallianz schlägt für die Finanzierung des Ausfallfonds II vor, dass sich Länder und Sender jeweils zu fünfzig Prozent beteiligen. Die Sendermittel sollen nur für Produktionen der jeweiligen Sendergruppe zur Verfügung stehen. Gleiches gelte für den Beitrag der Plattformen. Insgesamt sollen mindestens hundert Millionen Euro aufgebracht werden.

In einer Telefonkonferenz haben die Rundfunkreferenten der Länder am Mittwoch über diesen Vorschlag debattiert und ihn, so beurteilt es die Produzentenallianz, „wohlwollend und aufgeschlossen“ bewertet. Bisher liegen Zusagen von vier Bundesländern vor, weitere wollen den Fonds, so war nach der Konferenz zu hören, mitfinanzieren. Allerdings besteht ein eindeutiger Vorbehalt: Wenn sich die Sender nicht angemessen beteiligen, werde es den Ausfallfonds II nicht geben, sagte ein Konferenzteilnehmer. Man könne die Risiken von Fernsehproduktionen nicht sozialisieren, aber die möglichen Gewinne privatisieren.

Aus mehreren Staatskanzleien ist zu hören, es werde sich nichts bewegen, wenn die Sendergruppen nicht fünfzig Prozent der Schadenskosten übernehmen. Diesen Anteil leisteten sie auch heute bereits. Besondere Erwartungen richten sich an die öffentlich-rechtlichen Sender. Doch sowohl die ARD als auch das ZDF haben erklärt, dass sie „den Staat in der Pflicht“ sehen, einen Notfallfonds zu schaffen.

Den Staat in der Pflicht für die Absicherung ihres, von Beitragszahlern finanzierten, Programms? Da eine Mitfinanzierung des Fonds unmittelbar der Programmbeschaffung dient, könnten dafür durchaus verfassungskonform Beitragsmittel eingesetzt werden. Während auch Pro Sieben Sat 1 eine Unterstützung bisher ablehnt, hat RTL einen Zehn-Prozent-Anteil ins Spiel gebracht. Doch der vom Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft Ufa, Nico Hofmann, und dem Programmgeschäftsführer der Mediengruppe RTL, Henning Tewes, in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 5. August) kreierte Vorschlag, „dass Produzent und Sender je zehn Prozent an der angemeldeten und in einem verbindlichen Prüfverfahren nach Vorbild des Kinofonds anerkannten Schadenssumme zahlen“, ist für die Länder und die Mehrheit der Produzenten wohl nicht akzeptabel. Denn damit würden vor allem kleinere Unternehmen zu stark belastet und die Auftraggeber politisch nicht vertretbar entlastet.

Im Unterschied zu den Sendergruppen hat Amazon Studios eine Beteiligung an einem Ausfallfonds inzwischen bestätigt. Auch ein anderer bedeutender Streaminganbieter hat seine Bereitschaft erklärt, einen Hilfsfonds mitzufinanzieren. Amazon will auch in anderen europäischen Ländern eine entsprechende Schadensregulierung unterstützen.

Nach wie vor ist auch nicht geklärt, wie das erhoffte Geld der Bundesländer aufgeteilt werden soll. Kulturstaatsministerin Monika Grütters erwartet, dass sich die Länder an dem von ihr finanzierten Fonds beteiligen, so dass nur ein Teil der regionalen Mittel letztendlich in den Ausfallfonds II fließen könnten.

Doch selbst der Ausfallfonds des Bundes, der ursprünglich am 15. August starten sollte, lässt noch auf sich warten, da die Produzentenallianz substantielle Einwände gegen den Entwurf geltend macht. So sei die Beschränkung auf Produktionsstörungen in Deutschland nicht geeignet, für Produzenten und Geldgeber die Absicherung bereitzustellen, der es bedarf, um eine Rückkehr zu einer starken Produktionstätigkeit zu gewährleisten. Es sollten, so die Produzentenallianz, wie bei der österreichischen Regelung auch Auslandsschäden, die in die Finanzierungsverantwortung des deutschen Produzenten fallen, vom Ausfallfonds abgedeckt werden. Auch die vorgesehene Selbstbeteiligung von zehn Prozent wird kritisiert. Im Ausland bereits realisierte Ausfallfonds sähen eine solche Selbstbeteiligung nicht vor.

So ist unklar, wann es eine Absicherung für Kino- und Fernsehproduktionen gibt und ob sie ausreichen wird. Verhandlungen, an denen so viele Partner beteiligt sind, verlaufen meist schwierig. Das ist am Streit über einen Hilfsfonds für die Filmwirtschaft an sich nicht ungewöhnlich. Aber es ist Eile geboten. Die Infektionszahlen steigen wieder. Und generell müsste das gemeinsame Interesse an einer kulturell und wirtschaftlich prosperierenden Film- und Fernsehwirtschaft zu mehr Handlungswillen und Kompromissbereitschaft führen.

Helmut Hartung ist Chefredakteur des Blogs medienpolitik.net.

Quelle: F.A.Z.
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