Das Jahr 2020

Von JULIA BÄHR · 30.12.2020
Foto: AFP

Die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate wären sogar als Fernsehserie verstörend gewesen. Aber wie hätte der Pitch dazu ausgesehen? Und welche Kritikpunkte hätte die Produktionsfirma geäußert?



Danke für die Übersendung Ihrer Ideen zu einer Endzeitserie namens „2020“. Das Konzept zeigt Potential! Wir sehen den Stoff primär im Fernsehen als Serienformat, allerdings müssten die angemerkten Punkte noch überarbeitet werden. 

Episode 1: „Januar“

Silvester. In einer Stadt am Niederrhein lässt eine Mutter mit ihren Töchtern Himmelslaternen steigen, um das neue Jahr zu begrüßen. Schwarzblende, wir sehen Hunderte Menschen an einem australischen Strand stehen, mitten unter ihnen ein Pferd. [Warum denn ausgerechnet ein Pferd? Hund wäre plausibler.] Ein Erzähler berichtet von Buschbränden. Zurück am Niederrhein sehen wir, wie eine der Himmelslaternen im Zoo landet und das Affenhaus Feuer fängt. Schnitt auf eine Zeitung mit einem großen Bericht über die einzigen beiden überlebenden Affen. Zoom auf eine unbedeutend wirkende Meldung daneben: Im chinesischen Wuhan ist eine neuartige Viruskrankheit ausgebrochen.[Solche Ortsnamen sagen niemandem was, die kann sich auch keiner merken für später, besser: Peking oder Schanghai.]

Warum denn ausgerechnet ein Pferd? Hund wäre plausibler.

Solche Ortsnamen sagen niemandem was, die kann sich auch keiner merken für später, besser: Peking oder Schanghai.

Episode 2: „ Februar“

Stadtansicht von Bagdad. Plötzlich fallen kleine Flocken aus dem Himmel, werden immer dicker: Es schneit. In den Nachrichten wird erklärt, dass das erst das zweite Mal seit einem Jahrhundert ist. Szenenwechsel nach Ostafrika: Milliarden Heuschrecken schwirren über die Felder [Biblische Plagen sind etwas abgedroschen, finden Sie nicht?] und fressen die Ernten auf. Rasante Orchestermusik. Somalia erklärt den nationalen Notstand. Schnitt auf einen Computerbildschirm: Auf mehreren Websites, die nicht für fundierte Recherche berühmt sind, wird von einem unbekannten Flugobjekt berichtet. Es soll etwa so groß sein wie ein Bus und längere Zeit der Raumstation ISS gefolgt sein. Die Berichte lösen in Foren allerlei Theorien über Aliens aus. [Ist ja ganz originell, aber wann treten denn nun die Hauptfiguren auf? Gibt es etwa keine begleitende Liebesgeschichte?]

Biblische Plagen sind etwas abgedroschen, finden Sie nicht?

Ist ja ganz originell, aber wann treten denn nun die Hauptfiguren auf? Gibt es etwa keine begleitende Liebesgeschichte?

Episode 3: „März“

Unterdessen hat das Virus sich in der ganzen Welt ausgebreitet. [Zu zügig, dieser Plot sollte sich besser langsam entwickeln.] Deutschland schließt Schulen, Geschäfte und Restaurants sowie die Grenzen zu seinen Nachbarländern. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Wie sich herausstellt, stammt das Virus wahrscheinlich von einer infizierten Fledermaus und wird hauptsächlich über kleinste Tröpfchen, sogenannte Aerosole, übertragen. Wir sehen eine Frau allein am Küchentisch sitzen und den Podcast eines Virologen hören, der die neuesten Entwicklungen erklärt.[Aber das wird endlich die Liebesgeschichte, nicht wahr?] Zoom auf den Kalender im Hintergrund, von dem schnell ein Blatt nach dem anderen abfällt.

Zu zügig, dieser Plot sollte sich besser langsam entwickeln.

Aber das wird endlich die Liebesgeschichte, nicht wahr?

Episode 4: „April“

Pressekonferenz in Washington: Der amerikanische Präsident erklärt, dass sein Land die Beitragszahlungen an die Weltgesundheitsorganisation stoppen werde. [Mitten in einer Pandemie? Unglaubwürdig.] Das Pentagon veröffentlicht drei kurze Videos, das „unbekannte Luft-Phänomene“ zeigt, die sich schnell vorwärtsbewegen. In den Videos sind die fassungslosen Reaktionen von Mitarbeitern über die Geschwindigkeit der Objekte zu sehen. Szenenwechsel, Kanada: Ein Radioteleskop empfängt zwei kurze Radioblitze. [Sehr gut, wie hier die Spannung vor einer Alien-Invasion weiter aufgebaut wird!] Zurück nach Washington, die nächste Pressekonferenz: Der Präsident schlägt vor, das Virus zu bekämpfen, indem man Patienten Desinfektionsmittel injiziert und sie UV-Licht aussetzt. [Na, na. Selbst wenn er als Witzfigur angelegt ist, darf man nicht übertreiben!]

Mitten in einer Pandemie? Unglaubwürdig.

Na, na. Selbst wenn er als Witzfigur angelegt ist, darf man nicht übertreiben!

Episode 5: „Mai“

Nordindien. Ein Mann wird von Affen angegriffen, die ihm einen kleinen Karton klauen und damit in die Bäume klettern. Die Rückblende zeigt, dass der Mann in einem Labor arbeitet und drei Blutproben von Patienten eingepackt hatte, die positiv auf das Virus getestet wurden. [Bisschen „Planet der Affen“, oder?] Schnitt auf die Affen, die den Karton aufgebissen haben und mit den Blutproben werfen. Szenenwechsel ins Silicon Valley: Wir lernen einen Unternehmer kennen, der regelmäßig Satelliten in die Erdumlaufbahn schießt für ein Projekt namens „Starlink“ [Das gab’s doch schon mal in „Terminator“.] , das die ganze Welt umspannen soll. Seine Popstar-Freundin bekommt ein Baby, und die beiden einigen sich auf einen Namen, den sie den Medien mitteilen: X Æ A-12 [Das ist nicht die Liebesgeschichte, die wir uns vorgestellt hatten!] Während sie das Baby in den Schlaf wiegen, hören sie im Radio eine Warnung vor mehr als fünf Zentimeter großen Killerhornissen die in Amerika gesichtet wurden. [Das kommt jetzt doch sehr unvermittelt.]

Bisschen „Planet der Affen“, oder?

Das gab’s doch schon mal in „Terminator".

Das ist nicht die Liebesgeschichte, die wir uns vorgestellt hatten!

Das kommt jetzt doch sehr unvermittelt.


Episode 6: „Juni“

Ein veganer Koch steht im Berliner Regierungsviertel und behauptet, die Bundeskanzlerin plane gemeinsam mit einem amerikanischen Milliardär einen Völkermord. Er verkündet, er sei „hier bald der neue Staatschef“, und äußert den Verdacht, das Trinkwasser sei vergiftet, um die Bevölkerung ruhig zu stellen. Militärische Unterstützung erhofft er sich von der Bundeswehr. [Wir haben doch schon den amerikanischen Präsidenten als Witzfigur, reicht das nicht?] Szenenwechsel, wir sehen die Kleinstadt Werchojansk im Norden Sibiriens, deren viel zu dick angezogene Bewohner fassungslos auf ein Thermometer schauen, das 38 Grad Celsius anzeigt [Heillos übertrieben, aber gut, den Klimawandel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.] Nächste Szene, Delhi: Heuschreckenschwärme fallen in die Stadt ein, besetzen Kinderspielplätze und fliegen durch U-Bahnstationen. [Jetzt ist aber genug mit den biblischen Plagen.] Der Lärm der flatternden Heuschrecken wird übergeblendet in den Lärm randalierender Menschen, die durch die Innenstadt von Stuttgart ziehen und Geschäfte plündern. [In Stuttgart? Stuttgart?! Hahaha.]

Wir haben doch schon den amerikanischen Präsidenten als Witzfigur, reicht das nicht?

Heillos übertrieben, aber gut, den Klimawandel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Jetzt ist aber genug mit den biblischen Plagen.

In Stuttgart? Stuttgart?! Hahaha.

Episode 7: „Juli“

Wir sehen im Zeitraffer, wie auf einem Platz in den noblen Hamptons eine Bühne aufgebaut wird. Panoramaaufnahmen zeigen das Meer im Hintergrund. Es wird dunkel. Hunderte Autos fahren vor, auf dem Platz beginnt ein Konzert. Immer mehr Menschen steigen aus und versammeln sich vor der Bühne, um zu tanzen. [Moment, ist die Pandemie jetzt vorbei? Erklärungsbedürftige Szene.] Schwarzblende, dann sehen wir einen Zeitungsartikel: In der Mongolei ist ein Teenager an der Beulenpest erkrankt. [Ernsthaft, das mit diesen ganzen Krankheiten und Tieren ist doch sehr verwirrend!] Zweiter Auftritt des Unternehmers mit den Satelliten und dem Baby: Er twittert, offensichtlich hätten Aliens die Pyramiden gebaut. In einer spiegelgleich aufgebauten Szene tritt ein erratisch agierender Rapper auf, der twittert, dass er noch in diesem Jahr als amerikanischer Präsident kandidieren will. [Wie viele Figuren von dieser Sorte sollen denn noch auftauchen? Und warum sind sie alle männlich?!]

Moment, ist die Pandemie jetzt vorbei? Erklärungsbedürftige Szene.

Ernsthaft, das mit diesen ganzen Krankheiten und Tieren ist doch sehr verwirrend!

Wie viele Figuren von dieser Sorte sollen denn noch auftauchen? Und warum sind sie alle männlich?!


Episode 8: „August“

Die Straßen von Minsk: Das Volk protestiert, tausende Demonstranten werden verhaftet, während der Präsident von Belarus trotz Hinweisen auf Wahlbetrug weiterhin darauf beharrt, er habe die Wahlen gewonnen. Schnitt auf eine ganz andere Demonstration: In Berlin demonstrieren Menschen, die sich nicht an die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus halten wollen. Mehrere hundert Menschen durchbrechen die Absperrung zum Reichstag und stürmen auf die Stufen. Reichsflaggen wehen durchs Bild. [Uff, das ist zwar actionreich, aber doch ganz schön heikel.] Szenenwechsel: Die Umweltschutzbehörde von Florida bestätigt, dass sie 750 Millionen genveränderte Moskitos freilassen wird, um das Moskitoproblem zu lösen. [Ja klar, was könnte da schon schiefgehen?]

Uff, das ist zwar actionreich, aber doch ganz schön heikel.

Ja klar, was könnte da schon schiefgehen?


Episode 9: „September“

Panoramaaufnahmen eines kalifornischen Naturparks, Büsche, trockenes Gras. Eine schwangere Frau und ein Mann mit mehreren Kindern sind zu sehen. Heitere Flötenmusik. Dann sehen wir eine weitere Person, die Pyrotechnik zündet, während die werdenden Eltern gespannt zusehen. [Wird das so eine Gender Reveal Party? Bitte nicht.] Blauer Rauch und Flammen greifen um sich. Die Erwachsenen versuchen das Feuer mit Wasser aus Flaschen zu löschen. Schwarzblende. Feuerwehrleute sind in brennenden Wäldern im Einsatz [Das war so klar.] Schwarzblende. Die Golden Gate Bridge liegt in gespenstischem orangeroten Licht. Szenenwechsel, Japan: Ein achtzehn Meter hoher Roboter, der aussieht wie eine Anime-Figur, gestikuliert, kniet sich hin und steht wieder auf. [Wozu?!?] Ein Fernsehbericht warnt die Einwohner einer texanischen Stadt vor einer Amöbe im Leitungswasser, die das Gehirn angreift. Schnitt – wir sehen mehrere Archäologen, die bei einer Grabung knapp dreißig geschlossene Sarkophage finden und bergen. [Nicht auch das noch. Die bleiben aber zu, oder?]

Wird das so eine Gender Reveal Party? Bitte nicht.

Das war so klar.

Wozu?!?

Nicht auch das noch. Die bleiben aber zu, oder?

Episode 10: „Oktober“

Palmen, Strand, Meer, eine kleine Insel im Pazifik: Eine Gruppe offensichtlich sehr reicher und sehr schöner Menschen feiert den Geburtstag einer Unternehmerin. [Ist die Pandemie jetzt vorbei?] Harter Schnitt auf eine Elektroband, die einen Song mit der Hookline „I don’t give a penny / Fuck 2020“ spielt. Die Musik läuft weiter, zweiter Auftritt der Archäologen in Ägypten: Mittlerweile sind sie umgeben von etwa hundert Särgen, die sie aus der Erde gegraben haben. Langsam öffnen die Forscher einen der Sarkophage. Darin befindet sich eine Mumie. [Ja was denn sonst!] Der zuständige Minister tritt anschließend vor die Presse und verkündet, die Mumie sehe aus, „als wäre sie erst gestern mumifiziert worden“. Schnitt in den Weltraum, Computeranimation: Ein Planet trudelt quer durch die Galaxie. [Ist das das Gefährt der Aliens? Wann kommen die denn endlich?]

Ist die Pandemie jetzt vorbei?

Ja was denn sonst!

Ist das das Gefährt der Aliens? Wann kommen die denn endlich?


Episode 11: „November“

Eine Nerzfarm in Dänemark, wir sehen Flausch in Käfigen, aber die Tiere wirken nicht gesund. Dann tritt die Regierungschefin vor Kameras und erklärt, die Nerze seien an einer mutierten Form des Virus erkrankt. Alle Pelzfarmen des Landes müssen ihre Nerze töten, es handelt sich um etwa 17 Millionen Tiere. [So ein Quatsch, kein Mensch trägt doch heute mehr Pelz.] Szenenwechsel in die Wüste von Utah, wir hören Rotorenblätter: Bei einem Überflug mit dem Hubschrauber entdecken Wildhüter einen Monolith aus Metall. Bald darauf verschwindet er spurlos. Später tauchen ähnliche Monolithen in verschiedenen Gegenden der Welt auf. [Total öde, was soll das sein, ein Marketing-Gag für Energydrinks?] Wir kommen zurück zu den Radioblitzen aus Episode 4: Forscher geben bekannt, dass die Radioblitze aus unserer eigenen Galaxie stammen. Absender scheint ein sogenannter Magnetar zu sein, eine schnell rotierende Sternleiche [Was es nicht alles gibt, ne.] Schnitt nach Washington, wo der Präsident der Vereinigten Staaten trotz fehlender Hinweise auf Wahlbetrug darauf beharrt, er habe die Wahlen gewonnen, während alle Zahlen ganz anders aussehen. [Wir haben doch schon einen Staatsstreich in Belarus, kein Mensch braucht zwei davon!] Sein Anwalt gibt eine Pressekonferenz dazu: Schauplatz ist der Parkplatz einer Landschaftsgärtnerei neben einem Sexshop. [Machen die so was nicht in Nobelhotels, im Four Seasons oder so?]Zurück nach Dänemark, wir sehen ein Militärgelände, in dem die Nerze begraben wurden. Fäulnisgase treiben sie wieder an die Erdoberfläche. [WTF, jetzt auch noch Zombie-Nerze?! Bisschen viel für einen Monat!]

So ein Quatsch, kein Mensch trägt doch heute mehr Pelz.

Total öde, was soll das sein, ein Marketing-Gag für Energydrinks?

Was es nicht alles gibt, ne.

Wir haben doch schon einen Staatsstreich in Belarus, kein Mensch braucht zwei davon!

Machen die so was nicht in Nobelhotels, im Four Seasons oder so?

WTF, jetzt auch noch Zombie-Nerze?! Bisschen viel für einen Monat!

Episode 12: „Dezember“

Die letzte Episode beginnt mit einem Erdbeben in Tübingen. [Hä?] Ein Nachrichtensprecher berichtet, dass in diesem Jahr keine Feuerwerkskörper verkauft werden dürfen, weil die Krankenhäuser durch das Virus ohnehin stark belastet sind. Dann optimistische Orchestermusik, wir sehen große Hallen, in denen die Briten als erste gegen das Virus geimpft werden. [Gibt’s etwa ein Happy End?] Einer von ihnen ist William Shakespeare. [Haha, klar] Bald darauf schließen zahlreiche Länder ihre Grenzen für Einreisende aus Großbritannien, weil dort ein neuer Virenstamm aufgetaucht ist, der in einer ersten Einschätzung als besonders ansteckend gilt. [Ja gut, vergesst das Happy End] Stimmungsvolle Bilder von gelegentlich hustenden Menschen im Kreise ihrer Familie unterm Weihnachtsbaum. Schnitt, ein Paar steht nachts mit Sektgläsern und mit Partyhüten vor seinem Haus und schaut auf die dunkle Wiese. Plötzlich explodieren am Himmel bunte Lichter. Ein Ufo landet auf der Wiese. Ihm entsteigen Aliens, die sofort anfangen, die Menschheit anzugreifen. [Na endlich! Das ganze Zeug vorher nimmt uns keiner ab, aber hier wird es richtige Science-Fiction!]

Hä?

Gibt’s etwa ein Happy End?

Haha, klar.

Ja gut, vergesst das Happy End.

Na endlich! Das ganze Zeug vorher nimmt uns keiner ab, aber hier wird es richtige Science-Fiction!


 

30.12.2020
Quelle: F.A.Z.