Film-Festival Cologne

Besser war Fernsehen nie

Von Oliver Jungen
30.10.2021
, 14:05
Wenn Steve McQueen eine Serie dreht, ist Hautfarbe einerlei: Szene aus  „Small Ace“.
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Triumphaler Bilderrausch: Das Kölner Film Festival zeigt, dass sich das mit dem Kino verschmelzende Fernsehen auf dem Zenit seines Könnens befindet. Dass es dabei auch zu politischen Diskussionen kommt, ist zu erwarten.
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Ganz so berauschend wie in „Lovers Rock“, einer der Episoden von Steve McQueens wuchtiger „Small Axe“-Dramaserie über das – durchaus auch gute – Leben schwarzer Briten in den Sechzigern, ging es bei der pompösen Abschlussparty des Film Festival Cologne dann doch nicht zu, vielleicht auch, weil Oscar-Preisträger Steve McQueen, der den diesjährigen Kölner Filmpreis erhielt, nach kurzen, starken Dankesworten fast fluchtartig das herausgeputzte Kölner E-Werk verließ. Ihn hat, das wurde deutlich, die zentrale Laudatio von Auma Obama genervt, nicht ganz zu Unrecht. Obama sollte die Bedeutung von McQueens Filmschaffen für „Black Lives Matter“ thematisieren, hielt aber eine aktivistische Rede, in der sie darauf abhob, dass es Schwarze in eine neue Abhängigkeit treibe, wenn Weiße den Kampf für sie führen wollen und bei „Black Lives Matter“ mitmarschierten. „All Lives Matter“, das gelte es zu reklamieren. Auf McQueen ging sie nur mit den Worten ein, davon handelten seine Filme, wenn sie richtig verstehe.

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Steve McQueen widerspricht

Das sah der Preisträger ganz und gar nicht so. „I don’t give a shit“, war seine Reaktion. Er habe einfach der bestmögliche Filmemacher werden wollen. Allein das filmische Können seiner Schauspieler und Kollegen sei für ihn entscheidend, Hautfarbe in keiner Weise: „Excellence. Other than that I’m not fucking interested.“ Und in der Tat, „Lovers Rock“, ganz im karibischen Rhythmus schwingend und rollend, ist ein Wunder von Film und Meisterwerk der Exzellenz. Aus so intimer Nähe fängt das Quasi-Musical eine einzige Party in Notting Hill ein, übersetzt alle Spannung und Erotik, allen Übermut in einen Bilderrausch, dass die Zuschauer tatsächlich dort sind, trinken, tanzen, knutschen und mit der Heldin am Morgen verschwitzt und verknallt nach Hause laufen. An Hautfarben denkt dabei niemand.

Mit der Laudatio von Auma Obama war er nicht einverstanden: Steve McQueen.
Mit der Laudatio von Auma Obama war er nicht einverstanden: Steve McQueen. Bild: 2018 Twentieth Century Fox, Foto: John Russo

Der Film war einer der Höhepunkte des wieder unter der Leitung von Martina Richter stehenden Festivals. Und das soll etwas heißen, denn so stark wie diesmal war selten eine Ausgabe der vor dreißig Jahren als Cologne Conference gegründeten Veranstaltung, die von Beginn an – zunächst ein wenig belächelt – einen starken Akzent auf Fernsehproduktionen und Serien gelegt hat.

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An dem Qualitätssprung haben sicher auch die enormen Budgets und die gestiegene Bedeutung der Kölner Veranstaltung ihren Anteil (inzwischen feiern reihenweise deutsche und internationale Top-Produktionen hier ihre Premieren), aber die Eruption an Kreativität und Energie kann das allein nicht erklären. Es ist vielmehr, als spiele sich eine ganze Branche befreit aus der Pandemie heraus.

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© YouTube/Amazon Prime Video

Gehörigen Eindruck hinterließen die oft mit deutscher Beteiligung realisierten Serien, etwa die norwegisch-deutsche Serie über eine rechtsradikale Verschwörung, „Furia“ (ZDF), oder Hermine Huntgeburths tragikomische Underdog-Komödie „Die Wespe“ über einen strauchelnden Dart-Profi (Sky); beide Produktionen haben der Brillanz Ulrich Noethens einiges zu verdanken. Zweifellos sehenswert sind auch Valérie Donzellis humorvolles italienisch-deutsches Porträt einer Familie aus starken, hinreißenden Frauen, „Nona und ihre Töchter“ (Arte), sowie die britischen Crime-Miniserien „Deceit“ von Niall MacCormick (eine Polizistin als Köder für einen Sexualstraftäter) und „Too Close“ von Sue Tully (eine forensische Psychologin verliert sich im Leben ihrer Patientin, die des Kindsmordes angeklagt ist).

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© YouTube/Viaplay Norge

Freuen dürfen wir uns auf die neue Staffel von „Parlament“ (ONE), der gutgelaunten französisch-deutschen Serie über das EU-Parlament, aus der einige zu platte Klischees entfernt wurden. So habe man, sagten die Macher, die Bierkrüge aus dem Regal der deutschen Delegation geräumt. Auch die für den WDR mit Max Riemelt und Mercedes Müller entstehende Thrillerserie „Bonn“, die von der Gründung des Bundesnachrichtendiensts aus dem Geiste des noch nicht ganz überwundenen Nationalsozialismus – Stichwort Organisation Gehlen – erzählt, wirkt den ersten Bildern zufolge etwas komplexer als übliche historische Fernsehdramen. Serienautorin Claudia Garde, Max Riemelt und WDR-Redakteur Götz Schmedes überboten sich mit Betonungen, welche Konzentration man den Zuschauern abverlange. Nebenbei schauen sei hier nicht möglich.

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Georgiens reichster Mann und die Bäume

Neben den Serien stachen diesmal vor allem die Dokumentationen heraus. Zu nennen ist „Taming the Garden“ von Salomé Jashi, worin ein surreales, absurdes Projekt in majestätische, poetische Bilder übersetzt wird. Der ehemalige Premierminister und wohl reichste Mann Georgiens, Bidsina Iwanischwili, ließ über Jahre im ganzen Land (und darüber hinaus) große, wohlgeformte Bäume aufkaufen und mit gewaltigem Aufwand in seinen Garten am Meer versetzen.

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Drei Jahre lang hat die Filmemacherin die Arbeiten begleitet. Wir sehen, wie die hohen Entschädigungssummen ganze Dörfer spalten. Den Verlust eines Baums, unter dem Generationen heranwuchsen, macht Geld eben nicht wett. Erik Winker, einer der Produzenten, berichtete, dass es viele Versuche Iwanischwilis gab, Einfluss auf den Film zu nehmen, die alle abgewehrt werden konnten. Jetzt kommt dem elegischen Film, der an keiner Stelle agitiert, im Land eine seltene politische Wirksamkeit zu. Nach der Kinoauswertung wird er im Schweizer Fernsehen und bei Arte zu sehen sein.

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Film der Stunde kommt aus Afghanistan

Mit staunenswertem Material wartet Liz Garbus in „Becoming Cousteau“ auf. Sie porträtiert den berühmtesten aller Meeresforscher, der spät zum Umweltaktivisten wurde, durchweg anhand von Originalaufnahmen aus allen, auch den frühesten Zeiten. In „Ascension“ wiederum zeigt Jessica Kingdon formal ambitioniert Arbeitswelten im aufstrebenden China unserer Tage, wobei sich die durchrhythmisierten Szenen aus Fabriken, Trainingscamps und quasi militärisch organisierten Freizeiteinrichtungen selbst kommentieren. Doch fremdbestimmtes Leben lässt sich auch mitten in Europa finden, wie eine Dokumentation von Andrea Arnold zeigt. Die Kamera nimmt dabei so konsequent die Perspektive der endlos durch Gatter getriebenen Milchkuh Luma ein, dass die Zuschauer – der Saal war voll – mitzumuhen schienen, als der verzweifelten Mutter nach der Geburt die Kälbchen weggenommen wurden. Auch hier ist kein Off-Kommentar nötig.

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Alles überstrahlt aber hat die Dokumentation „My Childhood, My Country – 20 Years in Afghanistan“ von Phil Grabsky und Shoaib Sharifi (der Leiter des BBC-Studios in Kabul, der die berühmten Bilder von der Sprengung der Buddha-Statue von Bamiyan angefertigt hat): ein Film der Stunde, dem es gelingt, die afghanische Misere ganz aus der Innenperspektive zu zeigen.

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Zwanzig Jahre lang haben die Filmemacher das kaum vorstellbare Leben von Mir Hussein begleitet, ein Hazara, der mit seinen Eltern 2001 in den Höhlen von Bamiyan hauste und der heute selbst als Kameramann arbeitet, was bedeutet, dass er das Haus zurzeit nicht verlassen kann. Isabel Schayani war nach dem Film so gerührt, dass sie kaum moderieren konnte, aber die treffenden Worte fand: „Sie geben diesen Menschen, die so viel gelitten haben, Stolz und Ehre zurück.“ Ohne den WDR (und Arte) wäre dieser Film, der dritte über Mir nach Dokumentationen von 2003 und 2011, nie zustande gekommen, sagte der mit dem Phoenix Dokumentarfilmpreis ausgezeichnete Grabsky.

Thomas Brasch, der Berserker

Ein weiteres Highlight mit starker öffentlich-rechtlicher Beteiligung, das im Beisein fast des gesamten Stabs seine Premiere feierte, war die Verfilmung des Lebens des Dichters Thomas Brasch durch Andreas Kleinert. Elf Jahre hat die Produktion von „Lieber Thomas“ gedauert – und es hat sich gelohnt. Der zweieinhalbstündige schwarzweiße Film bringt auf eine selten sinnliche, an die Nouvelle Vague erinnernde Weise das Gebrochene und Visionäre, das Zarte und Berserkerhafte dieser Person ohne allen Dichter-Kitsch zum Ausdruck. Genial verkörpert wird Brasch von Albrecht Schuch, der mit dem International Actors Award ausgezeichnet wurde.

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Dass es auch Mittelprächtiges zu sehen gab, fällt da wenig ins Gewicht. Die Dokumentation „Endlich Unendlich“ von Stephan Bergmann etwa räumt parawissenschaftlichen „Transhumanisten“, die von der Abschaffung des Todes träumen, allzu viel Raum ein, ohne sich selbst zu positionieren. Stefan Jägers Postkarten-Kostümdrama „Monte Verità“ erzählt in lieblichen Panoramabildern historisch einigermaßen stimmig die langweiligste aller Emanzipationsgeschichten: Eine fiktive Wienerin entdeckt die nackte Freiheit. Und ein regelrechter Reinfall ist die Dystopie „Hyperland“ von Mario Sixtus.

Dem Film vorzuwerfen, optisch und darstellerisch kaum über das Niveau eines Studentenfilms hinauszugelangen, mag unfair sein: Das geht bei Low-Budget-Science-Fiction wohl kaum anders und hat immerhin Trash-Potential. Das Problem besteht vor allem darin, dass das Buch von Sixtus so wirkt, als habe man es in irgendeiner Schublade wiedergefunden. Vor zwei Jahrzehnten mag der Schöne-neue-Welt-Inhalt – allgegenwärtige Überwachung; totalitäres Cybermobbing; eine Widerstandsgruppe à la „Matrix“ oder „Fahrenheit 451“ – noch halbwegs en vogue gewesen sein, heute wirkt dieses Morgen gestrig, weil es so viele bessere Umsetzungen gibt; „Black Mirror“ und „Philip K. Dick’s Electric Dreams“ sind nur zwei davon.

Noch so viel mehr gab es in Köln zu entdecken, auf das das Publikum gespannt warten darf. Alles in allem bleibt nur das Fazit zu ziehen: Das mit dem Kino zunehmend verschmelzende Fernsehen befindet sich auf dem Zenit seines Könnens. Und seines Wollens. Und endlich sind auch deutsche Sender vielfach an den neuen Erfolgen beteiligt.

Quelle: F.A.Z.
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