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Videospiel „Life Is Strange“

Zeitreisen helfen da nur bedingt

Von Claudia Reinhard
Aktualisiert am 26.10.2017
 - 20:29
Chloe muss sich noch finden: Szene aus „Life is Strange – Before the Storm“.
Zumindest was die Komplexität weiblicher Figuren im Computerspiel betrifft, hat sich viel getan. Das Spiel „Life Is Strange – Before The Storm“ widmet sich dem Chaos der Pubertät.

„Clevere Frau“, „martialische Kämpferin“, „freches Mädchen“, „moderne Prinzessin“. Das waren für die Medienpädagogin Hella Grapenthin 2012 die vorherrschenden Rollen von weiblichen Charakteren in Videospielen. Das ist zum einen sicher dem Medium, seiner Systematik und dem Inhalt geschuldet: Auch Männer kommen in Spielen mit Fokus auf körperlichen Wettbewerb und Gewalt oft muskelbepackt stereotyp daher. Frauen sind zudem unterrepräsentiert. 2006 wurden im Rahmen einer amerikanischen Studie 150 Spiele mit mehr als 8000 Charakteren untersucht: Weniger als 15 Prozent waren weiblich.

Während es zur Quantität keine neueren repräsentativen Zahlen gibt, lässt sich feststellen, dass sich zumindest was die Komplexität der weiblichen Figuren betrifft, viel getan hat. Ein gutes Beispiel dafür ist „Life is Strange: Before the Storm“. Schon der Vorgänger-Titel „Life is Strange“ erregte 2015 viel Aufmerksamkeit. Das hatte ästhetische und erzähltechnische Gründe. Besonders mitreißend aber war für viele Spieler die emotionale Beziehung zwischen den beiden Protagonistinnen Max Caulfield und Chloe Price. Als Max zu Beginn des Spiels mitansehen muss, wie ihre beste Freundin erschossen wird, reißt sie in ihrer Verzweiflung den Arm in die Luft und dreht mit dieser Geste die Zeit zurück. Diese neue Fähigkeit setzt sie fortan dazu ein, das Leben ihrer Kommilitonen zu verbessern und einen Kriminalfall aufzuklären. Dabei hat sie zunehmend mit dem berühmten Butterfly-Effect zu kämpfen. Versucht sie beispielsweise, Chloes Vater vor einem tödlichen Autounfall zu bewahren, landet ihre Freundin im Rollstuhl. Verhindert sie einen tödlichen Kopfschuss, gerät sie selbst in die Gewalt eines Psychopathen. Irgendwann muss sich Max dann entscheiden: Opfert sie Chloes Leben, um zu verhindern, dass ihre Heimatstadt von einem Tornado verwüstet wird? Dass die Mädchen heillos ineinander verliebt sind, macht die Sache nicht einfacher.

Teenager im emotionalen Ausnahmezustand

Während das französische Entwicklerstudio Dontnod noch an der Fortsetzung arbeitet, hat das amerikanische Studio Deck Nine Games bereits die erste und zweite Episode des Prequels „Before the Storm“ veröffentlicht. Die Geschichte spielt etwa drei Jahre vor den Ereignissen von „Life is Strange“, kurz nachdem Max für die Highschool-Zeit nach Seattle zog und Chloes Vater bei dem (von Max im Vorgängerspiel nicht zu verhindernden) Autounfall ums Leben kam. Der Spieler schlüpft diesmal in die Rolle von Chloe, eines traumatisierten Teenagers – ohne Freunde und übernatürliche Fähigkeiten. Die klassische Heldin sieht anders aus. Dass der Zeitreiseaspekt wegfällt, ist rein spieltechnisch gesehen beinahe schade, macht es das Ganze doch im Hinblick auf die Erzählweise konventioneller. Gleichzeitig aber stützt dies den zentralen Konflikt des Spiels: Wie oft hat man sich – vor allem in der Pubertät – gewünscht, das eigene Handeln im Nachhinein verändern zu können? Dass man sich andere Vorbilder gesucht oder in schwierigen Situationen mehr Mut gezeigt hätte? Die Weichen anders gestellt hätte? Chloe hat dazu im Gegensatz zu Max keine Möglichkeit. Das macht die Entscheidungen, die der Spieler in ihrer Rolle treffen muss, umso gravierender.

Während in „Life is Strange“ unter anderem das Verschwinden einer Studentin namens Rachel Amber aufgeklärt werden musste, lernen wir das Mädchen im Prequel jetzt als beliebte Schülerin kennen, die sich Chloe mit ihren Familienproblemen anvertraut, obwohl die beiden sich kaum kennen. Es entsteht eine enge Freundschaft, so schnell, wie das nur bei Teenagern im emotionalen Ausnahmezustand möglich ist. Dass sich daraus bald romantische Gefühle entwickeln, ist im Spiel angelegt. Inwieweit das kommuniziert oder ausgelebt wird, liegt beim Spieler. Das war auch schon im Vorgängertitel der Fall, was in der LGBT-Community auf Kritik stieß. Dem Spiel wurde sogenanntes „Queerbaiting“ vorgeworfen, also die Andeutung von homoerotischer Spannung, um eine queere Zielgruppe zu erreichen, ohne das Thema dann tatsächlich ernsthaft zu behandeln.

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Auch ohne Action keine Langweile

Zak Garriss, der führende Autor von „Before the Storm“, wies solche Vorwürfe im Interview mit dem Magazin „Vice“ zurück: „Wir wollen nicht für eine bestimmte Community sprechen. Wir sagen nicht, ,so fühlt es sich an, wenn man sechzehn Jahre alt und ein queeres Mädchen ist‘. Wir wollten uns darauf konzentrieren, wer Chloe ist. Sie hat viele Facetten und kann nicht durch nur einen einzigen Aspekt ihres Charakters definiert werden – weder durch ihre Sexualität noch durch ihre Gender-Identität.“ Viele dieser Facetten sind von den Entwicklern klar definiert. Chloe ist aggressiv, schlagfertig und stur. Für Autorität hat sie nicht viel übrig. Aber vieles an ihr ist auch noch unentschieden, und das macht sie zu einer interessanten Heldin und den Spielprozess spannend, selbst wenn man theoretisch im Spiel viele Minuten damit zubringen kann, auf dem Bett Musik zu hören oder vor der Schule Fantasy-Rollenspiele auszuprobieren.

Obwohl die Action, zumindest in der ersten von drei Episoden, noch ausbleibt und die Spielhandlung sich weitgehend auf langsames Gehen, Begutachten von Gegenständen und Dialogauswahl beschränkt, kommt keine Langeweile auf. Denn der Spieler hat die Macht, seine eigene Chloe zu erschaffen, und zwar nicht, wie in anderen Rollenspielen, indem er die Figur mit Gegenständen und Fähigkeiten ausstattet, sondern indem er mitbestimmt, wie offen sie mit ihren Gefühlen umgeht. Mitunter kann das kitschig, sentimental und anstrengend werden, meistens aber aufwühlend und überraschend. Teenager-Jahre eben.

Spieletrailer
„Life is Strange: Before the Storm“
© Square Enix, Square Enix

Life is Strange – Before The Storm ist für den Windows-PC, Playstation 4 und XBox-One erhältlich und kostet 16,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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