David Attenborough

Er macht uns Staunen über die Wunder der Welt

Von Gina Thomas
08.05.2016
, 09:32
Für die Briten ist er ein nationaler Schatz, mit seinen Beiträgen in der BBC setzt er Maßstäbe. Nun wird der Naturfilmer David Attenborough neunzig. Er gibt ein Beispiel für ein gelungenes Leben.

Wenn es heute noch jemanden gibt, der das Gründungsideal der BBC verkörpert – nämlich zu bilden, zu unterhalten und zu informieren –, dann ist es David Attenborough. Sechs Jahrzehnte lang hat er es verstanden, seine Passion für die Natur in ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Fernsehsendungen zu vermitteln. Seine Dokumentationen über die Rätsel der Organismen unseres Planeten sind Maßstab und Vorbild für das Genre des Naturfilms. Durch ihn haben Zuschauer dank Zeitrafferaufnahme oder dem 3D-Film nicht nur die Evolutionsgeschichte als wundersames Spektakel erlebt. Ohne belehrend oder salbadernd zu sein, hat Attenborough mit sachlicher Begeisterung das Bewusstsein für das prekäre Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seiner Umwelt geweckt.

Für den zehnjährigen Akademikersohn, dessen Zimmer übersät war mit Fossilien, toten Insekten und anderen Funden, die er aus den Familienurlauben in Nordwales mitbrachte, war der Vortrag einer der Pioniere der Umweltschutzbewegung ein Schlüsselerlebnis. Der mitsamt Federschmuck in Indianerkostüm auftretende Redner, der sich Grey Owl nannte und von der Zerstörung der Natur durch das Abholzen kanadischer Wälder berichtete, machte großen Eindruck auf David Attenborough und seinen drei Jahre älteren Brüder Richard. Es ist bezeichnend, wie die beiden Jungen das Erlebnis verarbeitet haben. Während sich dem Naturliebhaber die Warnung vor der ökologischen Katastrophe einprägte, war der schauspielerisch begabte Richard fasziniert von der Theatralik des Redners, der später als Hochstapler enttarnt wurde. In der Darstellung von Richard Attenborough, der später einen Film über Grey Owl drehte, habe der lerneifrige jüngere Bruder das Akademikerherz des Vaters erfreut, während die Mutter als Vorsitzende der örtlichen Amateurtheatertruppe die Bühnenleidenschaft des auf der Schulbank weniger beflissenen älteren Sohnes gefördert habe. Die Trennung war jedoch nicht so eindeutig. Bei David Attenborough, der in Cambridge Naturwissenschaft studierte, fügte sich jedoch das Forschertemperament mit einer natürlichen schauspielerischen Begabung, so wie Richard Attenborough als Regisseur seinerseits Drama und Geschichte miteinander verband. Bei David Attenborough kommt die sprachliche Eleganz hinzu. Seine Texte haben literarische Qualität.

Wenn ihm eine Schreibtischkarriere mehr gelegen hätte, wäre David Attenborough womöglich die höchste Stelle bei der BBC beschieden gewesen. Er war als Leiter des frisch gegründeten zweiten Kanals der BBC und als Fernsehprogrammdirektor auf bestem Wege dahin. Seiner Ära sind Dokumentationsserien wie „Civilisation“ und „Der Aufstieg des Menschen“ zu verdanken, die als Klassiker in die Fernsehgeschichte eingegangen sind. Attenborough gab aber auch „Monty Python“ in Auftrag und erkannte den Unterhaltungswert von Sportarten wie Snooker. Der Einsatz in der Wildnis lag ihm jedoch mehr als Büroarbeit und so legte er zu Beginn der Siebziger die Ämter nieder, um bis zur Taille im Schlamm zu waten, sich durch den Urwald zu kämpfen und speerschwingende Kannibalen zu beschwichtigen, in Wüstendünen oder Eislandschaften nach Lebewesen zu suchen, feuerspeiende Bergspitzen zu erklimmen, in die Tiefe des Meeres zu tauchen oder in einer von Fledermäusen und Kakerlaken wimmelnden Höhle unter der Erde in die Kamera zu sprechen, obwohl ihn aufsteigende Ammoniakdämpfe beinahe erstickten, stets befeuert von der Neugier und von dem Staunen über „vier Millionen verschiedene Tiere und Pflanzen, vier Millionen verschiedene Lösungen für das Überleben“.

Der Moderator hat sich in die Herzen der Nation eingeschlichen, wohl nicht zuletzt, weil er Wesenszüge aufweist, die sich die Briten als Tugenden zugute halten, allen voran die Fähigkeit, die eigene Person hinter der Sache zurückzustellen. In seiner Autobiographie offenbart er, wie man eine Gabunviper fängt, gibt aber wenig preis über die eigene Person. David Attenborough ist zu einem der hundert größten Briten aller Zeiten gewählt worden. Neben den unzähligen Würdigungen, die ihm zuteil geworden, darunter mehr als dreißig Ehrendoktortitel und die Mitgliedschaft des erlesenen Kreises des Order of Merit, trägt er den inoffiziellen Titel eines „national treasure“, mit dem die Bevölkerung ihren Lieblingen Ehre erweist. Als Vertreter der alten Bildungswerte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen könnte man ihn im Zeitalter der Promi-Kultur selbst als eine der vom Aussterben bedrohten Arten bezeichnen, denen er bis heute an den entlegensten Plätzen der Erde nachspürt. Am heutigen Sonntag wird Sir David Attenborough neunzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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